Genthin l "Die Erinnerung an den Krieg beginnt bereits im Krieg", formulierte Dr. Justus Ulbricht zu Beginn seines Vortrags. Die realistischen Schilderungen von Kriegserlebnissen im Heeresbericht Köppens waren für das Heranziehen neuer Kriegsgenerationen im damaligen Denken nahezu unbrauchbare Lektüre.

Anlässlich des 75. Todestages Edlef Köppens sprach der Referent aus Dresden am Freitag über das vergessene Werk des Schriftstellers in der Kultur der Weimarer Republik. In der Stadt- und Kreisbibliothek Genthin vereinte er historische Sichtweisen mit germanistischen, pädagogischen und philosophischen Aspekten.

In Enzyklopädien wurde Köppen nicht für die Inhalte seines "Heeresberichts", sondern mit seiner Montagetechnik verewigt. Mit literarischen Beispielen aus Kriegszeiten und der Weimarer Republik machte der Referent ein umfassendes Angebot an Ursachen, die Köppens Roman in der Literaturszene der Weimarer Republik auf ein Abstellgleis drängten.

Mythen haben eigene Wahrheit

Größtenteils sind die fehlende Mythisierung und Heiligsprechung des Krieges und der Gefallenen Gründe, weshalb die literarischen Erlebnisse Köppens nicht verbreitet wurden.

Mythen hätten ihre eigene Wahrheit und wurden zum Beispiel in literarischen Darstellungen der Schlachten Langemarcks, Verduns und Tannenbergs in Form von Kriegsnovellen an zukünftige Soldatengeneration weitergegeben, erklärte Ulbricht. Beim Beispiel Langemarck war es eine stürmende Volksgemeinschaft, in der Schlacht von Verdun ist der Mensch in literarischen Darstellungen bereits als "Material" und "Maschine" geschildert worden. Kriegslyrik, -reden und -predigten in massenhafter Verbreitung trieben den Mythos vom Krieg als "Gemeinschaftsprojekt" des Volkes voran. Die Sakralisierung funktionierte vor allem auch über das Emporheben von Gefallenen für Deutschland. Der Tod eines Soldaten wurde so als Erfüllung seines Lebens in Texten dargestellt. Die mythischen Erzählungen dienten dazu, komplizierte Geschichte zu vereinfachen.

Auch nach dem Krieg mussten die einstigen Rechtfertigungen für den Ersten Weltkrieg hochgehalten werden. Das Erbe der Toten sei in der Gesellschaft der Weimarer Republik durch den fortlaufenden Kampf für Deutschland in Friedenzeiten geprägt gewesen. Bürgermeister Thomas Barz brachte in der anschließenden Diskussion noch einen weiteren Punkt zum Thema Wahrnehmung hervor. "Jeder hat seine eigene Wahrheit über die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges, der Heeresbericht ist die Wahrheit aus der Perspektive Köppens."

Erinnerung ohne Zeitzeugen

Wie damals müsse die Gesellschaft auch in der heutigen Zeit wieder mit Kriegsverlusten umgehen lernen, fügte Ulbricht dem hinzu. Menschenrechte und Humanität würden in den politischen Debatten zwar beschwört, "die selbstgesetzten Standards werden jedoch ständig verletzt", gab Ulbricht zu bedenken.

Es gilt abzuwarten, was geschieht, wenn das kollektive Familiengedächtnis durch das Fehlen von Zeitzeugen erlischt. Kommende Generationen werden andere Wege finden müssen, mit dem übergroßen Medienangebot umzugehen.

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