Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. An diesem Gedenktag wird an die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und damit an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Für die 79-jährige Lidia Molleker bedeutete der Krieg Elend und Vertreibung.

Genthin. Seit elf Jahren lebt Lidia Molleker in Genthin. Mit ihrer Schwester Katharina und deren Familie war sie aus dem Altai, einem mittelasiatischen Hochgebirge, nach Deutschland umgesiedelt. Ursprünglich waren sie im Westen Deutschlands beheimatet gewesen. Den Zweiten Weltkrieg haben die Schwestern mit ihren Eltern Reimund und Katarina in Weingarten erlebt. "Als wir in die Stadt gekommen sind, haben die schweren Luftangriffe begonnen. Wir lebten in ständiger Angst."

Als an einem Nachmittag die Sirene ertönte, liefen die Mädchen in den Stadtgarten. In einem Graben versteckten sich die Kinder. Aus ihrem Versteck beobachteten sie, wie ein Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes angegriffen wurde. Die verwundeten Soldaten liefen in ihren weißen Unterhosen und Hemden aus den Gebäude und unter die fallenden Bomben. Lidia Molleker und ihre Schwester Katarina sahen menschliche Überreste und einen riesigen Trichter, wo das Krankenhaus gestanden hatte.

Verwundete Soldaten flüchten vor Bomben

Nach Kriegsende wurde die Familie nach Sibirien gebracht - nach Bursol, einer Siedlung im russischen Altai. Unter schwierigsten Bedingungen kämpften die Mollekers ums Überleben.

Lidias Halbschwester Marta - aus der ersten Ehe ihrer Mutter Katarina - hatte während des Krieges in einem Gefangenenlager als Dolmetscherin gearbeitet. Dafür wurde sie verurteilt und in die ferne sibirische Stadt Magadan geschickt. Noch mehr Verwandte der Mollekers verschwanden. Anderen gelang es, ihre Lebensfreude wieder zu entdecken.

Eines Tages erhielt die Familie einen Brief aus Deutschland. Tante Plandine, die in Weingarten nahe den Mollekers gelebt hatte, schrieb aus Bayern. Spuren von Lidias Halbbruder Alexander fanden sich ebenfalls. Er war mit seiner russischen Frau und den Kindern nach Australien gegangen.

2007 erhielten Lidia und Katharina in Genthin Besuch aus Kanada. Die Kinder von Tante Plandine - Valja und Anatolij - hatten die Schwestern zuletzt vor fast 60 Jahren im Lager Wallgorst getroffen. Genthin gefiel den Kanadiern sehr gut.

Lidia Molleker hat nach ihrer langen Odyssee allein gelebt. Ihre Schwester Katarina, mit der sie so viel erlebt hat, ist vor kurzem verstorben. Ihre Nichte Ludmila und deren Kinder besuchen sie manchmal. In ihrer Wohnung hat die inzwischen 79-Jährige vieles mit ihren eigenen Händen gestaltet. Sie repariert alles alleine, besitzt dafür auch das passende Werkzeug. Besonders die Stickerei und die Arbeit mit der Nähmaschine haben es der Frau angetan.

Muster so kompliziert wie das Leben

Ihre Ornamente finden sich auf Kissenüberzügen, Servietten, Fenstervorhängen, Gardinen und Zierdeckchen. Ihre Muster sind so kompliziert wie das menschliche Leben mit seinen Verlusten und Enttäuschungen, aber auch Hoffnungen und Träumen.