"Wir müssen noch auf meine Co-Referentin warten", sagte Dr. Jochen Gutte zu Beginn der Lesung mit dem Thema "Das Warten". Es ist ein Leben lang täglicher Begleiter des Menschen, das Warten, und mühelos füllte das Thema deshalb auch einen Nachmittag. Das wurde - trotz des Wartens - sehr kurzweilig.

Jerichow l "Was ist eigentlich Warten?" Mit der Erörterung dieser Frage füllte Gutte die Wartezeit auf Diana Enders, die von der Arbeit direkt zur Lesung kommen wollte. "Es ist ein Tätigkeitswort, also tut man etwas. Aber was tut man, wenn man wartet? Nichts!" Eigentlich mache man sich darüber kaum Gedanken, aber wenn man es auf die Goldwaage legt...?

Zu weiteren Betrachtungen kam es dann nicht mehr, denn: "Meine Co-Referentin ist gekommen, also brauchen wir nicht länger zu warten!"

Zur Einstimmung las Jochen Gutte eine Bahnhofsgeschichte, eine typische Warte-Situation, die in die Zeit vor dem Fall der Mauer zurückführte. Warten auf lang ersehnten Westbesuch, und dann das: "Der Zug von X über Y nach Z hat 45 Minuten (oder so etwa) Verspätung!" Der meisterhafte Beobachter Jochen Gutte beschreibt die Reaktionen darauf, die Enttäuschung, das "Sich ins Schicksal fügen", die Versuche, mit sinnlosen Tätigkeiten die Wartezeit "zu verkürzen".

Ohne sich zuvor abzusprechen, hatten die beiden Referenten ihre Texte zum Thema ausgewählt. Es verwunderte deshalb nicht, dass auch Diana Enders an erster Stelle das Warten auf dem Bahnhof platziert hatte. Auch sie hat genau beobachtet, beschrieb jedoch eine ganz andere Situation: Sehr aktuell, eine Fahrt in der Gruppe und mit Familie zum Kirchentag nach Hamburg. Warterituale entwickelt jeder auf seine Weise, sie sind bei Kindern anders als bei Erwachsenen, und manche gleichen sich auch sehr, zeigte sie. Zum Beispiel: "Die Leute schauen fast minütlich auf die Anzeigetafel, als käme der Zug so schneller..."

"Vergebliches Warten" hieß ihre zweite Geschichte und "Warten ohne Ende" ihre dritte. "In aller Regel warten wir darauf, dass etwas endet, das wir nicht aushalten können." Das kann ein starker Schmerz ebenso sein wie schier unerträgliches Nichtstun oder eine große Ungewissheit.

Diese Ungewissheit und offensichtliche Sinnlosigkeit des Wartens brachte Gutte mit Nennung des berühmten Theaterstücks in Erinnerung, worin es genau darum geht: "Warten auf Godot" von Samuel Beckett. "Ob ich auf Godot warten sollte?" Eine gängige Rede seiner Mutter sei gewesen: "Wart\'s ab!" Das Ergebnis: "Ich habe das Warten gelernt. Ich kann warten."

Schließlich brachte er auch seinen fiktiven Gesprächspartner ins Spiel, um den herum er schon so viele schöne Geschichten mit philosophischen Betrachtungen über Alltägliches geschrieben hatte: Opalka. "Ob Opalka auf Godot warten würde? Nein! Opalka ist ein Tatsachenmensch." Und es folgte eine Geschichte.

Und zum Schluss kam, was beim Thema "Warten" auf keinen Fall fehlen durfte: Das Wartezimmer. Erlebt hat das so oder ähnlich ganz sicher schon jeder, nur eben nicht so schön aufgeschrieben, mit solchem Blick für\'s Detail und mit der Gabe, sich in die Gedankenwelt jedes Einzelnen hineinversetzen zu können, die sich widerspiegelt im Verhalten innerhalb dieser zufälligen "Wartegemeinschaft". Köstlich.

Zu allerletzt war da noch "Die Sache mit Rumpelstilzchen" - auch eine Wartezimmergeschichte, die zeigt, wovor sich Eltern kleinerer Kinder in solchen Situationen offenbar am meisten fürchten: vor Peinlichkeiten. "Papa, was ist eigentlich aus Rumpelstilzchen geworden?", ist da nur die Krönung eines Fragenkatalogs, den der Nachwuchs so drauf hat, wenn mangels Beschäftigung das Innenleben Zeit hat, sich zu entfalten und ungelöste Probleme nach Lösung suchen.

Mehr als nur eine "Überbrückung der Wartezeit" zwischen den Geschichten war das Keyboard-Spiel von Wolf Matzdorff, der wieder etliche passende Stücke ausgewählt hatte. Dabei hatte er schon befürchtet, es gebe nicht anderes als "Warte, warte nur ein Weilchen..." scherzte Gutte.

Eine weitere Lesung mit Diana Enders und Jochen Gutte soll es auch geben. Ins Auge gefasst haben die beiden dafür die erste Mai-Hälfte. "Was, noch so lange warten!?", war die scherzhafte, aber durchaus ernst gemeinte, Reaktion der Fans.

 

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