Heute vor 70 Jahren war der 2. Weltkrieg zu Ende. An der Elbe hier in der Region trafen die Fronten von zwei Seiten aufeinander: Von Osten rückte die Sowjetarmee näher, von Westen die Amerikaner und Engländer. Ruth Bodensieck hat in den letzten Kriegstagen Tagebuch geführt, das die Ängste, die die Menschen damals durchmachten, ahnen lässt.

Klietznick (sta) l Ruth Bodensieck stammte aus Berlin und wurde - wie so viele andere - evakuiert, als die Bombenangriffe auf die Hauptstadt immer heftiger wurden. Sie kam nach Klietznick. Ihre Aufzeichnungen hat Rudi Ehrecke aufbewahrt, und von ihm hat sie Heinz Mangelsdorf aus Jerichow bekommen, der sich sehr für die Geschichte der Region interessiert und entsprechendes Material sammelt und zusammenstellt.

Den Aufzeichnungen von Ruth Bodensieck muss nichts hinzugefügt werden. Hier ihr Tagebuch der letzten vier Kriegswochen:

Mittwoch, 11. April 1945: Englische und amerikanische Panzerspitzen sind bis Stendal und Tangermünde vorgestoßen. Braunschweig tags zuvor von ihnen genommen. Im Dorf aufgeregte Stimmung, doch allgemein wird das Kriegsende ersehnt. Man hofft auf das Übersetzen der amerikanischen und englischen Truppen über die Elbe.

Donnerstag, 12. April 1945: Die Front rückt für uns näher. In unserer Gegend viel Soldaten. Von weitem hört man die feindliche Artillerie. Nachmittags erscheinen Panzer gegenüber Ferchland und schießen etwas ins Dorf. Um Tangermünde Gefechte. Große Tangermünder Brücke ist gesprengt. Artilleriegeräusche werden stärker. Abends gegen 22 bis 22.30 Uhr setzt Artilleriebeschuss in Tangermünde ein. Gutes Beobachten vom Klietznicker Weinberg. In den frühen Morgenstunden hat sich Tangermünde ergeben.

Freitag, 13. April 1945: Verpflegungsschiffe müssen vor Ferchland von der Bevölkerung gelöscht werden. Große Sensation! Dabei auf jenseitigem Elbufer heftiges Maschinengewehrfeuer. Sehr warm. Gewitterluft! Um 18.30 Uhr wurde für Klietznick Panzeralarm gegeben, der bald wieder abgeblasen wurde. Die Soldaten verlassen unser Dorf. Roosevelt gestorben.

Sonnabend, 14. April 1945:

Schießerei jenseits der Elbe hat aufgehört. Um 14 Uhr müssen wir alle zum Schanzen, Laufgräben schippen. Abends beschießt der Amerikaner Ferchland.

Sonntag, 15. April 1945: Unser Dorf hat erneut viel Soldateneinquartierung. Man selbst bereitet Lager im Keller. Haben keinen elektrischen Strom mehr. Herr Kirchner im Spähtrupp nach Schelldorf, Erkundung der Lage. Ein feindlicher Panzer nach kurzem Erkunden Schelldorf wieder verlassen. Unsere Truppen befinden sich sichtbar in Auflösung.

Montag, 16. April 1945: Dauerndes Artilleriefeuer in der Nähe (von 6 bis 10 Uhr). Ab 14 Uhr setzte feindlicher Artilleriebeschuss auf Klietznick ein. Der Feind weiß von den Truppenansammlungen hier. Unsere eigenen Geschütze sind in der Nähe auch aufgefahren und ballern manchmal gegen den Feind.

Dienstag, 17. April 1945: Wir Klietznicker verbrachten wohl ausnahmslos diese erste sehr eisenhaltige Nacht im Keller. 9 Uhr morgens: Heftiger feindlicher Beschuss liegt über der Gegend hier. Nachmittags Granateinschläge im Dorf. Beschuss auch nachts, und auch richtiges Gewitter!

Mittwoch, 18. April 1945: Heute Mittag 12 Uhr setzte heftiges feindliches Granatwerferfeuer ein. Wieder im Dorf einige Treffer. Etliche Verwundete hat es gegeben, ein Toter (Stanislaus, bei Dertz).

Donnerstag, 19. April 1945: Mittags lagen wir wieder unter feindlichem Feuer!

Freitag, 20. April 1945: Wieder zwei Einschläge im Dorf. Gestern Abend Rede Goebbels im Radio: Unser Sieg soll nunmehr in wenigen Stunden erfochten sein! Ab 14 Uhr wieder unter feindlichem Artilleriebeschuss.

