Karneval zwischen Berlin und New York, zwischen Bollywood und Bolschoi-Theater, zwischen Kaiserin Sissi und Obdachlosen im Central Park, zwischen Vatikan und Buckingham Palace - und zwischen Jerichow und Zabakuck - das konnten die Gäste an zwei Abenden in Luckes Saal erleben.

Jerichow l Wer Elferrat, Funkengarde oder Büttenreden erwartet, der ist falsch beim "Motzener" Karneval. Denn hier ist nichts wie anderswo, außer, dass es jede Menge zu lachen und zu gucken gibt. Hier wird eine große, bunte Geschichte erzählt, und schon seit Jahren gehen den Akteuren die Themen dafür nicht aus. Auch fürs nächste Jahr gibt es schon Ideen, verriet Katrin Wilke, die erneut Regie geführt hat.

Was aus einer solchen Idee wird, das entwickelt sich erst Stück für Stück. Da wird zusammengesessen, aufgeschrieben, verändert, da ergibt sich eins aus dem anderen, und manches Detail fällt den Akteuren später noch bei den Proben ein. So wird die "Geschichte" lebendig, wirken die Rollen wie auf den Leib geschrieben.

Und so ging es los: Urlaubsplanung bei "Familie Mustermann". Man richtet sich schon darauf ein, wieder an den Zabakucker See zu fahren, da überrascht Papa mit der Neuigkeit von der Steuerrückzahlung. "Wir machen eine Städtereise!"

"Minister-Würfeln" in Berlin

Auftakt in Berlin: Hier wird gerade die neue Regierung gebildet. Die Parteienvertreter ermitteln beim "Stuhltanz", wer rausfliegt. Die Koalitionsverhandlungen finden frei nach der "Herzblatt"-Show statt, und um die Ministerposten wird gewürfelt - ganz so, wie es vielen Bürgern auch im wahren Leben scheinen mag. Spitzenmäßig ist Katrin Engelke als Angela Merkel. Den "Pechvogel" beim Würfeln mimt wunderbar Jutta Merkla alias Ursula von der Leyen, der am Ende nur der Verteidigungsministerposten bleibt. Schlussspruch der Szene: "Brei statt Böller, Muttermilch statt Munition, Windeln statt Waffen! Ich bin Deutschlands Kanonen-Uschi!"

Vom fiktiven Ryanair-Flughafen geht`s dann nach London, weil der neue Flughafen Berlin-Brandenburg noch nicht fertig ist. Hier ist natürlich der Buckingham-Palast ein Ziel. Tom Hannemann und Ben Seidler stehen als Wachen davor, die keine Miene verziehen, als sie von den Mustermann-Kindern provoziert werden - bis sie die Jacke aufschlagen: "Willst du Brille kaufen?" Zu guter Letzt klauen "Max" und "Mandy" alias Tim Lach und Anika Taut ihnen die Gewehre Marke "Nimbus 2000" und reiten "nach Hogwarts" - Harry Potter lässt grüßen.

Inzwischen suchen die Mustermann-Eltern Marie, ihre Jüngste, die mit den Großen nicht mitdurfte - und finden sie im indischen Viertel, wo sie mit den ansässigen Mädchen einen Tanz à la Bollywood aufführt. Die Mädchen der Kindertanzgruppe haben hiermit einen der Höhepunkte des Programms geliefert: In ihren farbenprächtigen, von Jutta Merkla genähten Kleidern begeisterten sie mit einem tollen Auftritt das Publikum, das unbedingt eine Zugabe wollte.

"Speakers Corner" war dann eine prima Möglichkeit, alle möglichen großen und kleine Sorgen und Ärgernisse auszusprechen - erst war "Prinz Charles" alias Henry Bliemeister an der Reihe, dann Männer, Frauen, Jugend ...

Die nächste Reiseetappe leitete ein durchs Publikum schleichender "Agent" ein: "Edward Snowden" alias Verena Pernitzsch sammelte symbolisch Informationen, um sich dann in Moskau mit einem anderen Agenten (Armin Wilke) zu treffen: Einfach köstlich! Danach gab es Moskaus kulturelle Seite zu sehen: das Bolschoi-Ballett als Männertanz. Ihre roten "Kalinka"-Kostüme streiften die Herren im zweiten Teil ab, um als "Schwäne" weiterzutanzen - einfach ein Muss im Karnevalsprogramm.

Es folgte ein Schunkel-Teil mit Seemannsliedern: die Überfahrt zur Arktis - oder Antarktis? Jedenfalls sagten sich die Pinguin und Eisbär "guten Tag", und die Reisenden kamen schließlich zum Aufräumen, beseitigten den "Müll der Ozeane" und nahmen den Pol für Jerichow in Besitz, "damit die Dienstreisen des Bürgermeisters künftig noch ein bisschen weiter werden."

