Mit einiger Spannung schauen die Osterwiecker Initiatoren nach vorn, ob die Fachwerkstadt im Rennen um eine Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes bleibt.

Osterwieck l "Ich erhoffe mir einen höheren Bekanntheitsgrad für die Fachwerkstadt", sagte Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko). Das Wissen um die wertvolle Bausubstanz solle darüber hinaus das Selbstbewusstsein der Bewohner stärken.

Die Stadt hat sich mit ihren reformatorischen Hausinschriften an Fachwerkhäusern beworben. Osterwieck ist einer von acht Bewerbern aus Sachsen-Anhalt, von denen das Kultusministerium zwei in die nächste Ausscheidungsrunde schicken wird.

Die Anstoß zur Bewerbung war übrigens aus der Lutherstadt Eisleben gekommen, berichtete Wagenführ. Mit der Lutherstadt pflegen die Osterwiecker als Fachwerkstadt der Reformation engere Kontakte. Dass der Inhalt der Bewerbung letztendlich auf die Hausinschriften zielt, ist das Ergebnis eines Prozesses, an dem vor allem der Ortschaftsrat beteiligt war. Klaus Thiele, der die Osterwiecker Hausinschriften erforscht hat, nahm die inhaltlichen Erläuterungen des Antrags vor.

Im Ortschaftsrat seien auch andere Vorschläge diskutiert worden, berichtete Ortsbürgermeister Ulrich Simons (CDU). Zum Beispiel die Handschuhindustrie, die die Stadt rund hundert Jahr geprägt und in ihrer Blütezeit Weltruf erlangt hatte.

Fachwerkinschriften gibt es sicher in vielen Städten. Die Osterwiecker Inschriften von 1533 (Hagen 24), 1534 (Eulenspiegelhaus, Schulzenstraße 8) und 1537 (Kapellenstraße 1) gelten aber als die weltweit ältesten erhaltenen Bekenntnisse dieser Art zur Reformation. "Wer erfahren will, was die Menschen im Reformationsjahrhundert existentiell bewegt und umgetrieben hat, sollte deshalb nicht nur die klassischen Luthergedenkstätten, sondern auch die Fachwerkstädte unserer Region besuchen. Hier kann man dem Volk der Reformationszeit zwar nicht mehr auf\'s Maul, aber nach wie vor auf seine Mauern schauen", erklärte Klaus Thiele. Er sieht "in den Inschriften der protestantischen Fachwerkstädte das erste soziale Netzwerk der Neuzeit, ein zwar verständliches und ablesbares, aber in Ermangelung des Wissens leider nicht allen zugängliches frühneuzeitliches Facebook".

Die acht Vorschläge aus Sachsen-Anhalt werden nun von einer vom Kultusministerium berufenen Expertenjury fachlich begutachtet. Bis Mitte April soll die Auswahl getroffen sein, welche beiden Vorschläge über die Kultusministerkonferenz an das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen Unesco-Kommission gehen. Das Komitee spricht Auswahlempfehlungen für die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis aus. Nominierungen für internationale Listen des immateriellen Kulturerbes können erst nach Abschluss des deutschen Auswahlverfahrens frühestens im März 2015 bei der Unesco eingereicht werden. Eine Entscheidung fällt dort im Jahr 2016. Bundesweit gibt es 128 Bewerbungen.

Deutschland ist am 10. Juli 2013 dem Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten, das sich für die Vielfalt des weltweit vorhandenen Wissens und Könnens einsetzt. Zum immateriellen Kulturerbe zählen unter anderem Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturheilkunde und Handwerkstechniken.