Eis und Schnee zum 29. Ferchländer Winterschwimmen - es hat tatsächlich noch geklappt mit der "Traumkulisse" bei dem bunten Spektakel am Feuerlöschteich. Und auch sonst war es eine rundum richtig gelungene Veranstaltung. Den 178 Badelustigen jubelten mehrere hundert Besucher zu.

Ferchland l "Das haben wir so bestellt! In Ferchland sind vernünftige Leute, die kriegen auch vernünftiges Wetter", schmunzelt Otto Schmidt, Vorsitzender des Angelvereins und damit Chef-Organisator des Eisbadens.

Noch am Tag zuvor war von Eis kaum eine Spur, und über Nacht hat es dann gefroren. "Wir haben am Vormittag eine mehrere Millimeter dicke Eisschicht beseitigt", berichtete Dietmar Schiess von der Rettungstauchergruppe der DLRG Tangermünde. Die Taucher haben hier wie jedes Jahr ihre Übung durchgeführt. Geschneit hatte es auch tüchtig Freitagabend und -nacht, und während des Badens setzte dann nochmal ein Flockenwirbel ein. Und kaum war alles vorbei, begann es zu regnen...

Die weiße Kulisse war die schöne Überraschung am Sonnabendmorgen. Eine schlechte gab es auch, und die hat Veranstaltern und Gästen gleichermaßen die Sprache verschlagen: Über Nacht hatte jemand eine halbe Toilette geklaut! Was wie ein Scherz klingt, ist böse Realität: Eine Mobiltoilette wurde in der Mitte durchgesägt und das Oberteil wurde liegen gelassen. "Wir haben noch während der Veranstaltung Anzeige erstattet, denn unsere Regionalbereichsbeamten Frank Lorenz und Uwe Müller waren ja vor Ort", sagte Otto Schmidt. Die Polizeibeamten hatten auch den Umzug abgesichert.

Musikalisch begleitete wie gewohnt der Fanfarenzug Lüderitz den Umzug vom Elbehaus zum Feuerlöschteich, wo die Eisbadergruppen von den Zuschauern fröhlich empfangen wurden. Spritzig wie immer stellte Moderator Gerhard Fabian - unterstützt von Ralf Ballerstein oben an der Tontechnik - die einzelnen Gruppen vor. Und er versprach: "Beim 30. gehen wir mit ins Wasser!" Da gibt es nun kein Zurück mehr.

Das Wasser "angewärmt" haben die Ferchländer Triathleten als erste Gruppe am Start. Sie hatten auch gleich einen der ältesten Teilnehmer dabei: Karl-Heinz Schmidt mit 76 Jahren! Er ist ein Leben lang Sportler mit Leib und Seele und lässt sich auch das Eisbaden nicht nehmen, obwohl er das ebenso wie seine Vereinsfreunde nur nebenbei macht. Während viele andere Gruppen zu den verschiedensten Eisbadertreffen fahren und auch regelmäßig ins kalte Nass steigen, steht für die Triathleten Training anderer Art im Mittelpunkt, denn sie haben sich auch dieses Jahr wieder etliche Wettkampftermine eingeplant. Doch dazu ein andermal mehr.

"Eis und Feuer"

Für die "Frosty Koalas" aus Kade gehört das Eisbaden mittlerweile fest zum winterlichen Terminkalender, und sie fahren auch gern zu anderen Eisbadertreffen, wie zum Beispiel am kommenden Wochenende nach Trassenheide auf Usedom. Dort waren sie bereits vor einem Jahr zum ersten Treffen, erzählt Hartmut Nothe begeistert und zeigt einen Zeitungsausschnitt, denn die "Koalas" haben sich dort schon einen Namen gemacht.

Für ein bisschen Gaudi sorgen sie auch in Ferchland immer. Ihre schwimmenden Feuerschale hatten sie wieder dabei - Feuer und Eis, das hat halt was. Doch diesmal setzten sie noch eins drauf: Sie zündeten in der Schale auch ein Mini-Feuerwerk.

