Was macht Stadtchef Thomas Barz eigentlich den lieben langen Amtstag? Benjamin Buyny (11) aus Genthin weiß das aus erster Hand, er war Bürgermeister für einen Tag.

Genthin l Benjamins Tag im Rathaus beginnt um halb neun. Kein Problem für den Fünftklässler, der Unterricht im Bismarck-Gymnasium startet deutlich früher. Ausgeschlafen nimmt der Elfjährige im Chefsessel Platz, nachdem Sekretärin Anja Schäfer ihm die Jacke abgenommen hat. "Vorsicht. Unter Herrn Barz ist der Stuhl schon zusammengebrochen", erzählt Schäfer. Der Sessel hält, Benjamin lehnt sich zurück und mustert sein Büro. "Keine Termine vor 9 Uhr, denn der Tag wird lang", erklärt Bürgermeister Thomas Barz, der heute Urlaub hat, dem Nachwuchs-Bürgermeister aber als Berater zur Seite steht.

Wie viele Mitarbeiter unterstehen dir heute?, will Barz von Benjamin wissen. 130 schätzt der und liegt fast richtig. 150 Angestellte sind für die Stadt beschäftigt, früher waren es dreimal so viel. Zwei von ihnen lernt Benjamin heute noch näher kennen. In seiner Bürgermeister-Bewerbung hat er Themen aufgelistet, um die er sich als Stadtchef kümmern will: Freie Fahrt für Radfahrer auf Einbahnstraßen und bessere Pflege der Grünflächen.

1. Problem: Einbahnstraßen

Nach einer Runde durchs Rathaus geht es für Benjamin mit Ilona Hohenstein an die Einbahnstraßen: Ortstermin an der Seminarstraße. Schnell erkennt der kleine Bürgermeister das Problem: "Hier fahren Busse und es wird geparkt, wenn nun die Radfahrer aus der anderen Richtung kommen, wird es verdammt eng." Seinen Vorschlag, die Seminarstraße auch aus Richtung Kleine Schulstraße mit dem Rad zu befahren, will er dennoch nicht verwerfen. "Müssen die Autos hier parken? Der Parkplatz an der Elbe-Havel-Passage bietet doch genug Platz", merkt er an. "Stimmt", sagt Hohenstein, weist aber darauf hin, dass die Autofahrer nicht begeistert sein werden, wenn der Bürgermeister ihnen Parkflächen nimmt. Benjamin denkt an seine Rathaus-Runde mit Thomas Barz zurück. "Egal, was du entscheidest, allen recht machen, kannst du es nie", hat der ihm mit auf dem Weg gegeben. Freie Fahrt für Radfahrer - das scheint trotzdem noch nicht vom Tisch. Benjamins Mundwinkel verziehen sich zu einem Grinsen. Denn noch etwas hat Thomas Barz ihm über den Bürgermeister-Beruf erklärt: "Das Coole ist, am Ende entscheide ich. Ich bin der End-Entscheider."

Natürlich müssen die Entscheidungen mit dem Gesetz übereinstimmen. Und im Regelfall verlässt sich der Stadtchef auf das Urteil des zuständigen Mitarbeiters. "In diesem Fall steht die Sicherheit an erster Stelle", erklärt Ilona Hohenstein und misst die Breite der Seminarstraße. Benjamins Vorschlag findet sie gut. "Ich bin selbst Radfahrer und muss wegen der Einbahnstraßen viele Umwege nehmen." Benjamin füllt Anträge für Polizei und Bauamt aus. Deren Stellungnahme wird ihm demnächst zugehen.

2. Problem: Grünanlagen

Problem Nummer zwei: Die Grünflächen am Stadtrand. Benjamin spricht den Friedensplatz an: "Früher gab es dort Blumen, jetzt nur noch fleckigen Rasen." Thomas Barz verweist ihn an Anett Lucke. Sie ist zuständig für die Grünanlagen der Stadt. "Die Frau mit dem grünen Daumen", wie Barz sie nennt, erklärt: "Jede Grünanlage wird einer Kategorie zugeordnet. I für sehr wichtig, V für nicht so wichtig." Sehr wichtig sei zum Beispiel der Rasen am Marktplatz, weil der zentral liege. Nicht ganz so wichtig sei dagegen der Rasen am Friedensplatz. "Die Blumen sahen hübsch aus, keine Frage", sagt Lucke. "Aber das Pflanzen und Bewässern ist ein enormer Aufwand, den die Stadt wegen leerer Kassen und weniger Mitarbeiter nicht leisten kann."

