Das mutige Unternehmen "Violet" startete am 25. April 1945. Im Ergebnis gab es Anfang Mai eine Teilevakuierung des deutschen Kriegsgefangenenlagers Stalag XI-A. Fast 20000 Gefangene aus mindestens sieben Nationen wurden gerettet.

Dörnitz/Altengrabow l Am 27. April 1945 schrieb der holländische Kriegsgefangene Wim Bökkering, der sich zu dieser Zeit im Lazarett Groß-Lübars befand, in sein Tagebuch folgende Notiz ein: " Um 18 Uhr kam ein Sonderbericht von Jan van der Linden: Spezialnachricht an alle niederländischen Kriegsgefangenen: Ein englischer Major, ein Leutnant und ein Unteroffizier vom SHAEF (Supreme Headquaters Allied Expeditionary Forces) sind hier (in Altengrabow) angekommen. Sie gehören zum SAARF (Special Allied Air Reconnaisance Force), also spezielle Luftaufklärungstruppen. Sie sind hier, um an der Versorgung der Kriegsgefangenen aller Nationen mitzuarbeiten. Ihre unmittelbare Aufgabe ist es, Informationen über den Zustand der Kriegsgefangenen in den Lagern Altengrabow und Groß-Lübars zu sammeln, für den Fall, dass diese Lager von den Alliierten befreit werden."

Jan van der Linden war ein Vertrauensmann der Holländer. Andere Kriegsgefangene beobachteten, dass deutsche Soldaten, Angehörige des Lagerpersonals einige Alliierten Soldaten in das Hauptlager Altengrabow führten.

Die Lage in Altengrabow war für die Kriegsgefangenen alles andere als rosig, mangelnde Verpflegung, fehlende medizinische Versorgung, zunehmende Überbelegung des Lagers durch die Altengrabow tangierenden Evakuierungstransporte aus den aufgelösten Lagern in den Gebieten, die schon von der Roten Armee besetzt waren.

Die allgemeine sich täglich verschlechternde Lage in den Kriegsgefangenenlagern war den westlichen Alliierten natürlich nicht unbekannt, so auch die konkrete Situation im Stalag XI-A Altengrabow. Geflohene russische Kriegsgefangene informierten die bereits bis zur Elbe vorgedrungenen amerikanischen Truppen über die beabsichtigte Räumung des Stalag XI-A durch die deutschen Bewachungskräfte. Das damalige alliierte Hauptquartier (SHAEF) unter Leitung des Oberbefehlshabers General Dwight D. Eisenhower, lehnte zuerst ab, irgendwelche Maßnahmen zum Schutz der Kriegsgefangenen einzuleiten, musste jedoch auf Grund der täglich komplizierter werdenden Lage in den Lagern seine Meinung dazu ändern. Deshalb wurde beschlossen, Angehörige des SAARF-Kommandos im Rahmen der Aktion "Violet" einzusetzen, um die in Altengrabow drohende Evakuierung des Lagers zu verhindern.

Diese spezielle Einheit der Alliierten, die im Jahr 1943 in England aufgebaut wurde, erhielt im Februar 1945 den Auftrag den Einsatz vorzubereiten. Aus dem 360 Mann starken Personalbestand, davon 120 Franzosen, 96 Engländer, 96 Amerikaner, 30 Belgier und 18 Polen, wurde eine vorgesehene Einsatzgruppe in der Stärke von 18 Mann ausgewählt. Es war vorgesehen, in sechs Gruppen zu je drei Mann über Altengrabow mit Fallschirmen abzuspringen und durch Verhandlungen mit dem deutschen Lagerkommandanten Oberst Ochernal die drohende Evakuierung zu verhindern.

Die Einsatzgruppen standen unter der Leitung des englischen Majors Philip Worrall, der Rufname seiner Gruppe war " Eraser". Leutnant Cousin, ein Franzose, führte die Gruppe "Briefcase". "Pennib" wurde von Major Forshall, "Cashbox" von Hauptmann I. Brown, "Sealing Wax" von Hauptmann Soual und "Pencil" von Hauptmann Warfield geleitet.

