Elf Jahre nach dem erzwungenen Verlassen von Tucheim kehrte Sadri Kaleshi kürzlich zu einem privaten Besuch in den Fienerort zurück. Seine Familie musste 2003 Deutschland über Nacht verlassen.

Tucheim l Sadri Kaleshi ist heute 29 Jahre alt und lebt in Karlskrona/Schweden. Dort war die Asylbewerber-Familie Kaleshi, Flüchtlinge aus dem Kosovo, nach ihrer Zwangsausweisung aus Deutschland vor elf Jahren gelandet. Ein Teil ihrer Verwandtschaft lebt dort. Der Kontakt zwischen Sadri und den Tucheimern war aber nie abgebrochen. Nun war die Freude auf beiden Seiten groß, als es endlich zu dem erwarteten Wiedersehen in dem Fienerort kam.

Den Kontakt mit seinen Tucheimer Freunden hielt Sadri vornehmlich über die sozialen Netzwerke aufrecht. So auch im Zusammenhang mit dem 20-jährigen Bestehen des Tucheimer Jugendclubs. "Über Facebook haben ihm einige ein Bild von dieser Veranstaltung geschickt. Das war wohl der endgültige Anstoß für das Wiedersehen", vermutet Marina Wöhling, Leiterin der Jugendeinrichtung. Sadri und sein älterer Bruder Mentor zählten während ihres Aufenthaltes in Tucheim zu den Stammbesuchern.

"Tucheim ist für mich Heimat geworden. Hier habe ich noch immer meine Freunde. "

Sadri Kaleshi, heute Karlskrona

Und dann ging alles ganz schnell. Drei Tage dauerte sein Besuch in Tucheim. Seine damalige Schulfreundin Cathleen Primas holte Sadri vom Flughafen Berlin-Schönefeld ab. Die erste Nacht in Tucheim verbrachte er bei der Familie. Und zu erzählen gab es viel zwischen den vielen Freunden. Auf die Frage, was er heute empfindet, zurück in Tucheim, antwortete Sadri: "Von meiner ersten Heimat (Kosovo) weiß ich nicht mehr viel. Tucheim ist für mich Heimat geworden. Hier habe ich noch immer meine Freunde. Hier bin ich zur Schule gegangen."

Und nicht nur zur Schule. Beim Tucheimer Sportverein hatte der Junge damals alle Kinder- und Jugendmannschaften durchlaufen. Und so lag es nahe, auch diesem einen Besuch abzustatten. Der erfolgte noch am ersten Abend und das "Hallo" war riesig, denn Sadri überraschte seine alten Kumpels beim Training. Es wurden viele Erinnerungen ausgetauscht und Schlafen wollte eigentlich niemand. Zu groß war die Freude über das Wiedersehen.

Da nicht nur der Sportverein, sondern auch der Jugendclub während seiner Tucheim-Zeit bei Sadri eine große Rolle spielte, lag es nahe, auch bei Marina Wöhling vorbei zu schauen. Auch hier fühlte sich der heutige Schwede pudelwohl. Marina Wöhling: "An den beiden Abenden hatten wir hier zwischen 20 und 25 Leute. Alle wollten ihren Sadri wiedersehen." Es wurden viele Gespräche geführt und Erinnerungen ausgetauscht. Was Marina Wöhling am meisten verblüffte war, dass "Sadri noch alles gewusst hat, was er damals in Tucheim erlebt hat".

Die Integration war Sadri und seiner Familie damals leicht gemacht worden und auch leicht gefallen, wie sich Marina Wöhling erinnert. "Sadri und Mentor hatten sich aktiv in die Jugendarbeit unseres Ortes eingebracht. Auch durch ihr Mitwirken im Sportverein haben sie sich gut integriert". Dadurch hatten die Jungen auch schnell die deutsche Sprache gelernt. Marina Wöhling: "Ich kenne sie nur mit fließendem Deutsch." Die Jungen brachten sich auch wie alle anderen aktiv bei Sportveranstaltungen, Arbeitseinsätzen und den Hochwassereinsätzen 2002 ein.

Trotz der vielen gemeinsamen Momente in Tucheim blieb noch etwas Zeit, um mit Sadri zum Wasserstraßenkreuz nach Hohenwarthe zu fahren.

Sadri Kaleshi ist heute als Sozialarbeiter in der Stadt Karlskrona angestellt. Und Sadri erzählte zu seinem Beruf: "Das mache ich gerne. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen."

Er kümmert sich als Betreuer um Jugendliche, die nach Schweden immigriert sind. Dabei kommen ihm seine Sprachkenntnisse zugute. Sadri spricht Deutsch, Englisch, Albanisch und Schwedisch.

Als die Familie 2003 nach Karlskrona kam, mussten die Kinder die Schule beenden, die Landessprache erlernen und später einen Beruf lernen.

Sein Bruder Mentor arbeitet heute als Maschineneinrichter in Norwegen. "Vor 20 Jahren war ich mal im Urlaub in dieser Stadt. Welch ein Zufall", konnte es Marina Wöhling kaum fassen.

Die sechsköpfige Familie Kaleshi, Sadri hat auch noch zwei jüngere Schwestern, Alblena und Shpresa, war 1991 nach der Flucht aus dem Krisengebiet Kosovo in Tucheim gelandet. Sie hatten gehofft, dort eine vorläufige Endstation auf der Flucht vor Krieg und Gewalt gefunden zu haben. Vater Isen, Jahrgang 1956, ist Albaner. Die Serben hatten ihm wegen seiner nationalen Herkunft die Arbeit als Bergmann verwehrt. Für Papa Isen war der im Kosovo geführte Krieg nicht seiner. Flucht war deshalb die einzige Alternative.

Dafür benötigte man aber Papiere. Um die zu bekommen, hatte die ganze Familie gesammelt und ihre letzte Habe verkauft.

"Die Jungen hatten sich durch den Sportverein und den Jugendclub schnell integriert."

Marina Wöhling, Tucheim

In Tucheim erfuhr die Familie dann eine große Unterstützung durch die Einwohner. Vor allem die vier Kinder lernten dann durch den Besuch der Grundschule und der Kindertagesstätte ganz schnell die deutsche Sprache.

Die Tucheimer setzten sich 2003 vehement für den Verbleib der Familie in ihrem Ort ein. Rund 280 Unterschriften waren gesammelt worden, damit die Familie dauerhaft in Tucheim bleiben durfte. Die Aufenthaltsgenehmigung der Familie musste alle drei bis fünf Monate neu beantragt werden. Das war ein unhaltbarer Zustand. Aber es half alles nichts. Die Familie musste gehen.

Ein Besuch bei Sadri in Karlskrona war unter den Tucheimer Freunden schon immer im Hinterkopf. "Aber jetzt kann es etwas werden. Wir haben nun eine konkrete Einladung vorliegen", so Marina Wöhling. Bis es soweit ist, wird aber noch einige Zeit vergehen. Die Erinnerung und die Vorfreude auf Sadri ist aber jetzt schon riesengroß.

 

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