Jeden Morgen klappert der Briefkastendeckel. Die Volksstimme ist da. Bei Wind und Wetter, bei Glatteis, Schneewehen oder Sturm sind die 100 Zusteller der Halberstädter Volksstimme im Altkreis Halberstadt unterwegs.

Halberstadt. Eine dünne Schneehaut bedeckt das Eis auf der Straße. Es ist still. Die Bäume haben ihr kristallschickes Reifkleid verloren. Weit entfernt fressen sich die Lichtkegel dreier Autos vom Huy herab in die Dunkelheit der Nacht. Noch leuchtet nur jede zweite Straßenlaterne.

Jürgen Wiegand ist pünktlich. Wie immer. Um 4 Uhr klappern im Hagebuttenweg die Briefkastendeckel. Da ist der Halberstädter schon zweieinhalb Stunden auf den Beinen. Hat seine 400 Volksstimme-Ausgaben in seinen Hyundai gepackt und seine Zustelltour begonnen.

Fröhlich öffnet er die Autotür. Das Radio ist an, Gute-Laune-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Heute liegen mal nicht die Zeitungen auf dem Beifahrersitz griffbereit, er wird auf der Tour des Öfteren an den Kofferraum müssen.

Im Hagebuttenweg hat er sich mal ordentlich erschreckt, erzählt der bärtige Mann lachend, sonst erschreckt ihn ja nicht viel. Aber an jenem Morgen geht er auf einen Briefkasten am Gartenzaun zu, ein Probeabo. Noch bevor er die Zeitung am Kasten hat, tönt es hinter der Hecke: "Die können Sie mir gleich geben." Damit hatte Jürgen Wiegand nicht gerechnet.

Zusteller zu sein – nein, sein Traumjob war es nicht. Aber nun macht er ihn schon seit 15 Jahren und es macht ihm sichtlich Spaß. Viele Jahre war er zuvor Schlosser im Bahnwerk Halberstadt. Als das abgerissen wurde, musste der kräftige Kerl schwer schlucken. Sein Vater war schon bei der Bahn gewesen, er auch. Aber dann kam die Wende. Als Bahner hat er das frühe Aufstehen gelernt, rollender Dienst in vier Schichten. Da stört ihn sein Tagesbeginn um 1.30 Uhr nicht mehr. "Zumal ich ja um sechse fertig bin und mich nochmal hinlege", erzählt "Bombe", wie er von allen genannt wird. Den Spitznamen hat er vom Vater geerbt. Wie der dazu kam? Auf dem Weg von Neu Runstedt zurück erzählt er die Geschichte. Vorher fährt er die Häuser ab, in denen die Volksstimme-Abonnenten wohnen. Vor Weihnachten hatte er sich hier in einer Schneewehe festgefahren. "Ich hab ‘ne ganze Stunde geschaufelt. Zum Schluss half mir noch ein Nachbar", berichtet er. Überhaupt, die Leute. Manche bieten ihm im Sommer so früh schon einen Kaffee an, andere sitzen noch am Grill und fragen, ob er Hunger habe, Wiegand kann irgendwie mit jedem. Direkt und freundlich wie er ist, gern auch zu einem Späßchen aufgelegt. Aber wieso ruft man ihn Bombe? "Mein Vater hieß so, ich heiße so, mein Sohn auch", erzählt der Halberstädter, der in dem Haus seiner Kindheit lebt – bis zu fünf Generationen unter einem Dach in der Gartenstadt waren es einst. Das Haus hatte sein Großvater 1915 gebaut. Heute lebt er dort mit seiner Frau und der Familie seiner Tochter. Der Sohn lebt und arbeitet inzwischen auf Sylt.

Bombe? Schnell erzählt. Der "Honecker-Zug" steht im Bahnhof, sein Vater bemerkt etwas zu laut, "wie leicht man hier eine Bombe platzieren könnte", jemand hört ein "vielleicht" – und schon hat der Vater Ärger an der Backe und seinen Spitznamen weg.

Ein Streufahrzeug kommt Jürgen Wiegand entgegen, im Kirchfeldring führt ein junger Mann zwei Hunde Gassi. Zwei Fenster sind im Fünfgeschosser erleuchtet. Rasch faltet der Mann, der nie Handschuhe anzieht, die Zeitungen kleiner. "Sonst passen die hier nicht in die winzigen Briefkästen." Überhaupt, die Briefkästen. Manche sind noch voll, da passt die Zeitung kaum hinein, andere haben extrem schmale Schlitze – wenn die Ausgaben dicker sind, wird es schwierig. Und zerrissene oder nasse Zeitungen mag weder der Zusteller, noch der Abonnent. "Regen ist das Schlimmste", sagt der agile Mann, springt aus seinem Auto und läuft rasch die Einfamilienhäuser an dieser Wendeschleife ab. Der Schnee stört ihn nicht, die Kälte nicht – aber bei Regen ist es schwierig, die Zeitungen trocken zu halten.

Inzwischen leuchtet jede Straßenlaterne, es ist kurz nach fünf Uhr. Wo sind wir? Schaberweg. Nie gehört. Ein Anwohner fegt den Gehweg, Wiegand pfeift ihm kurz zu. Wenig später gibt es einen kurzen Plausch, dann ist der Zusteller schon wieder auf dem Weg.

Auf seinen nächtlichen Touren hat er schon mehrere Feuer entdeckt und gemeldet, für hilflose Personen Rettungswagen geholt. Er kann einiges erzählen – und das gut. Aber für heute hat er seine erste Tour fast fertig, nur die Gartenstadt fehlt noch. Danach schläft er ein bisschen, frühstückt und macht sich mittags auf die zweite Zustelltour. Briefe und Pakete der Biberpost zustellen, dann bei 40 Kunden die Biberpost abholen – Staatsanwaltschaft, Polizei, Stadtwerke sind darunter. Bis 18.30 Uhr wird der 58-Jährige unterwegs sein. "Ich habe damals mit nur einem Kollegen angefangen, die Biberpost mit zuzustellen. Die anderen haben uns belächelt. Inzwischen stellt die Biberpost bundesweit zu", berichtet er. Nicht ohne Stolz.

Als er weiterfährt, sind mehrere Autos unterwegs, die Stadt erwacht.