Golden in der Sonne glänzen sollte die instand gesetzte und herausgeputzte Turmkugel samt Wetterfahne auf dem Südturm der Martinikirche, und das schon lange vor Weihnachten. Einige Schneestürme und ungemütliche Winterwochen später ist der Turm immer noch "nackt". Eine Erklärung, warum das so ist, lieferte gestern auf Nachfrage der Halberstädter Volksstimme Jens Klaus, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung.

Halberstadt. "Bei Schnee und Kälte kann man in dieser Höhe nicht arbeiten. Nicht nur weil es zu kalt ist, sondern auch viel zu gefährlich", betont Jens Klaus. Trotz des frühen Wintereinbruches habe man die Dachdeckerarbeiten am Südturm bereits abschließen können. In einem überraschend guten Zustand habe sich die Stahlkonstruktion der Türme befunden. Die braune Pest hätte selbst nach über 50 Jahren nicht am Stahl gefressen. Nur ein wenig Flugrost habe man gefunden, der die Stabilität nicht gefährdet. Für Jens Klaus ist das jedoch nicht die spannende Geschichte. "Das Außergewöhnliche ist, dass die Dachkonstruktion überhaupt aus Stahl und nicht wie üblich aus Holz ist", so der Fachbereichsleiter.

Die Kugel und die Wetterfahne sind bereits repariert und vergoldet. Jörg Wolansky vom Bereich Gebäudeverwaltung der Stadt Halberstadt berichtet, dass sie wahrscheinlich in der übernächsten Woche auf den Turm kommen. Wobei hinter diesem Termin noch ein großes Fragezeichen stünde. Zwei oder drei Grad Frost könnten den Plan dann wie eine Seifenblase platzen lassen.

Man habe in den zurückliegenden Wochen die Zeit genutzt, um ein detailliertes Schadensbild der beiden Türme aufzulisten. "Im Ergebnis der Arbeit können jetzt mit den Statikern die weiteren Schritte zur Sanierung besprochen werden", berichtet Kurt Fümel von der Gebäudeverwaltung der Kreisstadt.

Als nächstes wird auf jeden Fall das Baugerüst, das den kompletten Turm vom Fundament bis zur Spitze einhüllt, bis auf Höhe des Dachgesimses zurückgebaut. Dann wechseln die Fachleute Maßwerke, alle Fensterbänke des Südturms und schadhafte Steine des Mauerwerks aus. Größte Baustelle ist dabei eine Ausbeulung an der Nordwand. Eine gefährliche Stelle. Das Risiko, dass der Turm dort auseinanderbröselt, sei akut gewesen. "Darum haben wir schon vor Beginn der Sanierung den Bereich sichern lassen", sagt Jens Klaus. Über Jahrzehnte sei Wasser in das Bauwerk eingedrungen, weil ein Wasserspeier defekt war. So sei ein bis zu 50 Zentimeter großer Hohlraum ausgewaschen worden.

Es wird einen fließenden Übergang bei der Sanierung der Martinitürme geben. Über den sogenannten Mittelbau, der beide verbindet und der ebenfalls eine neue Schiefereindeckung erhält, wird der Nordturm langsam aber sicher hinter dem Baugerüst verschwinden.

Der Zeitplan für das ehrgeizige Projekt Martinitürme ist eng gestrickt. Die im Juni 2010 begonnenen Arbeiten sollen an beiden Türmen in diesem Jahr beendet werden. Auch der überraschend strenge Winter werde daran nichts ändern, so Jens Klaus. Die Finanzierung mit immerhin 840 000 Euro steht und er geht davon aus, dass der Rahmen auch nicht überschritten wird. "Uns sind Grenzen gesetzt, mehr Geld gibt es auch nicht."

Klaus erzählt aber, dass es wegen des Umfangs der Arbeiten zu Diskussionen kam. Es gab eine spannende Frage zu klären: Soll an Martini "nur" Gefahrenabwehr und Sicherung erfolgen oder wolle man in höchster Perfektion wie zum Beispiel an der Westseite des Domes sanieren? Die zur Verfügung stehenden Gelder hätten jedoch schnell Klarheit gebracht. Eine Sanierung wie am Westportal hätte nicht nur wesentlich mehr Zeit in Anspruch genommen, sondern auch schätzungsweise das Vierfache gekostet. So habe man sich für einen soliden und machbaren Weg entschieden.