Zwei Douglas C-47D Skytrain-Absetzmaschinen standen dem Kommando zur Verfügung. Der Einsatz startete am 25. April 1945 um 20.30 Uhr von der englischen RAF Basis Great Dunmor. Der Platz wurde sowohl von der RAF als auch seit September 1943 von der US Air Force, der 386th Bombergruppe, genutzt. Alle einzelnen Angehörigen waren einsatzbewährte Soldaten, die speziell auf diesen Einsatz vorbereitet wurden. Sie wurden über einem Teil Deutschlands abgesetzt, der Frontgebiet war. Einerseits die Rote Armee aus Richtung Berlin-Beelitz, anderseits die amerikanischen Truppen, die schon an der Elbe bei Magdeburg-Barby standen. Zwischen den beiden Fronten die deutsche Wehrmacht und versprengte SS-Einheiten.

Kommando-Angehörige mussten mit Tod rechnen

Hinzu kam der Befehl Hitlers vom 18. Oktober 1942, der die Vernichtung von Kommandotruppen und Fallschirmspringern vorsah und von deutscher Seite auch durchgesetzt wurde. Die Angehörigen des Kommandos mussten also damit rechnen, bei der Landung festgenommen und erschossen zu werden.

Über dem Zielgebiet verließen Worrall, Hill und Funker Jones als erste die Maschine, gefolgt von der französischen Gruppe. Ihre Landung erfolgte kurz nach Mitternacht in der Nähe des Ortes Groß-Lübars, nahe einer Feldscheune. In der Scheune befanden sich 15 französische, holländische und belgische Kriegsgefangene. Zu diesem Zeitpunkt gelang es dem Funker Jones nicht, den Kontakt mit der SAARF-Leitung in England aufzunehmen, um die Landung zu melden.

Die Gruppe bewegte sich in nördlicher Richtung auf das Waldgebiet um Altengrabow zu. Gegen 5.30 Uhr erreichten sie eine Kieferschonung, in der sie sich versteckten. Gegen 16.30 Uhr wurden sie von etwa 15 Volkssturmmännern gefangengenommen und wieder nach Groß-Lübars in die damalige Gaststätte "Zum Deutschen Bund" gebracht. Um 22 Uhr wurden sie zum Stalag XI-A gebracht und einem ersten Verhör durch den Abwehroffizier des Lagers, Hauptmann Flack, unterzogen.

Die Sekretärin von Flack, Ellen T,. nahm am Verhör teil. Sie lebt heute in der Nähe von Mönchengladbach. Am Abend nach dem Verhör wurden sie in einen Block des Lagerbereiches geführt, der für besondere Gefangene eingerichtet war. Worrall war zu dieser Zeit immer noch im Besitz seiner persönlichen Waffe und Munition. Ihr Gepäck, darunter auch das Codebuch und ein BBC-Empfänger, wurde ihnen wieder ausgehändigt. Morgens wurden sie in das Lazarett "A" auf dem Gelände des Lagers gebracht und hatten dort einen ersten Kontakt mit den dort arbeitenden britischen Ärzten Gottlieb, Burten und Tate. Worrall wurde in dieser Situation zum Lagerkommandanten Oberst Ochernal geführt, der ihn nochmals verhörte.

Am Nachmittag des 27. Aprils wurde Worrall in eine Dienststelle der Wehrmacht nahe Brandenburg gebracht. Ein Verhör erfolgte nicht. Spät in der Nacht wurde er wieder nach Altengrabow gebracht. Dort war inzwischen das Gerücht im Umlauf, Worrall sei ein von den Deutschen eingesetzter Spitzel, um die Kriegsgefangenen zu provozieren. Die Kriegsgefangenen konnten aber auch absolut nicht verstehen, dass ein bewaffneter englischer Offizier sich frei im Lager bewegen konnte. Worrall brauchte nach eigenen Erinnerungen zwei Stunden, um den englischen Kriegsgefangenen zu beweisen, wer er war und was er für einen Auftrag hatte. Als Beweis seiner Identität übergab er den Kriegsgefangenen seinen BBC-Radioempfänger, allerdings mit der Auflage, ihm zweimal am Tag den Inhalt der BBC-Sendungen zu übermitteln.