Sonnabend, 21. April 1945: Nachmittags Beschuss aufs Dorf. Der Russe kämpft um Berlin.

Sonntag, 22. April 1945: Die vergangene Nacht wieder heftige Artillerietätigkeit auf Klietznick. Haben immer noch viel Militär hier. Die Russen sind in Bernau, Niederschönhausen, Frohnau. Sie rücken immer näher! Die Nacht wieder Einschläge im Dorf.

Montag, 23. April 1945: In der Nacht sind unsere Soldaten hier alle abgerückt, Richtung Berlin, wo nun Straßenkämpfe mit den Russen stattfinden. Mittags wieder etwas lebhaftere Artillerietätigkeit. Abends dito.

Dienstag, 24. April 1945: Am Nachmittag wieder unter Beschuss gelegen. Das Dorf fängt an sich zu füllen mit Flüchtlingen aus der Umgebung Berlins, die alle über die Elbe wollen. Da die Brücken gesprengt sind, bedeutet das Übersetzen ein Problem für sich.

Mittwoch, 25. April 1945: Russen Kurs Brandenburg. Flüchtlingstrubel im Dorf. Zehn verwundete Amerikaner aus Wünsdorf-Lager warten auf Transport über die Elbe. Parlamentäre mit weißer Fahne von uns zu den Amerikanern zwecks Verhandlung wegen Übernahme verwundeter und kranker Soldaten sowie Zivilisten. Kurz nach ihrer Rückkehr setzte Beschuss auf unser Dorf ein. Etliche Treffer.

Donnerstag, 26. April 1945: Jerichow und Ferchland hissten die weiße Fahne, so auch wir heute auf dem Weinberg. Bedingung dabei von den Amerikanern ist, keinerlei Militär zu beherbergen. Jetzt wird es offensichtlich, dass die Elbe Demarkationslinie sein wird. Nun fällt kein feindlicher Schuss mehr!

Freitag, 27. April 1945: Die Russen rücken näher und bilden bei uns das Tagesgespräch. Sind sonst von der Außenwelt abgeschnitten.

Sonnabend, 28. April 1945: Die SS streift die Gegend hier nach Deserteuren ab. Zwei Männer hat sie hier in Klietznick heute wegen Desertierens erschossen.

Sonntag, 29. April 1945: Das Dorf ist voller Flüchtlinge, die verzweifelt einen Weg über die Elbe suchen.

Montag, 30. April 1945: Russen bei Brandenburg nördlich hochgestoßen, Richtung Rathenow.

Dienstag, 1. Mai 1945: Berlin seit einigen Tagen in den Händen der Russen.

Mittwoch, 2. Mai 1945: Hitler soll in Berlin gefallen sein, ebenfalls Goebbels. Göring wegen Herzleiden abgetreten von der Kriegsbühne. Gerüchte?

Donnerstag, 3. Mai 1945: Russen in Rathenow einmarschiert. Nun ziehen endlose Heerzüge von unseren Soldaten in trauriger Auflösung der Elbe zu.

Freitag, 4. Mai 1945: Soldaten rollen weiter hier durch. Dabei nehmen sie noch mit, was ihnen für ihre Flucht über die Elbe zu den Amerikanern als Fortbewegungsmittel nützlich dünkt. Flöße werden gebaut, wozu Wände und Tore von Scheunen Verwendung finden. Ohne Rücksicht, rette sich, wer kann!

Sonnabend, 5. Mai 1945: Klietznick wimmelt von deutschen Soldaten, vorübergehend. Pferde, Wagen, alles wird zurückgelassen. Russen Richtung Genthin!

Sonntag, 6. Mai 1945: Richtung Genthin Beschuss hörbar. Sämtliches Verpflegungsmaterial wird zurückgelassen, und die Bevölkerung kann sich damit eindecken. Soldaten flüchten die ganze Nacht hindurch vor den Russen.

Montag, 7. Mai 1945: Das Dorf gleicht einem Abfallhaufen, überall liegt Munition, Gewehre, Lederzeug, gesamte Soldatenausrüstung. Um 16 Uhr hört man, dass der Russe bei Mangelsdorf mit seinen Panzern durchgebrochen ist. Kurz nach 16 Uhr rasten noch immer deutsche Truppen durch Klietznick zur Elbe hin. Zwanzig Minuten nach 17 Uhr rollten in Klietznick ohne Kampf fünf russische Panzer ein, ihre Infanterie folgte mit Hurrarufen!

Am heutigen Freitag, 17 Uhr, findet anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes eine Gedenkveranstaltung in der Klietznicker Kirche statt.