Halberstadt/Frankfurt l Es ist das Ziel, "die Jugendlichen mit Geduld und Liebe wieder auf die rechte Bahn zu bringen". So hat eine ehemalige Heimleiterin im Februar 1965 den Zweck ihrer Arbeit in einem persönlichen Bericht an die Bezirksdirektion Magdeburg formuliert. Bei der zurzeit geführten Diskussion um Missstände in Erziehungsheimen und Jugendwerkhöfen in der DDR klingt dieser Satz in den Ohren von Marianne Kastrati "wie Hohn". Die 1950 in Meitzendorf Geborene hat im Mädchenheim in Halberstadt gelebt. Sie bemüht sich heute um Aufarbeitung ihres Schicksals, Rehabilitation und Entschädigung.

Ältere Einwohner von Halberstadt können sich vermutlich noch an die im Volksmund genannten "gefallen Mädchen vom Petershof" erinnern. Und an den schlechten Ruf der Adresse Domplatz 49. "Wir wurden von der Bevölkerung zumeist behandelt wie Aussätzige", erinnert sich Marianne Kastrati. Dies sei aber nicht das Schlimmste gewesen, sagt die ehemalige Heimbewohnerin und verweist auf die Zustände in der Anstalt sowie den Alltag der jungen Frauen.

Das Heim am Petershof sei eine Aufnahmestelle für Mädchen gewesen, die unverheiratet und minderjährig schwanger wurden, aus sozial schwachen Familien stammten oder aus disziplinarischen Gründen eingewiesen wurden. Sie lebten dort unter staatlicher Fürsorge und Erziehung. Für Marianne Kastrati sei es die "Hölle" gewesen.

Sie lebte zwischen 1965 und 1967 im Petershof, damals noch unter ihrem Geburtsnamen Teltz. Die Mädchen unterlagen einem strengen Tagesablauf, dessen Missachtungen stets Sanktionen nach sich zogen."Es waren Zustände wie im Vollzug, nicht, wie man sich eine fürsorgliche Anstalt vorstellen würde." Bei Ungehorsam seien den jungen Frauen körperliche Gewalt widerfahren. Mit Strafarbeit, Einsperren in eine Dunkelzelle und einen Bunker sollten die Mädchen diszipliniert werden. In dem Bunker gab es nur eine Glühbirne und einen Eimer, um die Notdurft zu verrichten, beschreit die heute 64-Jährige.

Für die Unterbringung in der Anstalt mussten 120 Mark an die Heimleitung bezahlt werden. Dafür mussten die Mädchen in Betrieben arbeiten, wobei sie nie etwas vom erarbeiteten Lohn gesehen haben. Dokumente, die beweisen, dass es eine Anweisung der Heimleitung gab, die Löhne nicht an die zur Arbeit gezwungenen Heimbewohnerinnen auszuzahlen, liegen Marianne Kastrati vor.

Etwa 50 bis 60 Heimplätze standen im Petershof zur Verfügung. Die Bewohnerinnen waren zwischen 14 und 18 Jahre alt und mussten in den Betrieben der Umgebung arbeiten. Dort verrichteten sie zumeist Reinigungsaufgaben, wurden aber auch in die Produktion einbezogen. Die jungen Frauen arbeiteten beispielsweise in der Mastanlage Röderhof, in der Wurstwarenfabrik und der Mitropa, aber auch in Volkseigenen Betrieben in Blankenburg und im Oberharz. Wie die Rentnerin, die heute in Frankfurt am Main zu Hause ist, weiter berichtete, finden sich in den noch verfügbaren Akten Hinweise darauf, dass die Mädchen in den Betrieben häufig gedemütigt und belästigt wurden. Die Beschwerden über die Behandlung an den Arbeitsplätzen wurden in Versammlungsprotokollen der Heimleitung dokumentiert.

In den letzten Jahren vor der Wende hatte Renate Gode die Position der Heimleitung inne. Sie übernahm 1985 die Einrichtung und blieb Chefin bis zur Schließung 1991. Der Posten sei ihr nach eigener Aussage übertragen worden, da es zu einem Vorfall gekommen war, worauf ihre Vorgängerin abgelöst wurde. Die Kritik an der strengen Disziplin wolle sie nicht gelten lassen. Diese sei zwingend notwendig gewesen, "um die Ordnung im Haus zu erhalten". Von Beschwerden der Mädchen über die Kollegen in den Betrieben wisse sie nichts. Renate Gode sei zur fraglichen selbst noch Jugendliche gewesen. Andere Mitglieder der Heimleitung oder des Aufsichtspersonals seien nach ihren Informationen nicht mehr am Leben.

Ebenso leblos ist die Geschichte des Mädchenheimes. Auf der Gedenktafel am Petershof findet sich kein Hinweis auf eine Erziehungsanstalt. Zwischen 1945 und 1994 ist dort nur die Unterbringung des Stadtarchivs und der Verwaltung der kommunalen Wohnungsgesellschaft verzeichnet. Von den Heimakten gibt es kaum noch welche. Nach Aussage von Renate Gode wurden die Aufzeichnungen zu großen Teilen vor der Sanierung des Gebäudes vernichtet. "Niemand wollte die Akten haben, nicht die Stadt und nicht die Kreisverwaltung", sagte die ehemalige Heimleiterin gegenüber der Volksstimme.

Im Bestand des städtischen Archivs in Halberstadt befinden sich nur vereinzelte Bücher mit Informationen. Für Marianne Kastrati jedoch kein Grund, aufzugeben. Sie möchte das Kapitel der Heimgeschichte aufarbeiten und sucht Zeitzeugen. Sie können sich bei der Frankfurterin melden und der Emailadresse: kastrati-1950@ web.de.