Eine Stippvisite in das Jahr 1910 konnten die Besucher am Wochenende auf dem Rittergut Seedorf unternehmen. Neben Militär in authentischer Uniformierung und Ausrüstung gab es auch Einblicke in das zivile Leben vor mehr als hundert Jahren.

Seedorf l Straff organisiert ging es am vergangenen Wochenende auf dem Rittergut zu. "Achtung!", hörten die Besucher auf dem Gelände und schon setzte sich ein Trupp Soldaten in historischen Uniformen verschiedener Regimenter in Bewegung oder die Artillerie lud ihre Geschütze und feuerte diese unter ohrenbetäubendem Lärm ab. Laut, aber ungefährlich für die Zuschauer, die sich zahlreich auf dem Gelände eingefunden hatten. Für sie hieß es Abtauchen in eine Zeit ohne Smartphones und Computer, in eine Zeit voller klarer Geschlechterrollen und militärischem Ton.

Höhepunkt des Nachmittages war eine Feldparade unter der musikalischen Begleitung des Spielmannszuges Eisfeld, dessen Mitglieder als historische Spielleute des II. Bataillons des VI. Thüringer Infanterieregiments agierten. Um den Besuchern die Orientierung der Vorgänge zu erläutern, fungierte Henrik Schulze, der als fundierter Kenner der Materie einen Namen hat. Schulze erläuterte Dienstgrade, die Besonderheiten von Uniformen und hielt die Besucher auch auf dem Laufenden, wenn die Manövertruppen auf dem eingezäunten Feldgelände eine bestimmte Formation bildeten.

"Man kann dem Verlauf gut folgen", fanden die Besucher Ida und Klaus Zelmanski aus Genthin. "Wir sind an der Historie interessiert und es ist gut, dass es die Erläuterungen gibt, denn nicht immer kann man alles sofort sehen, was vor sich geht." Aber nicht nur militärisch ging es auf dem weitläufigen Gelände zu. Es gab einen Liedernachmittag, historische Gesellschaftstänze, Darbietungen der Trachtengruppen aus Burg und Parey, aber auch eine historische Fechtschule. Umfangreich wurde die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts nachgebildet. Dazu trugen auch die zahlreichen Gruppen in historischen Gewändern der Zivilbevölkerung bei. "Wir finden es wichtig, ehe die Zeit gerade um 1900 völlig aus dem Gedächtnis verschwindet", sagte Angela Schulze, die mit einer Gruppe aus Jüterbog angereist war. Die Frauen trugen zivile Kleidung der Jahrhundertwende, bestehend aus langen Kleidern aus schwerem Stoff und großen Hüten. "Natürlich wird es warm, aber ein wenig Contenance gehört zu dieser Zeit dazu." Durchhaltevermögen benötigten auch die Besucher, die sich bei Nancy Hermenau-Gamalski fotografieren lassen wollten. Sie schlüpften dafür selbst in historische Kleidung und wurden schwarz-weiß auf zeitgenössische Weise fotografiert. "Ich hätte solche Kleider sehr gern getragen", sagte Vera Horvatova, nachdem das Familienfoto mit Eltern und der zweijährigen Tochter geschossen war. Ihr Vater Jürgen Beyer war allerdings froh, Frack und Zylinder wieder loszuwerden. "Dabei hast du so gut ausgesehen", fand seine Frau Gudrun. Die Dedersdorfer hatten den Besuch von Tochter und Enkeltochter aus Irland genutzt, um in Seedorf vorbeizuschauen.

Übrigens: Die Entwicklung der Bilder dauerte anders als vor einhundert Jahren nicht Wochen, sondern nur fünf Minuten. Nur historisch konnte es auch beim Herbst-Manöver nicht zugehen.

   

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