Unkraut zupfen, Geschichten vorlesen, einkaufen gehen, Hausaufgaben erledigen - jeden Tag müssen Menschen im Jerichower Land viele kleine Aufgaben bewältigen. Nicht alle schaffen dies ohne Probleme. Unterstützung gibt es kaum. Hier springt die Freiwilligenagentur ein. Sie vermittelt Ehrenamtliche wie Harry Westermann. Der 58-jährige trockene Alkoholiker arbeitet dreimal pro Woche in einem Burger Seniorenheim und steht dem Hausmeister beiseite. Das lenkt ihn ab und hilft der Einrichtung.

Burg. "Ich muss einfach raus, ich kann nicht nur zuhause rumsitzen", sagt Harry Westermann und atmet tief durch. Im Hof des Seniorenzentrums Pro Civitate in Burg gönnt er sich eine kurze Pause, zieht an einer Zigarette. Die Gartenarbeit ist anstrengend, vor allem an solch warmen Tagen wie sie den Burgern in der vergangenen Woche beschert wurden.

Harry Westermann arbeitet freiwillig im Heim, ohne Bezahlung. Er unterstützt den Hausmeister, zupft Unkraut, bringt Beete in Ordnung, rückt auch mal Möbel. Dreimal pro Woche ist er hier. Jedes Mal für vier Stunden. "Mir gefällt es. Ich bin froh und sehr dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt", sagt er.

"Ich muss ausgelastet sein, damit ich nicht in ein Loch falle."

Für den 58-Jährigen ist die Arbeit enorm wichtig. Harry Westermann ist trockener Alkoholiker und vom Leben gezeichnet. Einst arbeitete er in Magdeburg als Schweißer, verlor jedoch die Arbeit aus gesundheitlichen Gründen. Da war er 40. Und ab da ging es erstmal bergab. Er griff zur Flasche, Wodka war das Lieblingsgetränk. Er steigerte seinen Konsum, zum Schluss trank er drei Flaschen am Tag. Die Familie brach auseinander. In einem Kraftakt schaffte er den Entzug.

Mit seiner Krankheit geht Harry Westermann offen um. Sie gehört zu seinem Leben. Und genau jenes versucht er nun, in der Kreisstadt neu zu ordnen. "Das Ehrenamt kommt mir da sehr gelegen. Ich muss ausgelastet sein, damit ich nicht in ein Loch falle und wieder auf dumme Gedanken komme", sagt er.

Ausgelastet sein und sich nicht langweilen müssen, das wollen auch vier andere Frauen und Männer. Gemeinsam mit Harry Westermann wurden sie über die Freiwilligenagentur Jerichower Land als ehrenamtliche Helfer an verschiedene Einrichtungen und private Haushalte vermittelt. Gegründet wurde die Agentur im März 2009. Geleitet wird sie von Christel Menz, einer resoluten Frau mit ehrlichem Mundwerk, großem Herz und viel Kraft.

In einem kleinen Büro in der Nicolaistraße 4 in Burg hat sie mit Mitarbeiterin Petra Thiele Unterschlupf gefunden. Auch in Genthin soll eine Anlaufstelle entstehen. "Es ist alles noch am Wachsen", erzählen sie.

Mehrfach wechselte die Leitung. Jetzt will sich Christel Menz etablieren. Die Burgerin nutzt ihre Altersteilzeit. Bei der Stadt war sie im Ordnungsamt tätig. Gesetze und Verwaltung - "das liegt mir", sagt sie. "Und genau das kommt mir in dieser Arbeit zugute." Anträge müssen gestellt, Unterlagen gesichtet werden.

Christel Menz würde gern wie Harry Westermann selbst mit anpacken. Der Zuwandererstammtisch liegt ihr besonders am Herzen. Doch dafür bleibt der Burgerin momentan keine Zeit. Sie muss Projekte schreiben und durchführen. Und sie muss weiter Freiwillige akquirieren. "Es gibt so viele Hilferufe, doch wir können sie alle nicht bedienen", berichtet sie.

Eine alleinstehende Mutti, wieder hochschwanger, benötigt Hilfe im Haushalt. Andere Kinder freuen sich über eine Leih- omi, die sie von der Kita abholt und ihnen nachmittags Geschichten vorliest. Schulkinder benötigen Hilfe bei den Hausaufgaben. Manch Matheaufgabe ist ohne Beistand einfach zu schwer. Senioren im Rollstuhl planen einen gemeinsamen Ausflug, da werden Betreuer gebraucht. Wiederum andere schaffen den Weg zur Kaufhalle nicht mehr, da wäre Hilfe mit einem Auto angebracht. "Und manchmal begleiten wir Menschen auch auf dem Weg ins Amt, helfen beim Ausfüllen von Formularen", berichtet Christel Menz. Ob nicht noch jemand Lust hat mitzuhelfen? Ganz so, wie es Harry Westermann trotz bewegter Vergangenheit tut?

"Es gibt so viele Hilferufe, wir können sie alle nicht bedienen."

Interessenten können im Büro anrufen, Telefon (0 39 21) 9 76 77 30. Oder sie schauen einfach vorbei. Dann könnte es ihnen wie Harry Westermann gehen. Kaum hatte er sich im März vorgestellt, nahm ihn Christel Menz an die Hand. Gemeinsam gingen sie zum Seniorenheim, schauten sich um, informierten sich, welche Arbeit er übernehmen könnte.

Die Arbeit mit den Senioren liegt ihm nicht so ganz. Das schafft er noch nicht. "Doch mit der Gartenarbeit haben wir eine Möglichkeit gefunden, die ihm gefällt", meint Heimleiterin Ute Dominé. "Das ist für uns völlig in Ordnung. Wir sind über jede Hilfe dankbar. Die Ehrenamtler können sich aussuchen, welche Arbeit am besten zu ihnen passt." So ist beiden Seiten geholfen. Harry Westermann hat über die Agentur eine sinnvolle Aufgabe gefunden, und das Seniorenheim wird durch seine Mithilfe jeden Tag noch ein Stückchen schöner.

Übrigens: Freiwillige, die über die Agentur vermittelt werden, sind versichert, sagt Christel Menz.

 

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