Eine Nacht lang gehört die Stadtbibliothek in Halberstadt den Kindern. Zum 100. Jubiläum der Institution sind sie eingeladen, spannende Abenteuer zwischen meterhohen Bücherregalen zu erleben.

Halberstadt l "Elternfreie Zone": Verdutzt stehen Mütter und Väter vor der Halberstädter Stadtbibliothek. Betreten dürfen sie das Gebäude nicht, es ist eine Nacht lang fest in Kinderhand. Genau 100 Mädchen und Jungen erkunden, bepackt mit Schlafsachen, Rucksäcken und Kuscheltieren, ihr ungewöhnliches Nachtlager. Ihnen steht ein spannender Abend bevor: Detektiv-Spielen, Taschenlampen-Nachtwanderung mit Räuber Daneil und Hexentänze.

Ausgedacht haben sich das Programm die Mitarbeiter der Bibliothek, informiert Birgit Sommer. Sie ist seit 2002 Chefin der Bücherei. "Das ist die erste Lesenacht samt Übernachtung. Zum 100. Jubiläum der Bibliothek haben wir 100 Kinder als Geburtstagsgäste eingeladen - eines für jedes Jahr", berichtet die 49-jährige Ströbeckerin.

Zwölf Bibliotheks-Mitarbeiter kümmern sich um die Acht- bis Zwölfjährigen. Um die Übersicht zu behalten, tragen sie verschiedenfarbige Namensschilder, die gleichzeitig kennzeichnen, wo die jungen Leseratten schlafen werden. Auf vier Etagen richten sie sich ihre Nachtlager ein - umgeben von unzähligen Bücherregalen.

An Schlaf ist zunächst jedoch nicht zu denken. Vielmehr sind Scharfsinn und Kombinationsvermögen gefragt. Gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Julian Press gehen die Mädchen und Jungen auf Spurensuche. Der Hamburger hat einen seiner Ratekrimis im Gepäck. Helden der Geschichte sind die Mitglieder der "Lakritzbande". Mit Hilfe von Wimmelbildern rätseln die Kinder mit, wer der Täter ist. Emsig studieren sie die Illustrationen, tuscheln und mutmaßen, wie die Geschichte weitergeht. Immer wieder ertönen freudige Ausrufe wie "Ich weiß es!" und "Schau, hier ist es!".

Diese Reaktionen machen für Julian Press die Faszination seines Berufes aus, sagt er. "Besonders erstaunlich finde ich, dass die Lesungen auch international funktionieren. Ich war damit schon in Frankreich, Kanada und Italien", berichtet der 53-Jährige, der seit seiner Kindheit von Büchern begeistert ist. Nicht ganz zufällig, schaute er doch seinem Vater Hans-Jürgen, ebenfalls ein bekannter Kinderbuchautor, beim Schreiben über die Schulter. "Schon im Alter von fünf, sechs Jahren wusste ich, dass ich Kinderbuchautor werden möchte", sagt Press.

Dass alle Kinder der Lesenacht ebenfalls diese berufliche Laufbahn einschlagen, erwartet Birgit Sommer nicht. Jedoch wolle sie mit der Veranstaltung werben - sowohl für das Lesen als auch für ihre Institution. "Vielleicht sind einige heute zum ersten Mal in einer Bibliothek, kommen nach der Nacht begeistert nach Hause und werden uns dann häufiger mit ihren Eltern besuchen", sagt die Bibliotheks-Chefin hoffnungsvoll.

Für erwachsene Bücherwürmer wird dieses Jahr ebenfalls eine Lesenacht veranstaltet.

 

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