Das Schicksal einer Frau bewegte im vergangenen Jahr viele Menschen rund um Halberstadt: Diana Herold. Die junge Halberstädterin war am 13. Juni 2010 am Rande der Feierlichkeiten zum Ortsjubiläum in Klein Quenstedt von einer Pferdekutsche überrollt und massiv am Bein verletzt worden. Nachdem eine gütliche Einigung unter den Beteiligten anfänglich unvorstellbar schien, deutet sich nun doch eine einvernehmliche, außergerichtliche Lösung an.

Halberstadt/Klein Quen-stedt. Hubertus Baer hatte seine Prognose schon vor Monaten gegenüber der Volksstimme glasklar formuliert: Er sehe diese Sache schon vor Gericht – ganz sicher sogar. Keine Frage – der Ortsbürgermeister von Klein Quenstedt hatte knapp einen Monat nach dem tragischen Unfall, der die 825-Jahr-Feier der Gemeinde überschattet hatte, bereits jegliche Hoffnung auf eine gütliche Einigung zwischen den Beteiligten längst verloren.

Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen: Wenige Wochen nach dem Unglück, bei dem eine Kutsche die Beine von Festbesucherin Diana Herold überrollt hatte, herrschte im Juli 2010 zwischen dem verletzten Opfer und dem Führer der Kutsche eisiges Schweigen. Mehr noch: Der Kutscher, der sich persönlich keinerlei Schuld bewusst war, verweigerte sich nach Darstellung des Opfers auch jeglicher Aufklärung des Zwischenfalls und der Regulierung der Folgen: "Weil ich keinerlei Informationen bekam – nicht einmal zur abgeschlossenen Versicherung – musste ich mir schließlich sogar einen Anwalt nehmen", erinnert sich die Halberstädterin noch an die damaligen Wochen und Monate.

Was war damals genau passiert? Ebenso wie hunderte andere Gäste war die in Klein Quenstedt aufgewachsene Diana Herold an jenem 13. Juni in den Halberstädter Ortsteil gekommen, um den Jubiläums-Festumzug aus nächster Nähe zu bewundern. Nachdem der eigentliche Umzug bereits beendet war, passierte das tragische Unglück: Bereits vor dem offiziellen Signal zum Salut-Schießen löste sich aus einer Vorderlader-Büchse ein Schuss.

Ein folgenschwerer Schuss, der dafür sorgte, dass die beiden Pferde Ulrike und Undine, die ein 72-jähriger Pferdezüchter aus Groß Quenstedt vor seine Kutsche gespannt hatte, durchgingen. Der Rest geschah binnen weniger Sekunden: Die Pferde galoppierten los, Diana Herold, die wenige Meter davon entfernt stand, wurde von dem Gefährt erfasst und kam zu Fall. Anschließend seien – so hätten es ihr Augenzeugen berichtet – beide Beine vom Rad der Kutsche überrollt worden.

Die Folgen für die Krankenschwester, die in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik Halberstadt arbeitet, waren gravierend: Eine Unterschenkelfraktur sowie massive Verletzungen, die mehrfache Klinikaufenthalte, Operationen und monatelange Arbeitsunfähigkeit zur Folge hatten. "Erst seit Anfang Dezember 2010 kann ich wieder meiner Tätigkeit nachgehen", berichtet die 37-Jährige.

Parallel zum langwierigen gesundheitlichen Heilungsprozess gestaltete sich auch die rechtliche Klärung des Unglücks mehr als schwierig. Und Fragen stellten sich zuhauf: Wer zahlt für die medizinische Behandlung? Wer kommt für die persönlichen Eigenanteile und Zuzahlungen des Opfers auf? Wie verhält es sich mit den Einkommenseinbußen aufgrund der langen Krankheit? Und was wird, wenn das Opfer doch mit langfristigen Unfallfolgen zu kämpfen hat?

"Hubertus Baer hat sich gekümmert, obwohl er mit der Sache eigentlich nichts zu tun hatte."

Fragen über Fragen, mit denen die Betroffene zunächst ziemlich allein stand. Der Kutscher winkte wenige Woche nach dem Unglück ab: Der Unfall sei gewiss sehr tragisch und die junge Frau tue ihm auch sehr leid – die Schuld dafür sehe er persönlich jedoch nicht bei sich, so der Mann im Sommer 2010 zur Volksstimme. Schuld sei allein der Schütze, der den Schuss zu früh abgegeben habe, so der Kutscher. Wohl auch deshalb schien sich der Mann allein schon mit der Unfallmeldung an seine Tierhalter-Haftpflicht-Versicherung recht schwer zu tun.

In der Tat waren damals drei mögliche Verursacher bzw. deren Versicherer erkennbar: Der Schütze, der Kutscher und die von den Veranstaltern des Umzuges abgeschlossene Veranstalterversicherung.

Heute – ein halbes Jahr später – liegen die Fakten indes klarer: Nachdem Diana Herold zwischenzeitlich ihren Anwalt gewechselt hat und nun von einer auf Pferderecht spezialisierten Anwältin vertreten wird, sei die Sache endlich voran gekommen: Ihre Anwältin korrespondiere nun mit der Veranstalterversicherung, berichtet das Opfer. Diese Versicherung wiederum übernehme 50 Prozent der Forderungen, die andere Hälfte trage die Versicherung des Pferdehalters, skizziert Diana Herold den aktuellen Stand. Und: Neben einem Teil der Auslagen für Behandlungen habe sie auch schon teilweise eine Kompensation für die erlittenen Schmerzen erhalten.

Deshalb ist Diana Herold nun optimistisch, dass auch alle weiteren Fragen einvernehmlich und außergerichtlich geklärt werden können. Froh sei sie zudem darüber, dass sie seit Anfang Dezember endlich wieder ihrer Arbeit im Ameos-Klinikum nachgehen könne und die Therapie gute Fortschritte mache.

Gute Aussichten auf ein Happy End also, die vor einem halben Jahr nicht einmal ansatzweise erkennbar waren. Und zwei Männer, die sich gründlich irrten: Der Kutscher, dessen Versicherung mit der Zahlung eine Mithaftung übernommen hat. Und Hubertus Baer, der den Fall schon vor Gericht gesehen hatte. Diana Herold ist Hubertus Baer übrigens sehr dankbar: "Der hat sich gekümmert und immer wieder nachgefragt, obwohl er mit der Sache eigentlich gar nichts zu tun hatte."