Mit der Idee, den ersten Stolperstein in Genthin zu verlegen, wandten sich Julius und Beate Hertting vor zwei Jahren an die Stadtverwaltung. Trotz der Unterstützung durch das damalige Projekt "Junge Ideen" konnte der Vorschlag nicht umgesetzt werden.

Genthin l Der Wunsch nach einem Stolperstein für den jüdischen Kaufmann Hugo Magnus sorgte durchaus für Aufmerksamkeit in der Kanalstadt. Im Sommer 2013 hatten sich der Schüler Julius Hertting und seine Mutter Beate an das damals im Rahmen des Lokalen Aktionsplans (LAP) durchgeführte Projekt "Junge Ideen" gewandt, um die Möglichkeit für eine Umsetzung zu erfragen.

Mutter und Sohn hatten bereits eine umfangreiche Vorarbeit geleistet. "Wir haben bei einer Recherche im Kreismuseum die Namen von neun jüdischen Familien mit 29 Personen finden können, die Anfang der 1930er Jahre in Genthin lebten", erläutert Beate Hertting. "Von ihnen ist der Name Hugo Magnus wohl der bekannteste." Der Geschäftsmann besaß Anfang des 20. Jahrhunderts das größte Kaufhaus Genthins. Daneben machte sich Magnus auch um die jüdische Gemeinde Genthins verdient und sorgte mit seinem Engagement dafür, dass Ende der 1920er Jahre eine neue Synagoge in der heutigen Dattelner Straße eingeweiht werden konnte. Nach den Ausschreitungen in der Pogromnacht 1938 verließ der Kaufmann mit seiner Familie Deutschland und emigrierte nach China. Später ging Magnus in die USA. In New York verlor sich seine Spur.

Ein Lebensweg, der mit einem Stolperstein gewürdigt werden könnte. Stolpersteine sind zehn mal zehn Zentimeter große Metallplatten, die in das Gehwegpflaster eingelassen werden. Auf ihnen werden Daten von während der Nazidiktatur verfolgten jüdischen Mitbürgern eingraviert. Die Steine werden zumeist in unmittelbarer Nähe des einstigen Wohnortes der verfolgten Menschen verlegt. Diese Verlegung nimmt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig vor, der die Aktion vor mehr als 20 Jahren begründete. "Es soll nicht nur an die von den Nazis ermordeten Mitmenschen erinnert werden, sondern auch an die, die um ihre Existenz gebracht worden sind und ihr bisheriges Leben aufgeben mussten", verdeutlichte er auf den Genthiner Vorschlag angesprochen. Häufig seien Nachfahren der einst verfolgten Personen beim Verlegen der Steine vor Ort. "Diese Menschen freuen sich, dass die Erinnerung an ihre Verwandten erhalten bleibt." 50 000 Steine hat der Kölner im Laufe der Jahre verlegt. In Deutschland, aber auch im Ausland.

Doch in Genthin blieb die Idee bislang ohne Folgen, weder im Bildungs-, Kultur- und Sozialausschuss, noch im Stadtrat kam der Vorschlag zur Sprache. Bereits im Begleitausschuss des LAP war harsche Kritik am damaligen Koordinator des Projektes "Junge Ideen", Olaf Danker, laut geworden. Dieser habe sich zu stark auf die Ausarbeitung des Vorschlages "Stolperstein" konzentriert, andere Bereiche seiner Aufgaben vernachlässigt.

Zudem war neben Zustimmung für den Vorschlag auch deutliche Ablehnung von Vertretern in den Gremien spürbar. Nicht jeder mochte sich mit einem in die Erde eingelassenen Gedenkstein anfreunden, auf dem gelaufen und gefahren wird. Die Idee kam im Jahr 2014 auch deshalb nicht mehr zur Sprache, da Künstler Demmnig ohnehin keine neuen Termine annehmen wollte und somit selbst bei Zustimmung des Genthiner Stadtrates eine Verlegung nicht hätte vorgenommen werden können. Doch nun könnte wieder Bewegung in die Sache kommen. Nachdem das Aktionsprogramm LAP im vergangenen Jahr ausgelaufen ist und die Städte Genthin und Jerichow sowie die Gemeinde Elbe-Parey am Nachfolgeprogramm "Demokratie leben" teilnehmen, wäre ein neuer Rahmen für die Umsetzung der Aktion gegeben. "Der Aufwand ist wirklich gering", stellt Bürgermeister Thomas Barz fest. Für einen Stolperstein müssen rund 100 Euro veranschlagt werden, dazu kommt ein Honorar von 200 Euro für den Künstler sowie dessen Übernachtungskosten.

Der Bürgermeister verspricht nun sich, für die aus seiner Sicht "tolle Idee", stark zu machen. "Ich werde jedoch die Angelegenheit im neuen Programm vorstellen." Machbar wäre das schon. Denn auf lokaler Ebene können die Projektteilnehmer frei entscheiden, wie die Mittel vergeben werden sollen, heißt es vom federführenden Bundesfamilienministerium. "Wir machen von unserer Seite keine Vorgaben", sagt Ministeriumssprecher Frank Kempe.

Eine gute Nachricht auch für die ehemaligen Initiatoren. "Ich finde es gut, dass es das Bestreben gibt, die Erinnerung an verdiente Mitbürger wach zu halten", meint Julius Hertting. Er selbst könne sich nicht mehr darum kümmern, da er mittlerweile mitten in der Ausbildung sei. "Aber vielleicht kommt der Stolperstein jetzt doch."