Derben l Bereits vor zwei Jahren hat der "Fahrradkantor" Martin Schulze die Derbener Orgel schätzen gelernt. Damals gab er das erste Konzert nach der aufwändigen Sanierung auf diesem Instrument, noch vor der Wiedereinweihung anlässlich des 100. Kirchenjubiläums.

Nun war es für ihn erneut eine große Freude, hier spielen zu können - bereits zum 3. Mal. Das lag unter anderem daran, dass er besonders gern Werke von Max Reger spielt. Der Spätromantiker habe hauptsächlich Musik für Orchesterorgeln geschrieben, deshalb passe diese sehr gut hierher.

Eine Orchesterorgel soll die klanglichen Möglichkeiten eines Sinfonieorchesters imitieren, sie hat eine große Variationsbreite in Dynamik und Klangfarben, wie man das vom Orchester kennt, erläuterte Martin Schulze den Zuhörern.

Sein Konzert eröffnete er mit der Toccata und Fuge a-moll opus 80 von Max Reger (1873-1916). Den Begriff "Toccata" erklärte er zuvor auch: Entstanden sei diese Art eines Musikstücks aus der Improvisation heraus, und zwar, um eine Orgel technisch zu überprüfen - Pfeifen, Luftzufuhr, Register. Irgendwann wurde begonnen, Notentexte dazu aufzuschreiben, und so entstanden Musikstücke mit vielseitigen Elementen, die die Möglichkeiten der Orgel breit ausschöpfen.

Etwa ein halbes Jahrhundert vor der von Max Reger liegt die Schaffenszeit von Moritz Brosig (1815-1887). Er sei ein führender Organist und Künstler seiner Zeit gewesen, berichtete Martin Schulze. Allerdings habe er sich nicht als solcher gesehen, sondern sein Wirken ganz in den Dienst der Kirchenmusik gestellt. Von ihm erklang eine Fantasie über den Choral "Christ ist erstanden", bestehend aus fünf Teilen.

Noch etwas früher lebte Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Zu seiner Sonate opus 65 Nr. 2 c-moll erläuterte Martin Schulze: Mendelssohn nutze hier einen Choral als Grundlage. Der 1. Satz drückt die "Dämmerung" aus und nutzt Geigenregister, der 2. Satz den "Vollmond", im 3. Satz erklingt mit ganzer Kraft, und der 4. Satz ist eine Fuge.

Von George Hepworth (1825-1918) spielte Martin Schulze Variationen über "O sanctissima", das bei uns als Weihnachtslied bekannte "O du Fröhliche..." Dies sei aber ursprünglich gar nicht speziell für Weihnachten geschrieben, sondern ein ganz altes Lied für alle christlichen Feste. Es war das heiterste Stück dieses Abends.

George Hepworth war Domorganist in Schwerin, wo er unter anderem 1871 in einem Konzert die neue Ladegast-Orgel der Öffentlichkeit vorstellte.

Zum Abschluss erklang eine weitere Toccata und Fuge von Max Reger (e-moll/E-Dur op. 56), und als Zugabe von Carl Philipp Emanuel Bach, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, eine Fuge, die, wie damals auch bei Orgelwerken üblich, mehr im Klavierstil geschrieben ist.

Carl Philipp Emanuel Bach, der zu den bedeutendsten Komponisten des 18. Jahrhunderts gehört, prägte den Satz: "Aus der Seele muss man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel." Bei "Fahrradkantor" Martin Schulze können sich die Zuhörer dessen sicher sein. Und er spielt nicht nur aus seiner Seele heraus, sondern bringt auch die "Seelen" der vielen, ganz verschiedenen Orgeln zum Klingen. Wohl bei keinem anderen Instrument ist die Vielfalt so groß wie bei der Orgel. Bei etwa 120 Konzerten im Jahr in den verschiedensten Kirchen, darunter solche mit großen Orgeln, aber vor allem ganz viele kleine Dorfkirchen, muss er sich mit jedem einzelnen Instrument erst einmal vertraut machen. Mindestens einen Tag vorher reist er deshalb gewöhnlich an, um sich einzuspielen.

Und natürlich kam er auch nach Derben wieder mit dem Fahrrad. Zuvor hatte er in Wernigerode gespielt, das nächste Konzert war für Stendal geplant und danach sollen mehrere Orte in der Region folgen. Nach Derben will er gern noch öfter kommen. Denn die Orgel hier sei eine der besten in der Region, betonte er.