In Sachsen-Anhalt sterben deutlich mehr Menschen am Herzinfarkt als im Bundesdurchschnitt. So steht es im aktuellen Herzbericht. Fehlt es hier an Ärzten? Oder an Gesundheitsbewusstsein? Redakteurin Kristin Schulze sprach mit dem Kardiologen Dr. Till Höfs, Chefarzt im Genthiner Krankenhaus.

Volksstimme: In Sachsen-Anhalt sind 2012 von 100 000 Einwohnern 103 am Herzinfarkt gestorben. Deutschlandweit waren es nur 65. Woher kommt dieser Unterschied?

Dr. Till Höfs: Das ist kein Problem Sachsen-Anhalts, sondern des ganzen Ostens. Im Vergleich zu den alten Bundesländern sterben hier mehr Menschen am Herzinfarkt.

Warum?

Da kommen etliche Komponenten zusammen. Meine ganz persönliche These ist, dass es viel mit der DDR-Vergangenheit zu tun hat.

Das müssen Sie erklären.

Gern. Die Menschen, die heute einen Infarkt bekommen, sind überwiegend in meinem Alter. Also um die 70. Sie haben den größten Teil ihres Lebens in der ehemaligen DDR verbracht. Haben sich schlechter ernährt, also fettreicher und vitaminärmer gegessen. Hinzu kommen Feinstaubbelastung, soziale Probleme und die erhebliche Umweltverschmutzung.

Dann sind die vielen Herztoten ein Relikt aus DDR-Zeiten?

Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Aber für mich ist es einer der Hauptgründe. Natürlich nicht der einzige.

Läge es nicht näher, die schlechtere medizinische Versorgung im Osten verantwortlich zu machen?

Viel schlechter als in den alten Bundesländern ist die gar nicht. Wir haben etwas weniger Kardiologen, also Fachärzte für Innere Medizin, die sich auf das Herz spezialisiert haben, im Vergleich zu den alten Bundesländern.

Weniger Herzkatheterlabore als im Westen gibt es hier auch.

Auf den ersten Blick stimmt das. Dort werden Röntgenuntersuchungen durchgeführt, die Herzgefäße dargestellt, geweitet und Stents gesetzt. Sachsen-Anhalt hat etwa 20, Nordrhein-Westfalen 180. Dort leben 17,8 Millionen Menschen, in Sachsen-Anhalt 2,3 Millionen. Wenn man das in Relation setzt, muss man konstatieren, dass die Menschen hier ausreichend medizinisch versorgt werden.

Genthin hat kein Herzkatheterlabor. Wo ist das nächste?

Genthin hat eine ambulante Herzspezialistin (Dr. Gerlinde Hellwig), zwei weitere gibt es bei uns im Johanniter-Krankenhaus. Wir können hier Herzinfarkte also gut diagnostizieren. Ist es wirklich ein Infarkt, bringen wir die Patienten nach Stendal. Auch Brandenburg und Magdeburg verfügen über Herzkatheterlabore.

Was passiert im Körper bei einem Herzinfarkt?

An den Wänden der Herzgefäße lagern sich im Laufe des Lebens Fette ab. Werden das zu viele, werden die Gefäße enger. Das Blut kommt nicht mehr so gut durch. Damit kann man leben, oft ohne es zu merken. Problematisch wird es, wenn gar kein Blut mehr durchkommt. Dann stirbt das undurchblutete Gewebe im Herzen ab und man spricht von einem Infarkt.

Was ist dann zu tun?

Keine Zeit verlieren! Bei Verdacht auf Herzinfarkt nicht erst zum Hausarzt laufen, sondern den Notarzt, die 112, rufen. Jede Minute zählt, denn in jeder Minute stirbt Herzmuskelgewebe. Wenn ein Gefäß verstopft ist, bleiben etwa sechs Stunden Zeit, um es zu öffnen, ohne dass irreparable Schäden zurückbleiben.

Woran merke ich, dass ich einen Herzinfarkt habe?

Vernichtender Brustschmerz länger als 15 Minuten ist ein Symptom. Aber nicht immer ist es so eindeutig. Bei Frauen ist der Brustschmerz oft nicht so typisch. Es kommt zu Luftnot oder der Schmerz strahlt in die Arme aus. Besonders bei Diabetikern sind die Symptome abgeschwächt. Darum gilt: Bei Verdacht auf Infarkt muss man sofort ins Krankenhaus.

Und im Vorfeld macht es sich nicht bemerkbar, wenn die Gefäße sich verengen und nicht mehr genug Blut durchkommt?

Wenn der Körper auf Stress und körperliche Belastung mit Brustschmerz reagiert (Angina pectoris), ist das ein Indiz für verengte Gefäße. Das sollte man rasch vom Arzt abklären lassen.

Wie kann man vorbeugen? Was tut dem Herzen gut?

Gesunde Ernährung. Mediterran ist immer gut, also wenig tierisches Eiweiß und Fett, viel Gemüse und Obst. Normalgewichtige sind nicht so anfällig wie Menschen mit Übergewicht. Nicht rauchen, sich dafür viel bewegen. Regelmäßig zur Vorsorge gehen. Patienten mit Zucker und Bluthochdruck sollten intensiver beobachtet werden.

Wann ist der Blutdruck zu hoch?

140:80 ist gut, aber das ist ein sehr variabler Wert. Natürlich steigt der Blutdruck bei Stress und Bewegung. Wenn er im Ruhezustand nicht runter geht, ist das ein ungutes Zeichen. Ab 200:100 wird es kritisch, dann sollte man dringend zum Arzt.

Sehen die Zahlen im nächsten Herzbericht schon anders aus?

Ich denke nicht. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt leben in Sachsen-Anhalt mehr alte Menschen als im Westen. Die haben natürlich ein höheres Risiko. Und sie haben, wie schon erklärt, den größten Teil ihres Lebens in der DDR verbracht. Die Patienten werden in Sachsen Anhalt gut versorgt. Im Herzbericht steht nämlich auch, dass hier deutlich weniger Menschen an einer Herzschwäche sterben als im Bundesdurchschnitt. Das heißt, der Herzmuskel pumpt nicht so viel Blut wie der Körper braucht. Wenn die medizinische Versorgung wirklich unzureichend wäre, hätten wir in diesem Bereich nicht so gute Zahlen.

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