Genthin l "Ich kann heute Abend leider nicht kommen, aber ich wollte Sie gern kennenlernen", begrüßte Thomas Barz Lambis Vassiliadis. Gemeinsam mit Hermann Laupichler aus Wilkenburg bei Hannover, der ihm seit seinen Studienzeiten ein guter Freund ist, war der Grieche kurz vorher in Genthin eingetroffen. Und natürlich war auch Marina Conradi, Leiterin der Tourist-Information, dabei, die wie alle Konzerte zuvor auch das Jubiläumskonzert vorbereitet hatte.

Es entspann sich ein angeregtes Gespräch, bei dem ebenso das Besondere dieser Konzerttradition hier in Genthin wie auch die politische Situation Griechenlands und Europas eine Rolle spielten.

Warum kommt ein Weltklassekünstler wie Lambis Vassiliadis immer wieder in diese kleine Stadt? "Wenn man es rational betrachtet, macht es keinen Sinn. Aber wenn man es emotional betrachtet, ist es das wichtigste Konzert des Jahres für mich", sagte er. Viele neue Freunde habe er hier gewonnen, ein Stammpublikum, das er sehr schätzt. "Man braucht eine gewisse Konstellation. Ich weiß nicht, welcher Zauber hier in Genthin steckt, aber es handelt sich um etwas Besonderes!"

Eine solche Erfahrung lasse sich nur schwer mit Worten mitteilen. "Es ist wie eine gemeinsame Frequenz." So etwas erlebe man nur sehr selten. Es sei hier so, als ob das Konzert schon angefangen habe, noch bevor er spiele. "Ich kenne hier fast jeden im Publikum, natürlich nicht mit Namen." Schon mehrmals habe er für Genthin ein neues Programm einstudiert, habe sozusagen die Konzertsaison hier begonnen. Es war manchmal ein Experiment, und das Publikum habe sich darauf eingelassen. Das sei nicht überall so. "Meine Art zu spielen ist nicht gerade akademisch", betonte er. Er sei ein "explosiver" Pianist und als solcher hier akzeptiert worden.

Die "akademische Art" zu spielen ist seine Sache nicht: Genau so zu spielen, wie man spielen sollte - damit lassen sich wohl gute Prüfungsnoten erzielen, aber solche Konzerte können langweilig werden. Lambis Vassiliadis will mit seinem Spiel die "innere Welt" der Zuhörer erreichen. Das gelingt ihm - nicht nur hier in Genthin, aber hier besonders stark. Das Publikum sei hier sehr aufgeschlossen, es lasse sich darauf ein, es "funkt" zwischen ihm und seinen Zuhörern. Hier habe er auch die Möglichkeit, bis an seine Grenzen zu gehen, das heißt, etwas zu versuchen, ohne zu wissen, ob er es schaffen kann. Hier in Genthin gelinge das vor allem deshalb, weil die Stimmung ihn trägt.

Krise in Politik: Echte Kommunikation ist wichtig

Es ist phantastisch, wie hier ein Publikum mit einem Künstler bereits zwei Jahrzehnte lang einen gemeinsamen Weg gegangen ist. Es sind nicht nur bei dem einen wie dem anderen "die Haare grauer geworden", es haben sich nicht nur persönliche Entwicklungen vollzogen, sondern es hat sich auch sehr viel auf der "politischen Bühne" getan. Die kritische Situation in Griechenland und die Probleme zwischen Griechenland und der EU haben jedoch das Verhältnis zwischen Lambis Vassiliadis und seinen Freunden in Genthin - und auch an anderen Orten in Deutschland - nie belasten können.

Die in verschiedenen Medien immer wieder dargestellte Stimmung gegen Griechenland entspreche nicht dem Gefühl des Volkes, ist Lambis Vassiliadis überzeugt. Allein nach Korfu, wo er seit etlichen Jahren zu Hause ist, kommen jährlich etwa 1,2 Millionen Touristen, davon mehr als die Hälfte Deutsche, berichtete er. Negative Darstellungen in den Medien freilich schüren Zweifel. "Gerade deswegen ist echte Kommunikation so wichtig! Wenn ich an Deutschland denke, denke ich an Gesichter und Namen." Und umgekehrt verbindet sich für die Freunde von Lambis Vassiliadis der Gedanke an Griechenland mit seinem Namen und Gesicht. Solche Verbindungen zu fördern - über Chöre, Städtepartnerschaften, Künstler und so weiter - das liegt Lambis am Herzen.

