In Sachsen-Anhalt entscheiden in Zukunft wieder die Eltern, welche Schulform ihre Kinder nach der vierten Klasse besuchen. Die CDU/SPD-Koalition plant Noch-Kultusministerin Birgitta Wolff (CDU) zufolge, die 2006 eingeführte verbindliche Schullaufbahnempfehlung durch ein Beratunsgespräch zwischen Lehrern und Eltern zu ersetzen. Wir haben uns umgehört: Wie kommt das in Genthin und Umgebung an?

Genthin. In Genthiner Schulen stößt das Vorhaben der neuen Landesregierung auf wenig Begeisterung. "Die verbindliche Laufbahnempfehlung war mir lieber", sagt Egbert Siegert. "Ich denke, Lehrer können am besten einschätzen, wer für das Gymnasium geeignet ist", so der Schulleiter der Brettiner Sekundarschule weiter.

Fehleinschätzungen wurden seiner Meinung nach durch die Möglichkeiten der Eignungsfeststellung durch eine Prüfung und der Verbesserungsmöglichkeit zum Endjahr der 4. Klasse aufgefangen.

Wichtig ist für ihn, dass Informationsveranstaltungen, zu denen Schulleiter von Gymnasien sowie Sekundarschulen eingeladen wurden, nun nicht abgeschafft werden. Hier bekämen die Eltern gezielt Informationen zu beiden Schulformen. "Wenn wir wieder auf Beratung statt auf Vorschrift setzen, muss wenigstens die Beratung richtig gut sein."

Verwundert zeigt er sich, dass die Bildungsgangempfehlung nach Klasse 6 keine Beachtung findet: "Die Realschullehrer entscheiden nach der 6. Klasse, ob die Schüler einen Haupt- oder Realschulabschluss machen. Darüber wird nicht diskutiert. Für mich ist das ein Widerspruch."

Ähnlich schätzt Gotthard Wienmeister die Lage ein. Der Schulleiter des Bismarck-Gymnasiums geht noch einen Schritt weiter und spricht sich für strengere Zugangsvoraussetzungen zum Gymnasium aus. "Die verbindliche Laufbahnempfehlung war ein guter Ansatz, hat ihren Effekt aber verfehlt. Unsere Schülerzahlen sind gestiegen, anstatt zu sinken." Von der neuen Lösung verspricht er sich aber auch keine "sinnvollere Kanalisation der Schülerzahlen".

"Das Gymnasium ist nicht für jedes Kind das Beste"

Wienmeister: "Ich befürchte, das führt zu einer Wir-versuchen-es-erstmal-Mentalität, was noch mehr Schüler und somit Abbrüche zur Folge hat."

An der Einstellung der Wirtschaft und der Eltern müsse sich grundlegend etwas ändern: "Jeder will für sein Kind das Beste, das ist aber nicht für jedes Kind das Gymnasium." Ein guter Realschulabschluss muss den Weg zu guten Lehrstellen frei machen, so Wienmeister. Auch er hofft, dass die Informationsgespräche in den Grundschulen beibehalten werden. "Der Ruf der Sekundarschulen muss gestärkt werden. Wenn auf den Gymnasien nur noch Schüler sind, die eine Hochschullaufbahn anstreben, sind wir auf dem richtigen Weg."

Die Schulleiterin der Grundschule Ludwig Uhland ist froh über die Abschaffung der verbindlichen Laufbahnempfehlung. "Sicher können Lehrer einschätzen, ob ein Kind gymnasialfähig ist. Nach der 4. Klasse kommt diese Entscheidung aber viel zu früh", so Angelika Wiegmann. Gut an der neuen Variante findet sie das Wegfallen der Eignungstests. "Ich war bei diesen Prüfungen als Aufsicht dabei. Der Druck, der auf den Kindern liegt, ist unerträglich."

Die neue Lösung ist ihrer Meinung nach aber auch alles andere als optimal. "In der ersten und zweiten Klasse gibt es kaum Noten, weil man die Kinder langsam eingewöhnen will, und ein Jahr später soll eine Entscheidung solcher Tragweite getroffen werden." Für Angelika Wiegmann ist das ein Widerspruch. Sie spricht sich für längeres gemeinsames Lernen aus. Wie ihre Kollegen plädiert auch sie für eine Bewusstseinsveränderung. "Für viele Eltern ist der Weg zur Sekundarschule mit einem verbauten Weg gleichzusetzen. Das muss sich ändern."

Betroffene Eltern stehen der geplanten Gesetzesänderung wohlwollender gegenüber: Marlis Röthig aus Roßdorf: "Mein Sohn hat nach der 4. Klasse keine Empfehlung bekommen, dabei entsprachen seine Noten den Anforderungen bis auf eine drei in Englisch. Ich hätte ihn zum Gymnasium geschickt", so Marlis Röthig.

"Tochter fühlt sich auf der Sekundarschule pudelwohl"

Da ist ihr Sohn mittlerweile auch. Er bekam nach Klasse 6 eine Empfehlung. "Seine Noten sind gut." Der Wechsel wäre ihm wohl noch leichter gefallen, wenn er nach der vierten Klasse zum Gymnasium gedurft hätte, vermutet die Mutter. "In unserem konkreten Fall wäre es wohl besser gewesen, wenn wir Eltern das letzte Wort gehabt hätten."

Andrea Scheck findet eine Pauschalisierung schwierig. "Meine Tochter hat keine Empfehlung bekommen, auf der Sekundarschule fühlt sie sich pudelwohl." Lehrer können Leistungsstand und Auffassungsgabe oft besser einschätzen als Eltern, findet Andrea Scheck. Die Eltern hätten dafür Einblicke in andere Bereiche. "Wenn die neue Regelung heißt, dass sich Eltern, Lehrer und Kinder an einen Tisch setzen, um zusammen zu entscheiden, ist das für mich eine gute Lösung."