Osterwiecks Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ löste vergangene Woche ein Versprechen ein. Sie besuchte den Industrielackierungsbetrieb von Wolfgang Kortegast in Deersheim. Der Inhaber hatte auf einem Unternehmerforum im November beklagt, dass die Lokalpolitik von seinem Betrieb und dessen Erfolgen keine Notiz nehme.

Deersheim. Sie staunen beim Eintreten in den Empfangsraum. Ingeborg Wagenführ, ihr Wirtschaftsförderer Erwin Marchlewsky und dessen designierter Nachfolger Peter Eisemann sehen auf einen edlen Tisch mit marmorierter Tischplatte. Wolfgang Kortegast lässt sie noch ein wenig wundern, bis er die Katze aus dem Sack lässt. Das ist eine ganz normale Tischplatte aus Holz mit einem 3-D-Wassertransferdruck beschichtet. Am Rande des Raums stehen noch weitere Muster. Aber auch beschichtete Fernbedienungen, ein goldener Fußballschuh, glitzernde Helme und Autofelgen. "Wir lackieren alles", sagt Wolfgang Kortegast. Das Unternehmen hat viele Standbeine.

Der 3-D-Wassertransferdruck ist ein Schmankerl im Angebot, aber noch nicht für die Großserie gedacht. Hier werden viele Privatkunden bedient, die vielleicht eine Badgarnitur, Telefone, Lichtschalter oder sogar einen Damenschuhabsatz veredeln wollen. Alles ist möglich. "Die Ideen kommen meist von den Kunden." Anfragen gibt es sogar aus Übersee.

Schwerpunkt bei Kortegast ist indes nach wie vor die klassische Industrielackierung. Beim Rundgang sehen die Verwaltungsleute aus Osterwieck große Teile für den Landmaschinenbau. Sieht unspektakulär aus, aber die Tücke liegt im Detail, denn es müssen beispielsweise an einer Strohpresse auch solche Stellen lackiert sein, wo ein herkömmlicher Pinsel nie hinkommen würde. "Wir brauchen dafür Mitarbeiter, die etwas können", erzählt Kortegast. Die meisten seiner 32 Leute habe er selbst ausgebildet. Denn den Ausbildungsberuf Industrielackierer gebe es überhaupt nicht.

Kortegast bildet seit Jahr und Tag Lehrlinge aus. Bekannt ist sein soziales Engagement. Drei Behindertenarbeitsplätze hat er geschaffen, zwei weitere sollen im März dazukommen. Als die jüngste Wirtschaftskrise mit voller Kraft auch in Deersheim zuschlug, habe er versucht, alle Mitarbeiter zu halten. Er berichtet, dass die meisten seiner Leute in Hessen, Osterwieck und Deersheim wohnen. Neun Frauen sind bei ihm beschäftigt.

Wolfgang Kortegast hatte sich schon 1981, also zu tiefen DDR-Zeiten, selbständig gemacht. Damals mit einer Autolackierwerkstatt in Hessen. Diese gibt es heute noch. Die Industrielackierung kam 1993 hinzu, nun in einer früheren Geflügelzuchtanlage in Deersheim, die der Unternehmer gepachtet hat. Deren Räume jetzt aber ausgebucht sind.

Kortegast führt die Gäste an einer Anlage zur Abwasseraufbereitung vorbei. Auch Umweltpreise heimste das Deersheimer Unternehmen schon ein, zuletzt 2010.

Unterwegs erzählt er von den zigtausend Feuerwehrhelmen, die das Unternehmen jetzt lackieren soll, er zeigt kleine Blenden für Fotoapparate, Gehäuse für Zeiss-Beamer, Auspuffrohre für MAN, berichtet von Anfragen von Mercedes, Kunden in Tschechien, lackierten Autobahnsäulen und der Lichtblende für Bugatti aus seinem Haus. Jetzt boomt es wieder, die Krise ist überstanden, die Auftragsbücher sind voll. Ingeborg Wagenführ hört erfreut, dass Kortegast auch mit anderen Unternehmen im Stadtgebiet zusammenarbeitet. Große Werkstücke zur Pulverbeschichtung werden zu Alstab nach Osterwieck gegeben, umgekehrt bekommt man von dort kleine Teile zum Pulverbeschichten. Die Elektromotoren von Ramme werden von Kortegast lackiert, in dem Osterwiecker Unternehmen ist sogar ständig einer von seinen Leuten vor Ort.

Nochmal Staunen bei der Bürgermeisterin, als Wolfgang Kortegast sein Alter verrät: 72 Jahre. Und er haftet ganz allein mit seinem gesamten Vermögen für den Betrieb. An Ruhestand will er noch nicht denken, aber nun seine Söhne am Unternehmen beteiligen und eine Gesellschaft gründen. Alles sei vorbereitet, zum 30-jährigen Firmenjubiläum im Frühjahr soll dieser Schritt vollzogen werden.

 

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