"Schwester Agnes", die engagierte Gemeindeschwester aus dem DEFA-Film der 70-er Jahre, ist zu einem Begriff geworden. Es ist also nicht verwunderlich, dass es in Zeiten unzureichender ärztlicher Versorgung auf dem Lande Bemühungen gibt, nach ihrem Vorbild Versorgungslücken zumindest teilweise zu schließen. Rings um Jerichow gibt es das nun.

Jerichow l "Schwester Agnes heißt bei uns Sandra", scherzt Dr. Jörg Schulze, Facharzt für innere Medizin, Inhaber einer Praxis auf dem Gelände des Fachkrankenhauses Jerichow, gemeinsam mit Dr. Carola Lüke. Sandra Müller wird künftig für Patienten beider Ärzte tätig sein.

In ihrem ersten Beruf war Sandra Müller Rettungsassistentin. Eine Frau in diesem Job ist eher eine Ausnahme, denn es ist auch körperlich schwere Arbeit. Aber sie wollte es damals unbedingt, erzählt sie, und fand in Stendal die notwendige Unterstützung, um ihren Berufswunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Vom Jahr 2000 an hatte sie dort im Rettungsdienst gearbeitet, bevor sie in die Jerichower Arztpraxis wechselte.

Ein Jahrzehnt Berufserfahrung hatte sie aber geprägt. Nach Hause zu den Patienten gehen und vor Ort zu helfen, das wollte sie auch weiterhin. Also gab sie sich nicht damit zufrieden, als sie nach einer vollständigen zweiten Ausbildung im vorigen Jahr den Abschluss als "Medizinische Fachangestellte" in der Tasche hatte. Es war vor allem ihre eigene Initiative, die sie dazu brachte, gleich noch ein bisschen länger die Schulbank zu drücken.

Am 30. November 2013 bekam sie nach einem Kompaktkurs mit 200 Unterrichtsstunden, die sie in Leipzig absolviert hatte, die Qualifikation "Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis" - kurz genannt "VERAH". Zur Ausbildung gehörten auch Praktika, zum Beispiel in der Apotheke und in der Pflege, und zum Abschluss musste sie eine Hausarbeit mit einem Patientenbeispiel schreiben und eine Prüfung absolvieren.

Es gab auch Modellprojekte mit vergleichbaren Zielen, die sich tatsächlich "AGNES" nannten. Das unterstreicht den Handlungsbedarf. "Aufgrund steigender Anforderungen an die hausärztliche Praxis - eine Folge demografischen Wandels und der Zunahme chronischer Krankheiten - sieht der Deutsche Hausärzteverband die Notwendigkeit einer Qualifikationsoffensive," heißt es auf der Internetseite "verah.de", und: "VERAH® ist eine Qualifizierungsoffensive für die Medizinische Fachangestellte in der Hausarztpraxis. Ziel dieser Maßnahme ist es, die Hausarztpraxis als zentralen Ort der Versorgung zu stärken, die Berufszufriedenheit der Medizinischen Fachangestellten zu steigern und die Hausärztinnen und Hausärzte durch hochqualifizierte Unterstützungsleistungen zu entlasten."

Bei Hausbesuchen den Blutdruck messen, Zuckerkontrollen, Medikamenten-Management, Termin-Koordination für Facharzt- oder Therapiebesuche, Wundkontrolle, Überwachung des Impfmanagements, die Qualifizierung der Patienten und ihrer Angehörigen, um selbst zum Beispiel Blutzucker messen zu können oder sich zu spritzen, und auch die Koordination mit Krankenkassen und Pflegediensten - als das seien Aufgaben, die die "VERAH" wahrnehmen darf, erläutert Dr. Jörg Schulze.

Dabei gehe es in erster Linie um die Betreuung chronisch kranker Patienten über 65 Jahre oder auch von jüngeren Patienten, die zeitweise die Praxis nicht besuchen können, zum Beispiel nach Operationen. Voraussetzung für solche Tätigkeiten von Sandra Müller sei, dass es Patienten von Dr. Schulze oder Dr. Lüke sind, die auch im Hausarztprogramm sind.

Besucht werden auch Heime, ergänzt Dr. Schulze, sowie auch Patienten, die darum gebeten haben, die in der Regel jedoch keine Pflegestufe haben. Und er betont: "Es werden keine haushaltsnahen Leistungen erbracht." Sandra Müller werde also nicht für die Patienten einkaufen gehen oder den Hund Gassi führen. Es soll auch auf keinen Fall eine Konkurrenz zu den Pflegediensten sein.

Zur Zeit ist Sandra Müller immer freitags unterwegs, kommt zu manchen Patienten regelmäßig, zu anderen auf Zuruf. Erweiterbar seien ihre Einsätze auf jeden Fall noch.

Auch ihr Koffer ist noch nicht komplett ausgestattet. Geplant sei zum Beispiel noch, auch ein mobiles EKG-Gerät dabei zu haben, um auch solche Kontrollen direkt vor Ort vornehmen zu können.

Unterwegs sein wird Sandra Müller im eigenen Auto. Ein "VERAHmobil" werde bisher nur in Baden-Württemberg von der AOK finanziert, in anderen Bundesländern gebe es diese Leistung bisher nicht, bedauert Dr. Jörg Schulze.