Genauf auf den Tag genau vor 60 Jahren haben sie mit ihrem Reifezeugnis in der Tasche die damalige Genthiner Oberschule (jetziges Bismarck-Gymnasium) verlassen: 15 Senior-Abiturienten feierten am Donnerstag ihr Diamantenes Abitur.

Genthin l Als sich die Abiturienten des Jahrganges 1954 zum Fototermin auf der schmalen Treppe des Haupteinganges nach und nach einfinden, drängt Organisator Franz Liebald aus Genthin seine ehemaligen Mitstreiter in Anspielung auf die "Feuerzangenbowle", einem alten Ufa-Klassiker mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, zur Eile. Schließlich steht der Gesprächstermin beim Bürgermeister an. "Alle Schöler auf die Treppe. Los los, ihr Schöler", weist er energisch die Richtung. Dass ihre gemeinsame Schulzeit nicht von der gesellschaftspolitischen Situation der 1950er Jahre ungetrübt blieb, ging allerdings in der allgemeinen Wiedersehensfreude nicht unter.

"Ein solches Ehemaligentreffen ist mir wichtig, um Erinnerungen wach zu halten. "

Lieselotte Schulenburg

Am Tag der Zeugnisübergabe hätte die Treppe aus Platzmangel keinerlei Möglichkeit für ein Gruppenbild gegeboten. 63 junge Leute aus dem damaligen Kreis Jerichow II erhielten an diesem Tag ihre Reifezeugnisse nach einem vierjährigen Besuch der Oberschule (heutiges Bismarck-Gymnasium). Von dieser stattlichen Abiturientenzahl konnten am Donnerstag nur noch 15 Ehemalige das Diamantene Abitur begehen. Sie nahmen dafür zum Teil weite Anreisen, unter anderem aus Bremen, Lüchow-Dannenberg, Berlin und Sondershausen auf sich. Neun Ehemalige konnten aus gesundheitlichen Gründen der Einladung nicht folgen und ließen ihren Mitstreiter zum Teil postalische Grüße zukommen. Vorbereitet hatte das Wiedersehen Franz Liebald, der in der Aula zum Auftakt des Treffens den Abiturjahrgang des Jahres 1954 begrüßte.

Vier Klassen, zwei sprachlich und zwei naturwissenschaftlich orientierte, drückten seinerzeit die Schulbank. Sie jetzt, nach 60 Jahren noch einmal zusammenzuführen, erwies sich als schwierig, weil unter den Parallelklassen nicht so enge Kontakte bestanden. Dennoch: "Ein solches Wiedersehen ist mir wichtig, um Erinnerungen wach zu halten", sagte am Rande des Treffens Lieselotte Schulenburg aus Parchen und traf mit dieser Aussage vermutlich den Nerv ihrer ehemaligen Mitschüler. Aber auch längst verlorengeglaubte Söhne der Stadt Genthin kehrten kurzzeitig zu ihren Wurzeln zurück, zum Beispiel Prof. Dr. Heinrich Fink, ehemaliger Rektor der Humboldt-Uni Berlin und ehemaliger PDS-Bundestagsabeordneter. Vor zehn Jahren sei er das letzte Mal in Genthin gewesen, Bindungen nach Genthin habe er nicht mehr.

Das Wiedersehen sollte nach dem Willen des Hauptorganisatoren auf keinen Fall irgendwann im Verlaufe des Jahres stattfinden. "Genau am 3. Juli, 60 Jahre nach der Zeugnisübergabe. Da bin ich ganz eigen", unterstreicht Liebald ganz energisch. Er erinnerte daran, dass auch im Juli 1954 wie in diesem Jahr Fußballweltmeisterschaften ausgetragen wurden. Deutschland wurde seinerzeit übrigens Weltmeister. Franz Liebald begrüßte in der Aula anrührend und äußerst gut vorbereitet seine ehemaligen Mitschüler.

Zum Auftakt wurde der seit 2004 Verstorbenen gedacht.

Es sei gut, sich heute und hier zu treffen, denn die Zeit komme nicht wieder, sagte er. Etwas nachdenklich stimmte er auf das Beisammenstein ein: "Es ist nicht so einfach, 60 Jahre in der Erinnerung aufzuholen." Ob es ein nächstes organisiertes Treffen in fünf Jahren zum Eisernen Abitur geben werde, stellte der in den Raum.

"Die Abiturienten müssen zielstrebig an der Uni und in den Betrieben lernen, sonst können sie nicht bestehen."

Franz Liebald

Für alle der 15 Anwesenden, acht sind noch in der Region Genthin beheimatet, hatte Franz Liebald eine laminierte Urkunde vorbereitet, die das Diamantene Abitur am Bismarck-Gymnasium belegt. Gemeinsam mit Schulleiter Volker Schütte wurde sie an die Senior-Abiturienten verliehen. Liebald ließ ebenso eine Reihe von Namen ehemaliger Lehrer und Schulleiter Revue passieren, die die heute knapp 80-Jährigen auf ihrem Weg zum Abitur begleitet haben und zeigte dabei auch das eine oder andere politische Schicksal der damaligen Lehrergeneration auf.

Dass die Senior-Abiturienten sich ihr jugendliches Schülerherz bewahrt haben, belegte ein kurzer Rundgang durch das Schulgebäude. "Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie Walter Kühn (ein Mathematik-Physik Lehrer) vor Wut die Mappe in die Ecke geworfen hat?", erheiterten sich Hans Mehler, Parey, und Dr. Rolf Mötzing, Sondershausen.

Eher unüblich für Klassentreffen gehörte dann ein Gespräch im Rathaussaal mit Genthins Bürgermeister Thomas Barz zum Programm.

Bürgermeister Barz, der unter anderem Ausführungen zur demografischen Entwicklung Genthins gab, versicherte den Ehemaligen, dass die Kommune für die Zukunft den Anspruch habe, Genthin auch weiterhin lebenswert zu gestalten. Barz ließ sich zudem auf eine Wette ein, wonach aus dem aktuellen Abiturjahrgang auch nicht mehr als acht Abiturienten, wie dies beim Jahrgang 1954 der Fall ist, in Genthin blieben.

Wenn heute in der Trinitatiskirche die Abiturzeugnisse überreicht werden, ist das wieder ein großes Ereignis in Genthin. "Die Zeiten, in der wir unser Abitur ablegten, und der heutigen sind grundverschieden", sagt Franz Liebald. "Wir mussten um das tägliche Essen kämpfen, die Versorgung war schwierig." Mitgliedern der Jungen Gemeinde sei durch die zuständigen staatlichen Stellen zunächst das Abitur verwehrt worden, das sie später nachholen konnten. Gestandene Lehrer seien vorübergehend versetzt worden. Trotz alledem haben die Freundschaften aus der Schulzeit Bestand bis auf den heutigen Tag, resümiert Liebald. Den jungen Leuten, die heute in der Trinitatiskirche ihre Reifezeugnis in Empfang nehmen werden, gibt er die Empfehlung auf den Weg, zielstrebig an der Uni oder im Betrieb zu lernen, sonst könne man nicht im Leben bestehen.

Lieselotte Schulenburg rät den heutigen Abiturienten, niemals den Blick nach vorn aufzugeben. Lernen höre nie auf, sagt die Lehrerin im Ruhestand. Es werde die Abiturienten das ganze Leben hindurch begleiten.

 

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