Mit dem "Ausflug" in die Politik kam das Gespräch auf ein Thema, in dem Thomas Barz zu Hause ist. Und er fand auch schnell ein Gleichnis: "Die finanzielle Situation in Genthin ist schlimmer als in Griechenland. Das ist kein Geheimnis!" Auch wenn das mit Lachen quittiert wurde - von der Hand zu weisen ist es sicher nicht. Und tatsächlich findet sich manche Parallele zwischen der "großen Politik" dort und der "kleinen" hier: Die Chancen für einen Politiker, kurzfristig - das heißt, innerhalb einer Wahlperiode - etwas zu ändern, sind äußerst begrenzt.

Ein Konzertabend, der Ohren und Herzen erreicht

Eine kleine Ruhepause im Hotel Müller, ein bisschen Einspielen auf dem Flügel im Konzertsaal Jerichower Land - dann begann sich der Saal auch schon mit den Zuhörern zu füllen. Es waren viele diesmal, viele Stammgäste und auch etliche, die zum ersten Mal kamen. In Vertretung von Bürgermeister Thomas Barz war Paul Karle dabei. Nächstes Jahr, versprach Barz, wolle er unbedingt versuchen, selbst zu kommen.

Marina Conradi begrüßte die Zuhörer, blickte zurück auf die zwei Jahrzehnte, erzählte, wie es damals angefangen hatte, wie der erste Kontakt über Hermann Laupichler zustande kam und er sie einlud zu einem Konzert mit Lambis in Hamburg. Die Begeisterung damals wurde seither jedes Jahr aufs Neue genährt.

Ein wunderbares Jubiläumsprogramm hatte Lambis zusammengestellt. Fröhlich und liedhaft war der Auftakt mit dem 1. Satz der Mozart-Sonate, KV 332. Bereits im äußerst anspruchsvollen 3. Satz bewies Lambis seine Virtuosität, bevor er mit der Liszt-Transkription von Mozarts "Don Juan" den Flügel zum Beben brachte. Mit der Liszt-Transkription von Beethovens 7. Sinfonie steigerte er das noch und gestand später, dass ihm der Wechsel von den großen Flügeln seiner letzten Konzerte zu diesem zwar ganz guten, aber doch recht begrenzten Instrument in Genthin nicht ganz leicht gefallen ist. Denn diesmal hat er seine Konzertsaison nicht hier begonnen, sondern hatte bereits mehrere Auftritte in England, den USA und Griechenland.

Auf ausdrücklichen Wunsch hin hatte er in den USA sogar die Liszt-Transkriptionen der 7. und 9. Beethoven-Sinfonien hintereinander - immerhin an zwei Abenden - gespielt. Das ist nicht nur eine großartige pianistische Leistung, sondern auch wirklich ein "Kraftakt".

Dem stand das Konzert in Genthin allerdings kaum nach, denn nach dem angekündigten, allein schon sehr umfangreichen und anspruchsvollen Programm überraschte Lambis Vassiliadis noch mit einer ganz besonderen Zugabe: Er bedankte sich bei seinen Genthiner Freunden mit der wunderbaren Liszt-Transkription von Bellinis "Norma". Die Tränen in den Augen vieler Zuhörer ließen sich nicht mehr zurückhalten, und Marina Conradi fand kaum noch Worte, als sie sich im Namen aller bedankte und Präsente überreichte: Ein Bild von einem Konzert zur Erinnerung an die 20 Jahre und ein großes Bild, gemalt von Hartmut Glöckner, das eines der Meteora-Klöster in Griechenland darstellt. Sie verglich das hoch in den Felsen "schwebende" Kloster mit dem Erklimmen des "Olymp", das Lambis Vassiliadis mit seiner Kunst den Zuhörern ermöglichte.

Und zum Schluss gab es noch eine Überraschung: Die ehemalige Genthiner Kartoffelkönigin Ivonne Renner kam - stellvertretend für die amtierende Caroline - mit einer großen Jubiläumstorte herein. Die "musste" Lambis anschließend höchstpersönlich anschneiden und tat das auch gern, ebenso wie er erneut mit zahlreichen Gästen ins Gespräch kam.

Er wird wiederkommen, das hat er fest versprochen. Und er hat auch schon Ideen, was er das nächste Mal spielen wird.

   

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