Die "Frosty Koalas" haben nun offiziell ein neues Mitglied: Moritz Tischer, zwölf Jahre alt, hatte am Abend zuvor sein Vereins-T-Shirt bekommen, auf das er ganz stolz ist. Zum ersten Mal beim Eisbaden in Ferchland dabei war er vor einem Jahr.

Von klein auf hineingewachsen ins Eisbaden ist Thurid Stielau von den "Ferchländer Schwänen", aber bei großen Eisbaden war die jetzt Zehnjährige auch voriges Jahr erstmals dabei. Diesmal hat sie sich schon ganz selbstverständlich in die Gruppe eingereiht, die diesmal nur aus "Frauenpower" bestanden hat. Denn die Männer mussten diesmal beide gesundheitsbedingt passen...

Dass Eisbader ein besonderes Völkchen sind, wissen auch die Stammgäste des Ferchländer Winterschwimmens längst. Ob nun Gesundheit und Abhärtung oder Spaß und Geselligkeit im Vordergrund stehen, spielt letztlich keine Rolle mehr. Dieses besondere Hobby schweißt zusammen. Man drückt sich beim Wiedersehen, redet sich mit "Du" an - das ist selbstverständlich. Diese herzliche Aufnahme in der Gemeinschaft tut gut, und das weiß besonders jemand zu schätzen, der durch ein Tief gegangen ist.

Heute kann Irina mit strahlenden Augen von ihrer Geschichte berichten. Die kam vor 13 Jahren aus der Ukraine nach Gifhorn, ist verheiratet und hat zwei Söhne, zwölf und sechs Jahre alt. Im vorigen Jahr sind kurz nacheinander ihre Eltern gestorben. Das hat sie schwer getroffen. "Ich brauchte etwas, um da wieder rauszukommen", blickt sie zurück. Im Herbst hat sie angefangen, im kalten Wasser schwimmen zu gehen, uns tut das seither jeden dritten Tag. Ihr zwölfjähriger Sohn kommt inzwischen auch mit, freut sie sich. Ihren Mann hat sie noch nicht überzeugen können.

Weil es in ihrer Gegend keine Winterschwimmergruppen gibt, hat sie versucht, irgendwo Anschluss zu finden. Beim 30.Winterbaden der "Berliner Seehunde" am 10. Januar ist ihr das gelungen. Beate Korehnke aus Berlin, die die "Seehunde" nach Ferchland begleitet hat, schwärmt von diesem Treffen und freut sich, Irina hier wieder zu sehen. "Sie hat dort Kontakt zu den Saunis aus Arendsee aufgenommen", berichtet Beate Korehnke. Bei denen fühlt sich Irina gut aufgenommen und nimmt mit ihnen gemeinsam an Eisbadertreffen teil. Zum regelmäßigen Training freilich ist es zu weit - immerhin etwa 90 Kilometer.

Energie und gute Laune

Warum sie ausgerechnet das Eisbaden gewählt hat? "Das gibt Energie und gute Laune, ist gut gegen Depression. Man hat das Gefühl: Ich kann das!" schwärmt Irina, und es wirkt ansteckend.

Genaus so wie sie strahlt auch die Tangermünderin Roswitha Lindner, die schon viele Jahre mit ihrer Gruppe den "Wasserplumpser", über die Elbe herüber zum Ferchländer Eisbaden kommt. Es ist eine recht stattliche Truppe, wenn auch die Mitglieder immer wieder wechseln - "alte" sind gegangen, neue kommen dazu, erzählt sie. In Ferchland waren diesmal 15 dabei. "Wir gehen immer noch regelmäßig jeden Sonntag um 11 Uhr baden", erzählt Roswitha Lindner. Sie ist seit 19 Jahren dabei - von Anfang an. Auch sie will kommendes Wochenende nach Trassenheide fahren.