Die Flecken auf dem Rasen würden außerdem noch verschwinden, "der wurde ja frisch gepflanzt", erklärt die Landschafts- und Gartenplanerin. "Überzeugt", sagt Benjamin schmunzelnd und lotst Anett Lucke zum Volkspark. "Der Grünstreifen am Radweg ist total verwachsen", sagt er. "Würde man hier ausdünnen, hätten die Radfahrer mehr Licht." "Dafür gibt es Straßenlampen", widerspricht Lucke. Benjamin denkt an die Worte von Barz zurück. "Freiwillig fällt Frau Lucke keinen Baum. Darum ist sie genau die Richtige, um Genthins Grünanlagen zu koordinieren." Benjamin konzentriert sich auf seine Mitarbeiterin, die ein Plädoyer für Sträucher und Geäst hält: "Das würde ich nur wegnehmen, wenn davon Gefahr ausgeht."

"Schon wieder überzeugt", antwortet Benjamin. "Ich werde mich vorerst auf die Einbahnstraßen konzentrieren", formuliert er das Ergebnis seines Vor-Ort-Termins. Mittagessen gehört nicht zum Alltag des Bürgermeisters. "Ich esse lieber abends, alles andere hält mich auf", erklärt Barz, macht aber heute für Benjamin eine Ausnahme. Es geht nach Hohenseeden in die Gaststätte Wendt, wo ein Arbeitsessen mit Landrat Steffen Burchhardt ansteht.

Benjamin und der Landrat stellen gleich Gemeinsamkeiten fest. Beide lieben das Angeln und Hamburger Schnitzel, das sie in Ketchup ertränken. Benjamin hat viele Fragen an Burchhardt, zum Beispiel warum er ausgerechnet Landrat werden wollte. "Es ist ein Beruf, in dem ich Dinge verändern kann." Der Landrat erklärt auch, dass seine Behörde die von Benjamin (also die Stadt Genthin) kontrolliert: "Wenn ihr einen Baum kauft, überprüfen wir, ob ihr das richtig gemacht habt. Es geht ja nicht, dass ihr einen Baum für 200 Euro anschafft, den es anderswo auch für 100 gibt. Ob es dagegen Sinn macht, einen Baum zu kaufen, überprüfen wir nicht." Der Landkreis wird wiederum vom Landesverwaltungsamt kontrolliert.

3. Politisches Mittagessen

Mit dem Landrat bespricht Benjamin auch die Schattenseiten des Politiker-Lebens. "Meine Freunde haben mir aufgetragen, die Schule abzuschaffen, wenn ich schon mal Bürgermeister bin. Dafür bin ich aber gar nicht zuständig." "Stimmt", sagt Burchhardt. "Ein Bürgermeister ist nicht die Weltpolizei."

Für Benjamin geht es nach dem Mittag zurück ins Rathaus. Hier wartet die Post auf den Mini-Bürgermeister. Er stempelt sich die Finger wund, genehmigt einen Fön für die Schwimmhalle und Handschuhe für die Feuerwehr. Außerdem sagt er ja zu einer Bewerbung zum Praktikum und bewilligt Reisekosten einer Mitarbeiterin. Aber nur, weil alle Belege ordnungsgemäß vorliegen. "Hier gibt es nichts ohne Quittung", hatte Thomas Barz ihm erklärt. "Schließlich arbeiten wir mit Steuergeldern." Benjamin nickt und stempelt geschäftig weiter. Schließlich muss er heute noch den Bürgerpreis übergeben und eine Sitzung eröffnen. Als sein Tag gegen 17.30 Uhr endet, leuchten seine Augen. "Sie haben einen spannenden Job", gibt er Thomas Barz mit auf den Weg. "Den du heute klasse erfüllt hast", gibt der zurück. Und wer weiß? Vielleicht titelt die Volksstimme in ein paar Jahren anstatt "Benjamins Tag als Bürgermeister": "Buyny löst Barz als Bürgermeister ab".

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