Jerichow l Ritter Martin vom Bollengraben wartet auf seinen Einsatz zum Kampf. Oder vielmehr auf seine Epoche. Auf dem Feld unterhalb des Klosters stehen Kelten und Wikinger, kämpfen mit Schwertern und Schilden. Martins Helm ist im Gegensatz zu ihren verschlossen und voll verblendet. Seine Uniform stammt aus dem 14. Jahrhundert, ist gut zwei Jahrhunderte jünger als die der Mitstreiter. Er hört schlecht unter dem Kopfschutz aus Metall. "Martin!", brüllen die anderen Krieger und fordern ihn zum Kampf. Er stellt sich, zückt mehrmals sein Schwert, hebt sein Schild und geht als Sieger hervor. Sein Publikum, Menschen aus dem 21. Jahrhundert zu Gast beim Klosterfest in Jerichow, klatschen anerkennend.

Martin ist zufrieden, nicht nur weil er gewonnen hat, sondern weil er seine Uniform ablegen kann. Bevor er den Helm herunternehmen kann, muss er die Handschuhe ausziehen. Die Metallverkleidung der Finger macht eine Feinmotorik unmöglich. Und dann befreit er sich von dem drei Kilo schweren Helm. Hervor kommt ein puterrotes Gesicht. Der Schweiß tropft aus der blonden Mähne: "Endlich Luft", sagt er. Dann verschwindet er schweren Schrittes in Richtung Ausschank. "Man bringe mir ein kühles Bier", könnte Ritter Martin vor siebenhundert Jahren gesagt haben.

Heute landen die Ritter bei Sabine Breitenfeld. Die 46 Jahre alte Berlinerin trägt ein Kleid aus dem 16. Jahrhundert und nennt sich Hexe. Sie bietet Massagen mit selbst gemachtem Kräuteröl an. "Wenn die Ritter sich zu sehr gehauen haben, kommen sie zu mir", erzählt die Schaustellerin, die im 21. Jahrhundert als ambulante Pflegekraft arbeitet. Sie und ihre Freundin Marion Simm betrachten das Besuchen von Mittelalterfesten als Hobby. Vor fünf Jahren schlossen sie sich das erste Mal dem Tross aus Schaustellern mit Mittelalter-Leidenschaft an. "Man kennt sich untereinander", sagt Hexe Marion. Zur Rechten der beiden sitzt der Adel. Peter von Savoyen, Otto II. von Wittelsbach und Agnes von Braunschweig haben es dank Walter und Anette Hogräwe und Nils Wulstein aus dem brandenburgischen Kremmen ins 21. Jahrhundert geschafft. Das Wort Kostüme hören sie gar nicht gern. "Das sind Gewänder", sagt die gelernte Schneiderin Anette Hogräwe. Seit zehn Jahren ziehen sie schon von Ritterlager zur Lager. Sie leben unter ihrem Stoffzelt ihre Rolle, kochen und fertigen Laternen und Haarbänder wie aus der vergangenen Zeit.

Die Besucher aus der Zukunft dürfen näher treten, sollten ihre Fragen jedoch mit Bedacht wählen. Otto II. wird sonst böse, wenn jemand sagt, die Laternen seien mit Schweinedarm gemacht. Das stinkt doch, meint er. "Wir nehmen wie früher Rinderblase."

   

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