Am 29. April erfolgte dann ein erstes Treffen mit den Hauptvertrauensleuten aller Nationen, bei dem Worrall den Inhalt seines Auftrages erläuterte und in dessen Folge eine "Alliierte Kontroll Kommission" unter der Leitung des russischen Oberstleutnant Panow gebildet wurde. In dieser Situation wurden die Mitglieder der französischen Gruppe sowie die Amerikaner Paroda und Murphy von der Gruppe "Cashbox" in das Lager gebracht. Sie waren von den Deutschen aufgegriffen worden. Es fehlte allerdings noch der Leiter von "Cashbox", Hauptmann Brown. Von den übrigen zwölf Mitgliedern der Mission "Violet" gab es keine Nachrichten.

In den Morgenstunden des 30. April wurde Worrall durch einen britischen Soldaten informiert, dass der italienische Diktator Mussolini tot sei und die 5. Armee Venedig eingenommen hatte. Daraufhin forderte er eine Zusammenkunft mit dem Lagerkommandanten Oberst Ochernal, der zustimmte, dass Oberstleutnant Panow als Vertreter aller Kriegsgefangenen an dem Gespräch teilnahm. Im Rahmen dessen wurde vereinbart, dass die deutsche Seite alle grundlegenden Dienstleistungen gegenüber den Kriegsgefangenen weiterhin zu regeln haben. Alles andere sollte durch die "Alliierte Controll Commission (ACC)" veranlasst werden.

Zu diesem Zeitpunkt weigerte sich Ochernal noch, Worrall sein Funkgerät zurückzugeben. Es konnte also noch keine Verbindung über Funk nach England aufgebaut werden.

Überraschend befahl Ochernal am 1. Mai 1945, dass alle britischen und amerikanischen Kriegsgefangenen um 8 Uhr sich abmarschbereit zu halten hatten. Dieser Teil des Lagers sollte evakuiert werden. Ochernal blieb gegenüber der Forderung der ACC diesen Befehl zurückzunehmen hart. Er hatte den entsprechenden Befehl erhalten und gedenke nicht, diesen Befehl nicht auszuführen.

Eine weitere Gruppe von Kriegsgefangenen erhielt einen gleichlautenden Befehl. Etwa 150 Soldaten des Wachpersonals standen bereit, diesem Befehl Nachdruck zu verleihen.

Erst gegen Mittag des Tages war der Lagerkommandant Ochernal bereit, seinen Befehl zu widerrufen. Außerdem erlaubte er nun, dass Worrall sein Funkgerät benutzen konnte und informierte ihn darüber, dass seine übergeordnete Dienststelle ihm befohlen habe, mit den amerikanischen Truppen Kontakt aufzunehmen und ein Zusammentreffen mit ihnen zu organisieren. Worrall informierte darüber das Alliierte Hauptquartier mit folgendem Funkspruch: "Worrall, Hill,Jones,S/Lt. Cousins, Paroda und Murphy alle Gefangene. Die Deutschen haben zu allen Zeiten die Gruppe gut behandelt, wie die Verhandlungsführer zur Übergabe des Lagers. Worrall hat eine Alliierte Controll Commission (ACC) unter Leitung eines russischen Oberstleutnants gebildet; in Bereitschaft für die Übernahme. Aber zur derzeitigen Situation bleibt die Kontrolle bei den deutschen Wachen. Der deutsche Oberst des Stalag, Theodor Ochernal ist nach Magdeburg gefahren, um die Amerikaner zu treffen, er wird begleitet vom amerikanischen Leutnant Drury, der in der letzten Nacht ins Lager gebracht wurde".

