Die Stadt Jerichow ist zur Alten Elbe hin nun gegen Hochwasser sehr gut geschützt. Die offizielle Abnahme der teils neuen, teils verstärkten Schutzanlagen ist vollzogen. Es ist ein interessantes Gesamtsystem: Auf 735 Metern Länge gibt es vier verschiedene Lösungen.

Jerichow l Über zwölf Jahre nach der damals sogenannten "Jahrhundertflut" im August 2002 ist endlich realisiert, was die Stadt nach jenem denkwürdigen Ereignis gefordert hatte. Das erste Projekt, das nach gut einem Jahrzehnt umgesetzt worden war, hatte sich schon kurz danach als unzureichend erwiesen: Bei der Flut im Juni 2013 war es nur dem Großeinsatz von THW, Feuerwehr, Bundeswehr und zahllosen freiwilligen Helfern zu verdanken, dass es hier nicht noch schlimmer kam.

Die unmittelbaren Anwohner am Ende der Karl-Liebknecht-Straße bis zur Stadtkirche haben nun eine hohe, massive Spundwand an der rückwärtigen Grenze ihrer Grundstücke - nicht unbedingt attraktiv, und doch für die Anwohner ein Anblick, der sie mit Zufriedenheit erfüllt. Denn die Zeiten der Angst vor den Elbefluten sollten für sie nun vorbei sein. Sie müssen nicht mehr Keller und Schuppen ausräumen, wenn das Wasser steigt, nicht mehr pumpen und anschließend Räume und Mauern trocknen.

Fritz Bierotte hat das schon oft erlebt, freilich nie so schlimm wie voriges Jahr. Nicht nur er und andere Anlieger waren zur Bauabnahme gekommen, sondern auch weitere Jerichower.

Flussbereichsleiter Reinhard Kürschner fasste noch einmal zusammen, was hier gemacht wurde: Von den 735 Metern Gesamtlänge entfallen 119 Meter auf die massive Spundwand. An diese schließt sich auf 96 Meter Länge die mobile Wand an, die in der Woche zuvor zur Probe aufgebaut worden war (Volksstimme berichtete). Durch Verwendung neuer Stützen und zusätzlicher Bohlen wird diese Wand gut 30 Zentimeter höher sein als vorher - 2013 hatte das Wasser fast bis zur Kante gestanden. Außerdem wurde sie über die Straße zur Elbaue verlängert, denn weder hier noch hinter den Grundstücken hatte sich der mobile Schlauchdeich bewährt, erinnerte Kürschner. Dieser wird aber auch künftig zum Einsatz kommen, um das Stück am anderen Ende - vom ehemaligen Naturschutzzentrum hinter der Tierarztpraxis entlang über die Straße "An der Alten Elbe" bis an höheres Gelände heran abzusichern.

Erneuert worden sei auch der Übergabepunkt von der mobilen Wand an die Geländeerhöhung, erklärte Kürschner. Diese Geländeerhöhung wurde auch erhöht und mit bindigem Material verstärkt. "Wir müssen künftig aufpassen, dass die Krone auf der richtigen Höhe bleibt", betonte er. Gelernt habe man aus dem Hochwasser 2013, dass eine Bepflanzung auf dem Wall - die eigentlich dazu gedacht war, dass dieser zusätzliche Festigkeit bekommt und nicht befahren wird - ungünstig ist. Denn wenn doch noch Sandsäcke aufgebracht werden müssen, stören die Sträucher. Sie wurden umgepflanzt.

An die bewirtschaftbare Geländeerhöhung schließt sich ein schmalerer Wall an. Insgesamt erstecken sich beide Abschnitte auf 470 Meter Länge.

"Das ist ein sehr interessantes Gesamtsystem", betonte Reinhard Kürschner. "Wir werden demnächst wohl noch mit so einigen Fachleuten herkommen und das vorführen", kündigte er an.

Noch in vertretbarem Rahmen haben sich auch die Kosten gehalten, findet er. Etwa eine halbe Million Euro kosteten die Maßnahmen auf den insgesamt 735 Metern. "Zum Vergleich: Ein Kilometer Deichsanierung kostet durchschnittlich zwei Millionen Euro", erklärte der Flussbereichsleiter. Und besonders komplizierte Abschnitte seien noch wesentlich teurer.

Projektverantwortlicher war Volker Hamann vom LHW. Ihm dankte Kürschner ebenso wir Rainer Fritze vom Planungsbüro Pöyry, Büro Osterburg, den ausführenden Firmen sowie den Anwohnern, die mit der Spundwand einverstanden waren. Bauleiter war Gerold Röhrs von der HTI GmbH Havelberg, als Nachauftragnehmer war TBJ (Tiefbau Jarmen) für das Spundwand-Rammen zuständig.

"Ich kann es nur bestätigen: Es war eine interessante Sache auch für uns", fügte Rainer Fritze an. Denn hier konnte nicht nach vorgegebenen Lösungen geplant und gebaut werden. Auch er lobte die Zusammenarbeit mit den Anliegern sowie mit der Stadt.

Übrigens sei die Haltbarkeit der Spundwand auf 60 Jahre angelegt, es sei aber davon auszugehen, dass sie etwa 90 Jahre überdauern wird.

Bürgermeister Harald Bothe sagte Dankeschön im Namen der Bürger der Stadt Jerichow. Er fügte noch einen Hinweis an die Anlieger an: "Direkt an der Spundwand darf keine Bepflanzung erfolgen. Dazu wird es auch noch mit jedem Anlieger eine Vereinbarung geben." Auch gebe es ein Betretungsrecht im Katastrophenfall für die Mitarbeiter der Stadt und des LHW.

Eine weitere Vereinbarung gibt es zwischen Stadt und LHW, denn für die Lagerung der mobilen Wand und der Schlauchdeiche ist weiterhin die Stadt zuständig. Hier sieht Bothe aber nach wie vor einen Kritikpunkt: Zwar habe der Probeaufbau der mobilen Wand gezeigt, dass das nur etwa vier Stunden dauert, "aber wir müssen erstmal alle Gemeindearbeiter unserer Einheitsgemeinde zusammenholen." Die Stadt müsse den Arbeitsaufwand so gering wie möglich halten, denn man könne sich nicht darauf verlassen, dass immer rechtzeitig viele freiwillige Helfer zur Verfügung stehen. Zudem müsse die Stadt die mobilen Anlagen lagern und pflegen, damit sie im Ernstfall immer sofort einsatzbereit sind.

Einen Ausblick gab Reinhard Kürschner noch auf weitere Maßnahmen: Für das Projekt Klostermauer sei die Planung angelaufen. In diesem Deichabschnitt wird in den nächsten Jahren, spätestens bis 2020, eine Sanierung erfolgen. In der Mauer waren durch den Druck des am Deich anstehenden Hochwassers, den die Mauer abschließt, Risse entstanden. Hier schließt unmittelbar der Abschnitt Jerichow-Fischbeck an, mit dem auf Fischbecker Seite bereits begonnen wurde. "Auch die Deichrückverlegung bei Klietznick ist nicht in Vergessenheit geraten. Sie kommt noch."