Sichtlich Spaß an dem Spektakel haben alle Jahre wieder auch die Rettungstaucher der DLRG Tangermünde, denn ernsthaft einzugreifen brauchen sie hier kaum einmal. Aber allein ihre Anwesenheit vermittelt ein Gefühl der Sicherheit, und ihre Verbundenheit drückt manche Eisbaderin auch gern mal mit einer kräftigen Umarmung aus...

In ihren Schutzanzügen harren einige Taucher die ganze Zeit während des Badens im Wasser aus, die anderen haben das Geschehen vom Ufer aus im Blick. Trainiert wurde wie immer vormittags, allerdings diesmal nur mit sechs Teilnehmern. "Es sind schon Ferien", begründet Dietmar Schiess. Er sowie Sven Buddy und Rico Blaneck sind Einsatztaucher 2, Florian Nitschke ist Einsatztaucher 1 und der Jüngste der Gruppe, Michael Mewes ist an diesem Tag Taucheinsatzleiter, Georg Nitschke Helfer.

Dank der letzten frostigen Nacht konnte das Tauchen unterm Eis wieder geübt werden. "Wir haben auch bisschen Müll gesammelt", erzählt Dietmar Schiess. Auch ein entsorgter Kindersitz, der mitten auf dem See am Eis lag, wurde geborgen. "Das war gar nicht so einfach. Ich habe die Eisdecke darunter aufgebrochen und ihn unterm Eins hinter mir her gezogen."

Die Sicht war am Anfang noch ganz gut - zwei Meter. "Aber nur für den ersten Taucher - danach Null!" Wie sieht der See unten aus? "Im Bereich der Uferschrägen unter Wasser Pflanzenwuchs und ab drei, vier Meter Tiefe nur noch Schlamm am Grund, etwa 50 bis 60 Meter dick." Für die Ausbildung sei null Sicht aber gut, betont Schiess. Denn es doll ja geübt werden, trotzdem klar zu kommen.

Früher seien die Tangermünder Taucher auch im Sommer gern mal zum Training herüber gekommen, fügt er an. Seit ein paar Jahren mache das keinen Sinn mehr - der Wasserstand ist stark gefallen, das Pflanzenwachstum üppig, so dass man sich darin verfängt.

Nur noch das "30"?

Für das Eisbadertreffen ist aber immer noch genug Wasser im Feuerlöschteich, der einmal im Jahr "Schwanensee" heißt. Auch im nächsten Jahr wird er das wieder. Dann wird Jubiläum gefeiert: das 30. Ferchländer Eisbaden. Es könnte das letzte sein. "Für mich auf jeden Fall", sagt Otto Schmidt. Mehrere Jahre hintereinander hatte er jetzt den Hut auf bei der Organisation und ist diesmal auch mit der Unterstützung sehr zufrieden. "Wir hatten etliche Sponsoren, auch einige neue. Ohne die geht es nicht", betont er. Und auch seine Angelvereinsmitglieder, der Heimatverein und viele andere haben tüchtig mitgezogen. Viele Frauen haben wieder Kuchen gebacken und haben die Eisbader beim Kaffeetrinken nach der Veranstaltung versorgt.

Trotzdem, Otto Schmidt möchte im nächsten Jahr einen Schlussstrich ziehen. "Wenn sich jemand anderes findet, der es macht, kann es auch weitergehen", räumt er ein. Na, mal sehen. Henry Stielau, der Initiator damals vor fast drei Jahrzehnten, jedenfalls kann nicht wirklich ohne "sein" Eisbaden, obwohl er diesmal aus gesundheitlichen Gründen nicht mit ins Wasser gehen konnte. Zwar wollte auch er schon mehrmals aufhören, aber daraus wurde jedesmal nichts. Wäre auch sehr schade um diese tolle und für die Region einzigartige Tradition.

   

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