Sein 90. Lebensjahr vollendete am 2. Januar Franz Wagner. Als stellvertretender Bürgermeister lenkte er seit 1973 bis zum Erreichen seines Rentenalters die Geschicke der Kanalstadt.

Genthin l Freunde, Bekannte, ehemalige Arbeitskollegen und selbstverständlich Verwandte - viele Glückwünsche musste Franz Wagner bei seiner Geburtstagsfeier im Hotel Stadt Genthin entgegennehmen und geduldig viele Hände schütteln.

Noch dazu vereinte die Feier vier Bürgermeister der Stadt Genthin - vermutlich ein Novum in der Geschichte der Kanalstadt. Mit Franz Wagner stießen so die Altbürgermeister Karl-Heinz Drasdo und Wolfgang Bernicke sowie Amtsinhaber Thomas Barz auf den runden Geburtstag an.

Dass der betagte Herr schon am nächsten Tag nach einem Sturz die vielen Gesundheitswünsche "abrufen" musste, war unmittelbar an seinem Ehrentag, den er mit Bravour meisterte, wahrlich nicht vorhersehbar.

Überhaupt: Franz Wagner hat alles andere als eine langweilige Biografie.

Geboren wurde er in Platz im Sudetengau. "Mein Vater wuchs als Einzelkind in einer Großfamilie auf", berichtet seine Tochter Kerstin. In Sudenten erlernte er in einem Kolonialwarengeschäft den Beruf eines Kaufmanns. Wie so viele des Jahrgangs 1925 leistete er seinen Arbeitsdienst, bevor er in den Krieg ziehen musste. Erst 1948 kehrte er 23-jährig aus französischer und amerikanischer Gefangenschaft zurück, wo er in einem Minenräumkommando zugeteilt war.

Er folgte dann seiner Mutter, die mittlerweile von Sudeten ins brandenburgische Wusterwitz umgesiedelt worden war. In das zivile Leben stieg Wagner mit einer Arbeitsstelle bei der Landwirtschaftsfirma Fromm in Wusterwitz ein. Dann ging Franz Wagner zur VEAB (Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufsbetrieb) und zur Getreidewirtschaft Stendal. "Gerade in der VEAB hat mein Vater viele persönliche Bekanntschaften geschlossen, die noch bis heute Bestand haben", sagt Tochter Kerstin Heinrichs.

1965 zog Franz Wagner mit seiner jungen Familie, 1954 hatte er geheiratet, nach Genthin.

1973 folgte Wagner dem Ruf in das Genthiner Rathaus, wo er bis zum Eintritt ins Rentenalter 1990 in Verantwortung stand. Zu DDR-Zeiten blieb Wagner, der zuständig für den Bereich Planung war, der Einzige in der Leitungsriege, der nicht Mitglied der SED, sondern der NDPD (Nationaldemokratische Partei Deutschland) war. Ehemalige Mitarbeiter schätzen Wagner bis auf den heutigen Tag als "sachlich und zuverlässig".

Die 17-jährige Arbeit ihres Vaters als stellvertretender Bürgermeister verbindet Tochter Kerstin heute damit, dass der Vater häufig abends weg und viel unterwegs gewesen sei.

Nach der Wende erfüllte sich Franz Wagner einen Lebens- traum und bereiste noch einmal die Normandie in Begleitung seines Bruders, seiner Tochter und seines Schwiegersohnes. "Frankreich ist die große Leidenschaft meines Vaters, er wollte unbedingt die Normandie, die er als junger Mann im Arbeitsdienst und während der Militärzeit kennengelernt hat, wiedersehen", erzählt Tochter Kerstin. Später, 83-jährig, unternahm er noch einmal eine Frankreich-Rundreise mit einem Bus.

Im Leben von Franz Wagner geht es jetzt verständlicherweise ruhiger zu. 2004 konnte er noch mit Ehefrau Charlotte die goldene Hochzeit feiern. Seine Frau verstarb 2007.

Zwei Kinder hat das Paar ins Leben begleitet, wobei Charlotte Wagner, sie arbeitete im Stahlbau und im Gartenbau, voll berufstätig war. Ihre Kinder haben sie mittlerweile zu zweifachen Großeltern gemacht.

Der Privatmensch Franz Wagner ist zeitlebens ein Gartenfan gewesen. "Der Garten war für meine Eltern stets ein Treffpunkt mit Freunden und Bekannten, er war ihre kleine Oase," erzählt Tochter Kerstin. Bis ins hohe Alter hat sich Franz Wagner jedoch nicht die Freude am Zeitunglesen nehmen lassen. "Er kann sich an seiner Zeitung richtig festhalten", scherzt seine Tochter.

Noch muss Franz Wagner nun für einige Tage in einem Magdeburger Krankenhaus bleiben. "Doch wenn er wieder zuhause ist", versichert Tochter Kerstin, "werden wir anhand der Fotos, die auf der Geburtstagsfeier aufgenommen wurden, alles noch einmal Revue passieren lassen."