Neun Kindereinrichtungen hat die Stadt Genthin seit 1990 schließen müssen. Mit der Kita "Birkenwäldchen" folgt in absehbarer Zeit die nächste. Die Eltern wehren sich vehement dagegen. Am Montagnachmittag trafen sich Stadtverwaltung, Eltern und Vertreter des Trägers zum Gespräch.

Genthin. Die Kita "Birkenwäldchen" in Trägerschaft der Johanniter-Unfallhilfe (JUH) ist saniert und voll belegt. Ihre Lage ist ruhig und unmittelbar neben Sport- und Schwimmhalle. Die Eltern zeigen Eigen- initiative und identifizieren sich mit der Einrichtung und den Erzieherinnen ihrer Kinder. Bei so vielen Pluspunkten ist es den Müttern und Vätern völlig unverständlich, dass die Einrichtung geschlossen werden soll. "Die Kita ¿Birkenwäldchen\' ist nicht bloß eine Kinderaufbewahrungsstätte!" Den Zwischenruf quittierten viele Eltern mit Beifall.

Über die Schließung sollten die Eltern eigentlich noch nicht informiert sein. "Es tut mir leid, sie sollten die Nachricht nicht aus der Presse oder über dunkle Kanäle erfahren", sagte Bürgermeister Wolfgang Bernicke am späten Montagnachmittag zur öffentlichen Versammlung mit Eltern, Vertretern der Johanniter-Unfallhilfe und des "Birkenwäldchen" und "Max und Moritz".

An der Informationspolitik scheiden sich die Geister. Für die Eltern ist es ein Unding, dass Stadt und Träger es bedauern, dass die Information jetzt schon raus ist. Für sie gibt es kein früh genug - sei es, um Vorschläge zu erarbeiten, wie die Kita zu erhalten ist, oder um einen Platz für das eigene Kind in einer anderen Einrichtung zu suchen.

Der Träger hätte mehr Zeit benötigt, um den Eltern mit sicheren Antworten entgegentreten zu können, beispielsweise wie viele Kinder in den Einrichtungen anderer Träger untergebracht werden können. Zugleich fühlen sich aber die Eltern unter Druck gesetzt, ihre Kinder in die Kita "Max und Moritz", ebenfalls in JUH-Trägerschaft, zu geben. Das Haus in Altenplathow verfügt über die Kapazität, alle Birkenwäldchen-Kinder aufzunehmen. "Wenn ich mein Kind in Altenplathow haben wollte, hätte ich es dort angemeldet!", meldete sich eine erboste Mutter zu Wort. Eine andere sagte: "Sie nehmen uns das Recht, unseren Kindergartenplatz aussuchen zu können."

Würden die Gruppen geschlossen wechseln, müssten sich die Jungen und Mädchen lediglich an die neue Umgebung gewöhnen. Ihre Freunde und Erzieherinnen könnten sie behalten, sagte Heike Trautmann von der Johanniter-Unfallhilfe.

Mit der gleichen Vehemenz, mit der sie sich für das "Birkenwäldchen" stark machten, setzten sich viele gegen "Max und Moritz" zur Wehr. Werden für die kleine Kita längere Wege in Kauf genommen, sprechen gerade diese gegen "Max und Moritz". Am "Birkenwäldchen" gehe es ihnen um das "Kleine und Behütete", argumentierten die Eltern. Den Leitsatz "kurze Beine, kurze Wege" gebe es nicht mehr, hielt Heike Trautmann dagegen.

"Wenn ich mein Kind in Altenplathow haben wollte, hätte ich es dort angemeldet"

Einer Gegenüberstellung von Kosten, die in den verschiedenen Kitas anfallen, erteilte Wolfgang Bernicke eine Absage. "Jede Einrichtung hat ihre Spezifik. Das kann man nicht eins zu eins übertragen."

"Die Eltern geben gar nicht die Chance, das pädagogische Konzept von ¿Max und Moritz\' vorzustellen", sagte Kultus- amtsleiterin Carola Elsner. "Es wird eine hervorragende Betreuungsarbeit geleistet."

Kein Kind hüpfe über Tisch und Bänke, sagte Simone Klautke, Erzieherin bei "Max und Moritz". Ob die "Birkenwäldchen"-Kinder beispielsweise von Anfang an die Cafeteria (Geschirr nehmen, selber abräumen, zum Spielen gehen, wenn aufgegessen ist) nutzen oder gemeinsam in ihrer Gruppe wie im "Birkenwäldchen" essen, könne man absprechen, sagte Heike Trautmann.

Innerhalb von fünf Tagen hat die Elterninitiative um Kathleen Lemke und Nicole Ritter 1000 Unterschriften für den Erhalt des Birkenwäldchens gesammelt. "Sie haben 1000 Unterschriften, ich habe die ersten Anträge für die Nachnutzung des Gebäudes auf dem Tisch", sagte Wolfgang Bernicke. Aus Sicht der Stadt sprechen die Argumente für das Schließen der Kita: "Max und Moritz" könnte ausgelastet werden. Es wäre ein Beitrag zur Haushaltskonsolidierung. Und der Träger ist bereit zu kooperieren.

In den nächsten fünf Jahren kann die Stadt jeweils mit 100 Geburten rechnen. Für 85 Prozent der Kinder hält die Stadt Plätze vor. Die Auslastung liegt bei etwa 80 Prozent.

Wäre es angesichts dieser Prognose nicht sinnvoller, die kleine Einrichtung zu halten? Wenn die Kita wirklich geschlossen werden muss, wäre ein Auslaufen, also keine Anmeldungen mehr anzunehmen, nicht angebrachter? Das waren weitere Fragen, die die Eltern stellten. In zwei Wochen wollen sich Kuratorium, Stadt und Träger zu erneuten Gesprächen treffen. Denkbar ist, die Kita nicht schon zum Jahresende sondern erst in ein oder zwei Jahren zu schließen.