Genthin l Den Dichter und Dramatiker Alfred Wolfenstein stellte der Hallenser Autor Bernhard Spring kürzlich in der Stadt- und Kreisbibliothek Genthin vor. Der Lyriker lebte von 1888 bis 1945. Er war mit so illusteren Persönlichkeiten wie Johannes R. Becher, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka bekannt. 1933 musste Wolfenstein vor den Nationalsozialisten nach Prag und später nach Paris fliehen. Unter falschem Namen lebte er ständig auf der Flucht. Zermürbt von der Verfolgung beging er im Jahr 1945 Selbstmord.

Obwohl Wolfenstein zu den bedeutenden Expressionisten seiner Zeit gehörte, verschwand der Name des Dichters aus dem allgemeinen Bewusstsein. "Selbst die nach ihm benannte Wolfensteinstraße in Halle bekam diesen Namen in erster Line aus Verlegenheit", berichtet Bernhard Spring.

Die alliierten Besatzer suchten 1945 nach unbelasteten Personen, deren Name im Straßenbild auftauchen sollten. Der Popularität des Dichters half das nicht. Auch Spring stieß auf ihn nur durch Zufall während seines Germanistik- und Geschichtsstudiums. "Ich habe für eine Studienarbeit nach einem Hallenser Autor gesucht und bin auf Umwegen zu Wolfenstein gekommen." Ein Fund mit Folgen. Spring begann sich eingehender mit dem Dichter zu beschäftigen und veröffentlichte vor drei Jahren im Ergebnis seiner Arbeit das "Alfred Wolfenstein Lesebuch".

"Mir ist dabei besonders aufgefallen, dass Wolfenstein allgemein als Expressionist gilt. Das ist er tatsächlich aber nicht." Er habe eher Sonette geschrieben und sich an Rilke oder Stefan George orientiert. "Überraschend ist auch seine Prominenz in Kollegenkreisen," meint Spring. Selbst die Brüder Thomas und Heinrich Mann gehörten zum Bekanntenkreis des Dichters.

Umso erstaunlicher ist die Tatsache, wie ein solcher Mann derartig vergessen werden konnte. "So einmalig ist Wolfensteins Lebenslauf gar nicht", sagt Bernhard Spring. Er reiht sich ein in die vielen Lebensläufe seiner Zeit, es sind viele Literaten geflohen und im Exil gestorben."

Einige seien nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr veröffentlicht worden und damit nahezu verschwunden. Bei Wolfenstein kommt eine schwierig zu durchschauende Situation des Rechteinhabers hinzu. Mittlerweile gäbe es allerdings eine kleine Renaissance des Werkes. "In einigen Oberstufenlehrplänen steht Wolfenstein auf dem Lehrplan." Gedichte wie "Städter" oder "Herbst" finden sich als Interpretationen auf Videoportalen im Internet. Besonders in Niedersachsen gäbe es ein großes Interesse an dem literarischen Werk Wolfensteins, hat Spring bei seinen Vortragstouren festgestellt. "Nicht aber in Halle", muss der 30-Jährige einräumen.

Kurios sei, dass es ein Computerspiel namens "Wolfen-stein" gäbe, das nichts mit dem Autor zu tun habe. "Ich habe schon Veranstaltungen bestritten, bei denen das Publikum nach und nach den Saal verließ, die erwarteten einen Vortrag über einen Ego-Shooter.

Der Lyriker Alfred Wolfen-stein begegnet den Lesern auch unbemerkt als Übersetzer von Werken wie "Madame Bovary" (Flaubert) oder "Der eingebildete Kranke" (Moliere). Ein wenig teilt Wolfenstein das Schicksal mit dem größten Sohn der Stadt Genthin Edlef Köppen. Auch sein Werk blieb lange unentdeckt und wurde besonders durch die Arbeit des Köppen-Freundeskreises wieder bekannt gemacht.

Springs Vortrag wurde durch den Aktionsfonds des lokalen Aktionsplans Genthin und Jerichow gefördert und soll der Auftakt zu einer neuen Reihe mit Vorträgen sein. "Wir wollen in regelmäßigen Abstände Autoren vorstellen, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen", erläuterte Bibliotheksleiterin Gabriele Herrmann.

 

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