Halberstadt l Sein Tag beginnt um 7.30 Uhr. Meistens. Manchmal auch früher. Aber ihn stört das nicht. Willi Kronhardt ist Trainer und ein leidenschaftlicher dazu. Was man nicht sieht, wenn er auf der Bank am Spielfeldrand sitzt und seine Elf laufen lässt. "Es gibt nur wenige Momente, in denen man in einem Spiel die Mannschaft noch zurechtrücken kann", sagt er und weiß, dass seine Beobachterrolle auch missverstanden werden kann. "Aber ein Trainer muss seine Arbeit vorher tun, die Spieler motivieren. Wenn das Spiel läuft, muss man Vertrauen haben. Man erntet dann, was man gesät hat."

So sieht er das, deshalb wird er wohl nie brüllend am Spielfeldrand stehen. So wie er manche andere Dinge nie tun würde. Er hat klare Vorstellungen - von dem, was er kann und von dem, was er will. Klare Kante, das wirkt schnell arrogant. Kronhardt zuckt mit den Schultern. Dass er so wahrgenommen wird, weiß er.

Aber ohne klare Vorstellungen davon, was man im Leben will, kommt man nicht voran. Seiner Maxime ist er treu geblieben. Schon als Jugendlicher wusste er, er will Fußballprofi werden. Mit 18 hatte er seinen Vertrag in der Tasche. Aber Kronhardt wusste auch, im Fußball kann es ganz schnell vorbei sein mit Geldverdienen. Also macht er seinen Schulabschluss, absolviert eine Lehre zum Kinderpfleger, später noch eine zum Zahntechniker. "Wenn die Beine nicht mehr mitmachen, kann ich mit meinen Händen arbeiten", sagt er und grinst. Schwieriger wäre wohl die Umstellung, würde er wieder als Kinderpfleger arbeiten. Obwohl er die kleinen "Wänster" liebt, die Zeichnungen seiner Tochter zieren das ansonsten eher nüchtern bis karg wirkende Büro des Regionalliga-Trainers.

"Im Fußball ist der Ton manchmal rau."

Privates hält er ansonsten raus aus seinem Job, aber er schätzt den Rückhalt, den er in seiner Patchworkfamilie findet. Und als Scheidungskind weiß er, wie wichtig Väter sind. Ein bisschen erzählt er dann doch. Von seiner Mutter, die nach der Scheidung von ihrem russischen Mann mit dem achtjährigen Willi nach Deutschland zurückkehrt. Davon, dass sie ihm Respekt und Demut beigebracht hat. Und von seinem Wunsch, ihr etwas von dem zurückzugeben, was er als Kind erfahren hat - Liebe, Zuwendung, Vertrauen.

Kronhardt ist viel herumgekommen in seinem Leben. Merkte, dass er die beste Leistung bringt, wenn er starke Partner an seiner Seite hat und dass man seinen eigenen Weg gehen muss, aber ohne Scheuklappen. Da waren die Zeiten, in denen er Fußballgrößen wie Lienen oder Augenthaler über die Schulter blicken durfte, sicher hilfreich. In seiner Zeit als aktiver Profifußballer und als Trainer lernte er, Menschen zu motivieren, auch mit harten Worten. "Im Fußball ist der Ton manchmal rau. Aber viele Spieler wollen es dann dem Trainer beweisen - und verbessern sich so."

Im Sommer endet sein Vertrag, er wird dann den VfB Germania verlassen. Ein bisschen Enttäuschung schimmert schon durch, als er davon spricht. Schließlich hat die junge Mannschaft eine gute Entwicklung hinter sich, muss aber auch noch reifen, wie der Trainer betont. "Zielstellung ist, unseren guten Mittelplatz zu halten. Das ist realistisch und für so ein junges Team eine beachtliche Leistung."

Die Bedingungen für die jungen Fußballer seien in Halberstadt sehr gut. "Davon träumen manche Zweitliga-Teams. Wir haben hier ein Stadion, eine Halle und ein Bad direkt beieinander und können dies auch alles nutzen. Das ist absolut spitze."

Sportlich habe er etwas ins Rollen gebracht, sagt er und klingt überzeugt. "Wir hinterlassen etwas. Wir haben gezeigt, wie es funktionieren kann", sagt er.

"Viele schöpfen die Kapazität nur für sich aus."

Profifußball erfordere eben bestimmte Rahmenbedingungen. "Das Feld ist bestellt, wenn der Verein will, kann er das weiter beackern", sagt Kronhardt und kommt auf die Region und das Umfeld in Halberstadt zu sprechen. So ganz kann er nicht verstehen, dass die Harzregion ihre Möglichkeiten nicht ausschöpft. "Die Region hat so viel Potenzial. Ich habe oft den Eindruck, dass viele nicht erkennen, welches Kapital hier liegt. Viele schöpfen die Kapazitäten nur für sich aus. Wenn man mehr miteinander arbeiten würde, wäre sehr viel mehr möglich. Das wird nicht annähernd genutzt." Man müsse bereit sein, neue Wege zu gehen, sich anderen Ideen zu öffnen. Das gelte im Fußball wie in allen anderen Bereichen des Lebens.

Den Harz und Halberstadt bezeichnet der Fußballer aus Leidenschaft als "wunderschön, wirklich". Man müsse nur die Augen aufmachen. Besonders der Dom beeindrucke ihn. "Da kann man nur Demut empfinden und Respekt haben. Diese Kirche steht schon so lange und wird auch noch stehen, wenn wir längst tot sind. Dieser Bau lehrt uns auch etwas, was mir meine Mutter schon beigebracht hat: man darf nicht alles als selbstverständlich annehmen."