Viel Streit gab es um die Fusion der Burger Astrid-Lindgren-Schule mit der Parchener Albrecht-Dürer-Schule. In Parchen werden nun Kinder mit verschiedenen Förderschwerpunkten gemeinsam unterrichtet. Wie das funktioniert, erfragte Redakteurin Kristin Schulze bei Schulleiterin Petra Lubig.

Volksstimme: In Parchen werden lernbehinderte gemeinsam mit verhaltensauffälligen Kindern unterrichtet. Bundesweit ein Pilotprojekt, viele haben chaotische Verhältnisse befürchtet. Wie chaotisch ist es bei Ihnen ein halbes Jahr nach der Fusion?

Petra Lubig: Der Start war überraschend unkompliziert. Wenn man bedenkt, wie viele Querelen es im Vorfeld gegeben hat. Schüler und Lehrer fühlen sich wohl. Kein Lehrer hat einen Versetzungsantrag gestellt und kein Schüler wurde wegen der Fusion von der Schule genommen.

Ihre Vorgängerin, die Lehrerschaft und ein Großteil der Eltern waren nicht überzeugt von der Fusion...

Ich glaube, das war größtenteils ein Kommunikationsproblem. Die Parchener Kollegen wollten sich auf die neue Schüler einstellen, darum haben Sie so für das Übergangsjahr gekämpft. Die Burger haben sich auf die neue Schule gefreut, aber den Widerstand gespürt. Sie fühlten sich nicht willkommen.

Kritiker sind der Meinung, L- und V-Schüler passen nicht zusammen. Wie sehen Sie das?

Es passt. Auf dem gemeinsamen Schulhof ist nicht mehr zu spüren, dass hier Kinder spielen, die vor Kurzem noch verschiedene Schulen besuchten.

Trotzdem werden die Kinder getrennt unterrichtet.

Das haben die Kollegen sich erkämpft. Und es hat Vorteile. Die Kinder sehen während des Unterrichts vertraute Gesichter. Beständigkeit in Zeiten des Umbruchs. Sie können sich außerhalb des Unterrichts langsam aneinander gewöhnen.

Wie?

In der gemeinsamen Pause oder bei Ausflügen. Außerdem gibt es Patenklassen. Jeder L-Klasse ist eine V-Klasse zugeordnet. Viermal im Jahr machen sie was zusammen. Auch im Förderunterricht einmal in der Woche lernen sie gemeinsam. Wir werden den getrennten Unterricht in diesem Jahr beibehalten, perspektivisch die Klassen aber mischen.

Welche Vorteile hat gemeinsamer Unterricht?

Höhere Schülerzahlen. Wir unterrichten jetzt überwiegend jahrgangsübergreifend, weil wir nicht genügend Schüler für Einzelklassen haben. Das heißt, Klasse 1 und 2, 3 und 4 usw. lernen zusammen. Das macht den Unterricht nicht leichter.

Volksstimme: In welcher Phase des Zusammenwachsens sind Sie jetzt?

Wir erarbeiten gerade ein Konzept. Das materiell-sachliche ist bereits beim Landkreis. Da steht drin, was wir baulich brauchen. Auch das Konzept für die Schulsozialarbeit ist fertig. Jetzt ist das pädagogische Konzept dran.

Ist es nicht paradox, zwei Schulformen zu vereinen und erst danach ein Konzept zu erarbeiten?

Nein. Probleme sieht man, wenn sie auf dem Tisch sind. Jetzt sehen wir, was für Anforderungen die Fusion mit sich bringt. Hätten wir die so deutlich sehen können, wenn wir getrennt voneinander im Übergangsjahr überlegt hätten? Ich glaube nicht.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Vor der Fusion hatten wir uns überlegt, dass wir unbedingt einen Time-Out-Raum benötigen. Der war für Schüler gedacht, die Zeit brauchen, ihre Aggressionen loszuwerden, ohne sich selbst zu verletzen. In der Praxis nutzen wir diesen Raum nun kaum.

Was machen Sie stattdessen mit den Problemkindern?

Wir setzen auf Entspannung oder Auspowern. Entspannen kann man nicht in einem leeren Raum, es geht viel besser in einem gemütlichen Zimmer. Auspowern kann man sich in einem Fitnessraum. Statt des Time-Out-Raumes brauchen wir also einen Entspannungs- und einen Fitnessraum.

Viele Kritiker hatten Sorge, die Zusammenlegung brächte Einschränkungen für die L-Schüler. Stichworte: verschlossene Räume, Fenster, Toiletten.

Auch das war ein Kommunikationsproblem. Wir haben nun tatsächlich verschlossene Räume. Das hat aber nichts mit den V-Schülern zu tun. Verschlossene Räume gibt es bald in allen Schulen, weil das Land einen Amokplan umsetzt. Der soll Schulen sicherer machen. Von außen haben die Räume keine Klinken, damit Fremde nicht hinein kommen.

Volksstimme: Andere kritische Stimmen sagten, V-Schüler sind gestört und aggressiv. Es sind Kinder, vor denen die L-Schüler Angst haben müssen.

Ja, wir haben hier V-Schüler mit traumatischen Erkrankungen. Manche sind laut und aggressiv. Das ist eine kleine Anzahl "krasser Kinder". Der Großteil der V-Schüler ist aber "normaler", als viele denken. Ihr Förderschwerpunkt liegt auf dem sozial-emotionalem Verhalten. Ihr Verhalten steht ihnen beim Lernen im Weg. Wir helfen ihnen, ihr Verhalten zu kontrollieren. Sie werden nach dem normalen Grundschul- und Sekundarschullehrplan unterrichtet. Ziel ist die Rückführung an diese Schulen. In diesem Jahr ist uns das bei zwei Kindern, die zurück an die Sekundarschule gehen, gelungen. Ein Schüler geht sogar ans Gymnasium.

Volksstimme: Was tun Sie mit den "krassen Kindern"?

Sie brauchen Verständnis. Sie haben Bindungsabbrüche ohne Ende hinter sich . Familiär und räumlich. Unter anderem gibt es Fallberatungen, in denen sich Eltern oder Erziehungsberechtigte, Schulleiter, Klassenlehrer, pädagogischer Mitarbeiter, Therapeut und Jugendamt zusammensetzen und individuelle Lösungen erarbeiten. Gerade mit dem Jugendamt des Landkreises arbeiten wir sehr gut zusammen. So viel persönliche Unterstützung habe ich bisher nirgends erlebt.

Volksstimme: Was sind die Vorteile einer Mischschule?

Die Last der Schließung wurde durch die Fusion von der Parchener Schule genommen. Mit den V-Schülern haben wir genügend Schüler, um uns über den Fortbestand keine Gedanken machen zu müssen.

Volksstimme: In Parchen ist also alles perfekt?

Das Modell der Mischschule ist funktions- und zukunftsfähig. Es gibt aber vieles, was uns fehlt. Zuerst Personal. Gerade eine Förderschule muss in Kleingruppen arbeiten können. Außerdem wollen wir im nächsten Jahr Sprach-, Physik-, Ergo- und Psychotherapie anbieten. Langfristig ist auch ein Hort geplant. Wir haben also noch viel zu tun, sind aber auf einem guten Weg.

Bilder