Einen herzlichen Abschied bereiteten zahlreiche Mitarbeiter und Weggefährten dem langjährigen Ärztlichen Leiter des AWO Fachkrankenhauses Jerichow und Chefarzt der Fachabteilung Psychiatrie und Psychotherapie, Joachim Müller. Er wird zum Jahresende in den Ruhestand gehen. 1994 hatte er die Nachfolge von Dr. Norbert Pfau angetreten.

Jerichow l "Herr Müller kam zu einer Zeit, da sah es in Jerichow ganz anders aus", sagte AWO-Geschäftsführer Wolfgang Schuth. Er erinnerte unter anderem an schlechte Straßen, an den Bahnhof, den es noch gab, und an den grünen Bretterzaun, der das ehemalige sowjetische Lazarett vom Krankenhaus teilte. Auch der Trägerwechsel war noch nicht erfolgt: Es war noch Landeskrankenhaus. Die Enthospitalisierung der jetzigen Heimbewohner stand noch bevor - und viele, viele Bau- und Sanierungsprojekte, an deren Umsetzung Joachim Müller großen Anteil habe.

Wolfgang Schuth erwähnte auch eine Besonderheit: Die Partnerschaft des Krankenhauses mit der Schriftstellerin Dorothea Iser, verbunden mit der Gründung der Jerichower Schreibrunde, woran Müller ebenfalls Anteil hat.

Dr. Dr. Reinhard Nehring, Abteilungsleiter im Ministerium für Arbeit und Soziales, kennt nicht nur das Krankenhaus Jerichow schon seit Anfang der 90er Jahre, sondern er war damals auch für die psychiatrischen Landeskrankenhäuser zuständig und hatte Joachim Müller seinerzeit eingestellt. "Ich habe es nie bereut", versicherte er nun. "Sie haben in über 20 Jahren das Krankenhaus mit entwickelt und zu dem gestaltet, was es heute ist.

Nehring würdigte die bauliche Neugestaltung des Krankenhauses als eine ungeheure Leistung, die neben der eigentlichen therapeutischen Aufgabe erbracht wurde. "Andere Krankenhäuser machen einen Aufstand, wenn es nur um ein Haus geht", setzte er diese Leistung ins Verhältnis. "Wir haben hier 39 Millionen investiert!" Nehring dankte Joachim Müller dafür herzlich und betonte: "Auf diese Leistung können Sie zurecht stolz sein! Und auch darauf, dass dieses Krankenhaus einen außerordentlich guten Ruf in der Patientenversorgung hat!"

Stellvertretend für Dr. Petra Zacke, Chefärztin der Neurologie, sprach Oberärztin Dr. Claudia Glöckner. Vor über 20 Jahren waren alle sehr neugierig, wer da wohl aus Bayreuth kommen würde, blickte sie zurück. Ob es wohl so ein "Besser-Wessi" sein würde? Es sei damals für alle eine ungewisse Zeit gewesen, eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs.

Sie erinnerte an die Situation damals: Es gab große, überbelegte Zimmer, zum Teil Durchgangszimmer. An eine Spezialisierung war nicht zu denken. Das Krankenhaus bestand aus sechs Häusern, in denen Psychiatrie, Neurologie, Innere Abteilung sowie chronische Langzeitpatienten untergebracht waren, und es gab eine Station für Suchterkrankungen.

Dr. Claudia Glöckner stellte die umfangreiche Entwicklung seitdem dar. Joachim Müller habe hier seine Erfahrung eingebracht und gute Kontakte zu anderen Häusern, unter anderem nach Bayreuth, genutzt. Immer wieder habe er neue Ideen gehabt, wollte etwas verbessern, habe Mut gemacht und immer wieder gesagt: "Wir können das besser! So entwickelte sich hier ein modernes Therapiezentrum für psychisch kranke Menschen mit neugierigen Mitarbeitern und vielen neuen Konzepten."

"Es fällt mir heute nicht ganz leicht, eine Rede zur Verabschiedung zu halten", begann Ursula Bauer, Verwaltungsleiterin im Krankenhaus. Sie habe sehr schnell feststellen können, dass in diesem Fall "Wessi" und "Ossi" die gleiche Sprache sprechen. Eine fruchtbare Zusammenarbeit war geboren. Auch sie ging darauf ein: "Was haben wir damals vorgefunden?" - ein fast hundertjähriges Krankenhaus in einer wunderschönen Lage, eine geräumtes Militärlazarett, Krankengebäude mit einer heute unvorstellbar hohen Belegung, wenige Sanitäreinheiten, Therapieräume in den Kellern oder auf dem Boden... 230 Krankenhausbetten plus 75 Heimpatienten, hochmotiviertes, gut geschultes Personal, unter anderem 7,5 Ärzte und zwei Psychologen ...

Auch Ursula Bauer stellte die Entwicklung seit damals dar - unter dem Blickwinkel einer guten Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und medizinischem Team, die dafür unbedingt erforderlich war. Sie schloss mit den Worten an Joachim Müller: "Ich habe viel von Ihnen gelernt. Ich danke Ihnen dafür herzlich!"

Schwer gefallen sind die Worte zum Abschied auch Pflegedienstleiterin Karola Lehmann. Sie erinnerte sich daran, wie sie und weitere Kolleginnen nervös auf die erste Visite mit Joachim Müller gewartet haben: "Sie kamen, lächelten und siegten", scherzte sie. "So ist es geblieben." Sie betonte: "Die Behandlung unserer Patienten erfordert ein hohes Maß an Feingefühl. Das haben sie, und das habe ich oft an Ihnen bewundert."

"Ich bin überwältigt", gestand Joachim Müller. "Ich habe so vieles als selbstverständlich und als natürliche Entwicklung erlebt, an der ich nur einen kleinen Anteil hatte", relativierte er die vielen Lobesworte aus eigenem Blickwinkel.

Humorvoll blickte er auf seinen Anfang in Jerichow und die folgenden Jahre zurück und setzte fort: "Und wie schaut es heute aus? Heute haben wir wieder unruhige Zeiten. Wir müssen und viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigen als mit der vorrangigen Patientenversorgung: Zertifizierung, Vorbereiten auf PEPP (pauschalierende Entgelte in der Psychiatrie und Psychosomatik) und ständig zunehmende gesetzliche Neuerungen, Qualitätsmanagement rauben Kraft und Energie und Motivation und machen die Arbeit umständlich ...

Zum Abschluss kündigte Joachim Müller an: "Ich bleibe in Jerichow. Da bin ich zu Hause. Ich werde mich nicht ganz aus dem Fachgebiet herausziehen und die eine oder andere Beschäftigung suchen." Und er werde die weitere Entwicklung des Krankenhauses verfolgen und bei jeder Neueinweihung wieder auf der Matte stehen...Er dankte allen seinen Weggefährten. "Wir haben gemeinsam viel erreicht!"

   

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