Kein prunkvoller Saal sah diesmal den Osterwiecker Neujahrsempfang, sondern ein binnen Stunden umgeräumter Werkstattraum für Mähdrescher und Traktoren. Über 200 Gäste folgten Freitagabend der Einladung in die Berßeler Niederlassung der Firma Claas.

Berßel l Zwei Stunden Reden, das kann man schon als Herausforderung fürs Publikum bezeichnen. Doch einnicken war nicht beim Neujahrsempfang. Dafür sorgten die zackigen Tänze des Hessener Karnevals-Prinzengarde und zweier Gruppen aus dem Osterwiecker Fitnessstudio - sowie Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) mit ihrer Trillerpfeife während einer launigen Neujahrsrede. Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) muss wohl etwas geahnt haben, als er die Stadtchefin mit ebenso launigen Vorschusslorbeeren bedachte: "Ich fahre besonders gern dahin, wo Frau Wagenführ regiert."

Die Bürgermeisterin setzte sich für ihre Rede eine Eisenbahnermütze auf und führte die Gäste durch die Orte in "unserem kleinen Königreich". Mit der Trillerpfeife gab sie jeweils das Signal zur Weiterfahrt. "Q 20 13, so heißt der Zug, in den wir gemeinsam steigen, Q steht für Queen", erklärte sie mit Selbstironie.

Es wurde eine allumfassende symbolische Rundfahrt. Unterwegs wurden Ehrungen verschiedener Ehrenamtlicher vorgenommen, die im vergangenen Jahr, aber auch schon davor Herausragendes geleistet haben. So wie das Berßeler Festkomitee der 1000-Jahrfeier, das wohlgemerkt ohne Unterstützung der Stadt eine Festwoche vorbereitet hatte.

In Zilly erinnerte Wagenführ an den goldenen Stern des Sports, den der Sportverein errungen hatte. In Deersheim war es der Dorfladen, den eine in Gründung befindliche Genossenschaft auf den Weg gebracht hat. "Die Bürgerschaft wirkt wie elektrisiert." Auch Minister Aeikens zollte übrigens diesem Vorhaben Respekt und erinnerte an den Tag der Regionen 2013, dessen zentrale Abschlussveranstaltung gerade wegen des Dorfladen-Projekts in Deersheim stattfinden durfte.

In Rohrsheim, so Wagenführ, habe der Vierseitenhof "Casa Culina" mit dem dort hergestellten Fallsteiner Whisky sowie dem ersten Vier-Sterne-Gästehaus in Sachsen-Anhalt ein "Alleinstellungsmerkmal erster Klasse". In Hessen wurde der Schloss-Förderverein gewürdigt, aber auch die Feuerwehr, die von zig Brandanschlägen im Dorf gebeutelt war.

Am Veltheimer Beispiel dankte die Stadtchefin den Kindererzieherinnen aller Einrichtungen, die 2013 an einem Qualifizierungsprogramm teilgenommen haben. Der nun erfolgte Schutz vor Schlammlawinen wurde für Osterode hervorgehoben und in Rhoden an das Jubiläum des Fallsteinorchesters erinnert.

An Hoppenstedt hat Wagenführ ganz persönliche gute Erinnerungen. Beim Oktoberfest stach sie erstmals ein Bierfass an, und das gelang ihr sogar mit dem ersten Schlag. Göddeckenrodes Dorfgemeinschaftshaus wurde endlich fertiggestellt, und Jugendliche schlossen sich spontan zur Band "Göddis" zusammen.

Mit Lüttgenrode stellte die Bürgermeisterin die "fruchtbarste Gegend" der Stadt vor. 2013 gab es hier die meisten neuen Erdenbürger, gemessen an der Einwohnerzahl.

Zur Fachwerkstadt Osterwieck listete Wagenführ mit einer Schnellsprecheinlage die vielen privaten Sanierungsvorhaben in der Altstadt auf. "Osterwieck hat seinen Platz an der Deutschen Fachwerkstraße zu Recht."

In Schauen würdigte sie den Schützen- und den Sportverein, die ohne finanzielle Hilfe der Stadt einen neuen Schießstand und einen neuen Sportplatz errichtet haben.

Während Wagenführs fast einstündiger Rede, die zugleich Schlusspunkt des offiziellen Veranstaltungsteils war, wurden mehrere Auszeichnungen für verdienstvolle Ehrenamtliche vorgenommen - an Stelle einer separaten Ehrenamtsgala.

Perfekte Unterstützung für Gewerbeansiedlung

Davor stand aber die Landwirtschaft im Mittelpunkt des Abends. Stadtratsvorsitzender Dirk Heinemann (SPD) dankte der Firma Claas in Berßel, dass sie ihre Räume für den Neujahrsempfang zur Verfügung gestellt hat. Im zweiten Jahr ist die Niederlassung jetzt in Berßel. Die Räume stellte die hier seit 20 Jahren bestehenden Landwirtschaftsfirma Landboden Osterwieck zur Verfügung. "Hier war es einfach perfekt", würdigte Dietrich Willeke, Geschäftsführer von Claas Braunschweig, auch die Unterstützung der Osterwiecker Stadtverwaltung bei dieser Firmenansiedlung.

Niederlassungsleiter Marco Braune berichtete von etwa 100 Betrieben und Landwirten, die im Umkreis von bis zu 60 Kilometer mit Maschinen und Ersatzteilen betreut werden. Zehn Mitarbeiter sind in Berßel tätig.

Landboden-Geschäftsführer Jochen Klaus forderte in seiner Rede die Abgeordneten der Kommunen auf, den Ackerboden als Gut zu schützen und nicht bedenkenlos für Gewerbe- oder Wohngebiete zu opfern. Bundesweit gehe täglich 90 Hektar Ackerland verloren. "Wir wirtschaften hier und bleiben auch für immer hier. Der Acker ist für uns existenziell." Dafür hätten die Landwirte langfristige Pachtverträge geschlossen und die benötigte Technik angeschafft.

Hermann Onko Aeikens ging neben seinen Fachgebieten Landwirtschaft und Hochwasserschutz auch allgemein auf die Landespolitik ein. Die beste Kinderbetreuung gebe es in Sachsen-Anhalt, sagte er. "Hier kann man Kinder bekommen. Das sollte sich mehr rumsprechen."

Landrat Martin Skiebe (parteilos) attestierte den Osterwieckern, dass hier ein "Geist der Zusammenarbeit" herrsche. So kurz nach der Gebietsreform sei das nicht selbstverständlich. Aber es sei "der Garant für den Erfolg, den sie bisher hatten."

   

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