Wernigerode l Was für spektakuläre Erkenntnisse: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ein Cannabis-Problem. Die Weser fließt durch Wernigerode. Das Dialogangebot von Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) bleibt im Internet ungenutzt, na ja fast. Und von den knapp 200Hörern der jungsten GenerationenHochschule haben sich gerade mal zehn an einer simulierten online-Umfrage beteiligt. Doch der Reihe nach:

Der Einfluss der sogenannten Social Media auf die Politik war das Thema in der Wernigeröder "Papierfabrik". Dozent Jens Weiß hatte dazu die These formuliert: Auf dem Weg in die "Facebook-Demokratie"?

Um es vorwegzunehmen: Nicht nur dieses Fragezeichen blieb nach kurzweiligen zwei Stunden stehen. Der Verwaltungswissenschaftler hat in seinem Vortrag - wie angekündigt - einige hinzugefügt. Unstrittig ist, mit dem sogenannten Web2.0 - dazu gehören Internetangebote wie Twitter oder Facebook, ebenso viele andere auch - können viele Menschen schnell und preiswert informiert werden. Allerdings, die Qualität dieser Informationen ist unsicher. Weiß demonstriert diese Kritik anschaulich: Im Hörsaal manipuliert er die Wikipedia-Seite von Wernigerode, lässt kurzerhand die Weser durch die Harzstadt fließen. Und umgehend korrigiert der Verwaltungswissenschaftler seinen Fehler, hat Weser mit Holtemme überschrieben.

Die Anonymität im Netz sorge für die große Gefahr, dass Falsches veröffentlicht wird: mal aus Versehen, zum Spaß oder auch ganz bewusst. Jens Weiß fordert dazu auf, genauer hinzuschauen: Was wie eine offizielle staatliche Seite à la "politik.de" daher kommt, sei schnöde Werbung. Eine weitere Weißsche Internet-Kritik lautet: Dort geht es nicht um Meinungsbildung, sondern um Meinungsmache. Allein die Kommentarforen der Zeitungen lieferten dafür täglich Beispiele. Gezielt werde dort provoziert, abweichende Meinungen würden bestenfalls ignoriert, in den allermeisten Foren gehe es um bloße Selbstbestätigung in einer Gruppe. Leicht flappsig spricht er vom "Gebabbel und Geschwafel im Netz", das oft Zeit raube. Auch ihm, bei Twitter: Ich bekommen täglich Tweets, drei bis fünf darunter verfolge ich, und das finde ich dann auch gut. Doch was habe ich in der Zeit vom wirklichen Leben verpasst."

Der Experte warnt vor einer Überbewertung der sogenannten Internet-Demokratie: Diskussionen dort und erst Recht online-Abstimmungen "sind weder repräsentativ noch auf Konsens orientiert." Weiß kann überzeugende Beispiele liefern: Angela Merkel hatte im Netz zum Zukunftsdialog eingeladen, die Bundeskanzlerin wollte die "zentralen Fragen des Zusammenlebens" erfahren. Die mit 152056Stimmen zweitwichtigste zentrale Frage für Deutschlands Zukunft ist die Forderung: "Cannabis legalisieren - den Markt für Erwachsene regulieren!" Laut Weiß seien es vor allem kleine internetaffine Gruppen mit starken, im Einzelfall exotischen Interessen, die leicht zu mobilisieren seien.

Das zeige auch die wissenschaftliche Auswertung der Internetbeteiligung am sogenannten Bürgerhaushalt in Köln. Die User verfügten zu mehr als drei Viertel über eine Hochschulreife, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung Kölns weniger als 45Prozent beträgt. Lediglich 1,7Prozent der Personen über 65-Jahre haben sich daran beteiligt, dabei sind rund 18Prozent aller Kölner so alt. "Typische Teilnehmer an Bürgerhaushalten sind deutsch, männlich, gut gebildet, zwischen 18 und 45 Jahren alt - und haben nachmittags Zeit", zitiert Weiß aus der Studie.

Zum Schluss die Frage nach dem Finanzdialog mit Jens Bullerjahn. Das ministerielle Angebot werde nicht genutzt. Viele Meldungen, und immer prangt bei den Kommentaren die Null. Obwohl: Jens Weiß hat die Sanierung einer Mensa in Staßfurt so kommentiert: Auch der Halberstädter täte eine Renovierung gut. Dieser Eintrag wurde allerdings gelöscht.