Bankenkrise: Wo gibt`s Dollars?

In New York wurde die Bankenkrise auf die Schippe genommen: Bei der "Lehmann Sisters Bank" gab es nur noch alte, ungültige Scheine und den Tipp, im Central Park an "Tonne 9" schwarz zu tauschen. Später ging`s ins Broadway-Musical - hier legten die Damen einen klasse Auftritt hin. Unterwegs nach San Francisco wird "Mandy Mustermann" alias Anika Taut mit Falschgeld ertappt, verhaftet und nach Alcatraz, das ja bekanntlich Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein berühmtes Hochsicherheitsgefängnis war, geschafft. Hier trifft das Publikum dann auf die verschiedensten Gestalten, dargestellt von der Jugend, deren Auftritt dann fließend übergeht in einen tollen "Flower Power"-Tanz.

Nächste Station ist Rom, Audienzzeit beim Papst. Da kommt zunächst Tebartz van Elst (Jutta Merkla) zur Beichte wegen seines Prunkbaus. Seine Buße: Mit Förste-Reisen von der Haltestelle Petersplatz nach Mangelsdorf fahren (aber nicht Erster Klasse), und dort ein Jahr lang den Gemeindediener Herrmann unterstützen - in der spartanischen Kirche ... "Kann ich nicht vielleicht doch meine Badewanne mitnehmen?"

Als nächster kommt Uli Hoeneß (Henry Bliemeister) wegen seiner Steuersünden - um sich zu überzeugen, dass die andere Hälfte seines Vermögens auf der Vatikanbank sicher ist ...

Der Weinbergturm ist zu teuer ...

Dann wird es lokal: Harald Bothe alias Peter Merkla beichtet, dass der Aussichtsturm auf dem Weinberg teurer geworden ist. Deshalb sollen nun er, seine Nachfahren und die Nachfahren seiner Nachfahren den Turm regelmäßig streichen, und sonntags von oben ein Lied singen. Gastwirt Rainer Lucke (Ben Seidler) erhält die Auflage, den Saal frauenfreundlich zu temperieren und den Männern künftig jeden Sonnabend Einlass zu gewähren. Eingeweihte wissen, warum ...

Zuletzt kommt auch noch "Oma Martha" (köstlich: Ina Perleberg) und beichtet, dass sie beim letzten Rentnerkaffee das größte Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte genommen hat, beim Friseur eine Frauenzeitung mitgehen ließ, einem Pfleger in den knackigen Hintern gekniffen hat und bei einer Feier zwei Gläser Sekt zuviel getrunken und dann einen flotten Stangentanz hingelegt hat. "Lass gut sein, meine Tochter. Du bis so, wie ich mir alle meine Schäfchen wünsche: der ganz normale Wahnsinn!"

In Wien gab es ein Wiedersehen mit der "gealterten" Sissi (Jutta Merkla), die in einem früheren Programm schon mal von Tochter Anika gespielt wurde, und in einem Wiener Café wurde noch tüchtig über den Irrsinn hergezogen, dass man Namen von manchen gerichten nicht mehr verwenden darf, weil sie angeblich verschiedene Völkergruppen verunglimpfen. Das wurde herrlich auf die Spitze getrieben.

Und zuletzt schwärmte Familie Mustermann noch, wohin man beim nächsten Mal noch so fahren könnte, und entsprechend zeigte die Jugend einen sozusagen internationalen Tanz-Mix, der dann ins Schlussbild überging.

"Schinkelbauten" sind der Hit

Ob ihnen die Reise gefallen hat? "Am meisten haben mich die Schinkel-Bauten beeindruckt" - das sei so eine Antwort gewesen, die ihr ganz spontan eingefallen sei, sagt Katrin Wilke. Denn tatsächlich gibt es nicht nur tolle Bauwerke von dem berühmten Schinkel in Berlin, sondern auch von dessen Namensvetter auf der "Motzener" Karnevalsbühne. Herrmann Schinkel hat auch diesmal wieder mit Fantasie und Geschick die Kulissen bereichert, hat zum Beispiel den Buckingham-Palast mit Wachhäuschen gebaut und den "ausrollbaren Fernsehturm", der bei der Ankunft in Berlin heruntergelassen wurde.

Darüber hinaus haben wirklich alle mitgeholfen, um dieses tolle Programm und die Bühne dafür zu gestalten, betonte Katrin Wilke. Es habe wieder richtig Spaß gemacht.

   

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