Am 3. Mai 83th US Division auf Weg nach Altengrabow

Am 3. Mai sendete Worrall den Funkspruch, dass Angehörige der 83th US-Division auf den Weg nach Altengrabow waren. Also waren die Verhandlungen von Ochernal und den Amerikanern erfolgreich. Es war das Ergebnis des Gespräches Ochernals mit dem Kommandeur der 83th US Division, Generalmajor Macon. Beim Treffen, das in Zerbst stattfand, wurden die Modalitäten für das freie Geleit der Lkw-Kolonnen über den Brückenkopf der Amerikaner bei Barby nach Altengrabow festgelegt. 70 große Lkw trafen daraufhin in Altengrabow ein, mit Versorgungsmaterial und Lebensmittel sowie 30 Sanitätsfahrzeuge mit dem notwendigen Ärzteteams. Dazu wie bei den Amerikanern üblich, eine Menge von Presseleuten und Fotografen. Worrall bemerkte übrigens dazu, dass in Zerbst fast an jedem Haus eine weiße Fahne hing, in Loburg dagegen keine Fahnen aber jede Menge Zuschauer.

In Groß-Lübars trafen sie eine große Anzahl bewaffneter deutscher Soldaten an. Etliche versuchten ,aus Angst vor der Roten Armee auf die amerikanische Seite zu kommen. Der Lagerkommandant Oberst Ochernal nutzte die Gelegenheit und setzte sich mit dem ersten Evakuierungstransport der Amerikaner auf das durch die US Army besetzte Territorium ab.

Am 4. Mai 1945 kam es auf dem Gelände des Stalag XI-A zu einem ersten Zusammenstoß mit Angehörigen der Roten Armee, die sofort die Evakuierung stoppte. Es handelt sich dabei um Angehörige der 312. sowjetischen Schützendivision, die am 5. Mai Möckern erreichten und später über Möser zur Elbe, zehn Kilometer nördlich von Magdeburg, vorstieß. Im Lager selbst wurde die deutsche Seite vom eingesetzten Lagerkommandanten Oberstleutnant Ballerstedt und seinem Stellvertreter Major Kluge vertreten. Alle organisatorischen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Teilevakuierung wurden vom sowjetischen Lagerkommandanten Oberstleutnant Iwan Nikolaijewitsch Panow geregelt.

Der Abtransport der ehemaligen Kriegsgefangenen erfolgte über den Brückenkopf der Amerikaner bei Barby. Dazu wurde die "Truman-Brücke" eine von den Pionieren der 83th eingerichtete Brücke genutzt. In der Kriegschronik der 83th wurde die Gesamtzahl mit 20 000 Kriegsgefangenen angegeben. In den russischen Angaben, die auf den von Oberstleutnant Panow beruhen, wurden 3929 Russen, 971 Engländer/Amerikaner, 3883 Franzosen, 627 Belgier, 393 Holländer und 104 Tschechen, insgesamt 9908 Personen, genannt.

Dem gegenüber widersprüchlich ist die Meldung der 83th aus dem Kriegstagebuch für den Zeitraum Mai 1945, in dem von 19 000 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gesprochen wird. Insgesamt gesehen konnte die Operation "Violet" seitens der westlichen Alliierten als Erfolg angesehen werden, vor allem weil sie auch für die eingesetzten Kommandoangehörigen verlustlos ablief.

Die bis zum Ende der Aktion nicht gefundenen Angehörigen der französischen Gruppe "Sealing Wax" des Hauptmann Soual tauchte im Juni 1945 nach kurzer Festnahme durch die Rote Armee im Raum Halle wieder auf. Die Gründe dafür sind bisher nicht bekannt geworden.

Jede Spekulation erübrigt sich, wenn man beachtet, dass alle Angehörigen von "Violet" mehr oder weniger aus den Reihen der militärischen Geheimdienste wie SOE (Spezial Operation Executive, England) und des amerikanischen OSS (Office of Strategie Services) kamen.

Oberst Philip Worrall war vor seinem Tod 2005 noch einmal in Altengrabow. Er wurde von seinem Sohn Simon begleitet und war Gast der zu dieser Zeit auf dem Truppenübungsplatz übenden englischen Truppen. In diesem Zusammenhang besuchte er auch Groß-Lübars, den Ort wo er 1945 im Rahmen der Operation "Violet" seinen Auftrag erfüllte.

 

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