Mit einem fiktiven Dichterwettstreit zwischen Rainer Maria Rilke und Edlef Köppen gastierten der Autor Herbert Beesten und der Schauspieler Gerald Fiedler im Lindenhof. Die szenische Lesung ist Teil der Tour des Demokratiemobils der Landeszentrale für politische Bildung

Genthin l "Kommen Sie hinein, heran mit Ihnen", rief Gerald Fiedler zu Beginn der Lesung in der Rolle von Köppens Jugendfreund Hermann Kasack. Der spätere Radiopionier fungierte in der Geschichte als Conférencier einer Wettlesung zwischen dem berühmten Rilke und dem noch unbekannten Nachwuchsautor Edlef Köppen im Jahr 1919.

Der Genthiner hat gerade Front im Ersten Weltkrieg hinter sich und rezitiert während dieses Poetry-Slams aus seinem in der Entstehung befindlichen Werkes "Heeresbericht". Rilke hingegen wohlsituiert, greift auf sein frühes Werk "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" zurück. Das, was Beesten und Fiedler hier mit verteilten Rollen darboten und mit ihrem wohlgesetzten Tonfall und Mut zur Pause präsentierten, hat es in Wirklichkeit nie gegeben.

Rilke und Köppen haben keinen Dichterwettstreit ausgefochten. Wahrscheinlich sind sich die beiden noch nicht einmal begegnet. Letzteres wäre jedoch durchaus möglich gewesen, denn beide haben sich im Mai und Juni 1919 in München aufgehalten. Erdacht hat sich den Dichterwettstreit Autor Herbert Beesten. Unter dem Titel "Köppen und Rilke 1919 ...was wollt ihr hören?" erschien der Text in der von Albrecht Franke herausgegegebenen Anthologie "Der Krieg brach wirklich aus".

Beesten nimmt das Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Schriftsteller als Rahmenhandlung und setzt Köppens "Heeresbericht" und Rilkes "Cornet" nebeneinander. Ein spannendes Experiment. Der moderne Antikriegsroman Köppens steht dem Heldenepos über einen Fahnenträger im österreichischen Krieg gegen die Türken in der Fassung von Rilke gegenüber. Zwei völlig unterschiedliche Kriege und Zeiten, zwei unterschiedliche literarische Stile und Intentionen und doch machen beide Protagonisten ähnliches durch.

Spannend wird diese Montage auch durch die Art und Weise, wie Fiedler und Beesten den Text vortragen. Begleitet von Gitarre und einer Cajón-Trommel wird das Schreien, Rufen und Flüstern der beiden Vortragenden unterstrichen und wirkt noch intensiver. Ein ums andere Mal klopft Fiedler auf den Korpus der Gitarre und unterstreicht Köppens Text: "Der Feind trommelt". Ob die Schilderung von Schlachtengetümmel auf der einen oder die Beschreibung der Geschützfeuerstakkatos auf der anderen Seite. Der Vortrag lässt keinen Zuhörer kalt, und am Ende gibt es einen fast befreienden Beifall von den Besuchern im Lindenhof.

"Es ist ein schwerer Text, der eine unglaubliche Herausforderung darstellt", meint Fiedler nach der Veranstaltung. Er wirke auf die Zuschauer besonders durch die Pausen.

Es ist eine Form der Auseinandersetzung mit Literatur, die besonders für jüngere Zuhörer interessant sei, fügt Herbert Beesten hinzu. "Wenn sich Schulen für den Vortrag interessieren, gehen wir damit auch in die Einrichtungen", erläutert der Autor. Auch bei den Landesliteraturtagen in Genthin wird der Text wieder zu Hören sein.

Als Zugabe präsentierte Fiedler Beestens Text "Köppen träumt", der ebenfalls in der Anthologie erschienen ist. Köppen findet sich darin während seiner Immatrikulation in einer Art kafkaesken Bürokratie wieder. Am Ende wird alles Bürokratische klein und nichtig. Formulare werden zu Papierschwalben und Papierschiffchen, mit denen Kinder spielen.

In Genthin sei das Thema Erster Weltkrieg durch die Nähe zum Autor Edlef Köppen stärker betont worden, erläutert Martin Jaeschke von der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). In den kommenden Wochen bis zur Wahl am 25. Mai wird das Demokratiemobil LpB weiterhin in Sachsen-Anhalt unterwegs sein. "Wir bereisen insgesamt 55 Orte und werden Vorträge und Lesungen in erster Linie zum Thema Europa präsentieren."