Die seit Herbst vorigen Jahres leerstehende "Selkemühle" bei Mägdesprung ist von Dieben nahezu völlig ausgeplündert worden. Ein historisches Metallmodell der Burg Anhalt konnte jedoch sichergestellt werden.

Mägdesprung/Ballenstedt l Die jüngsten Kapitel in der Geschichte des altehrwürdigen Ausflugslokals Selkemühle bei Mägdesprung haben fast ausnahmlos negative Vorzeichen. Seit das Gasthaus im Spätsommer vorigen Jahres Knall auf Fall geschlossen wurde und die letzten Nutzer über Nacht verschwanden, haben Einbrecher und Vandalen in der Selkemühle gehaust. Nicht nur Fenster und Türen wurden zerstört und ausgebaut - vor allem Metalldiebe ließen in den vergangenen Monaten so ziemlich alles mitgehen, was sich noch zu Geld machen lässt - Elektrokabel wurden ebenso aus den Wänden gerissen wie Teile der Heizungsanlage. Vor diesem Hintergrund ragt eine Episode positiv aus der jüngeren Geschichte des Hauses heraus: Freunden des Ballenstedter Stadtmuseums ist es rechtzeitig gelungen, ein in der Selkemühle gezeigtes Modell der einstigen "Burg Anhalt" vor den Langfingern zu retten. Und damit haben sie nicht weniger als eine Miniaturausgabe des Namensgebers für das Land Sachsen-Anhalt gesichert. Die Burg Anhalt stand einst unweit der Selkemühle auf einer Anhöhe im Selketal.

Das aus Zinkblech gefertigte Burgmodell sei gegenwärtig im Depot des Ballenstedter Stadtmuseums eingelagt, berichtet dessen früherer Chef Eberhard Nier. Damit ist das gut und gern 80 oder 90 Jahre alte Modell zwar erst einmal sicher verwahrt - "das weitere Schicksal und die Zukunft der aus Zinkblech gefertigten Burg Anhalt ist aber noch völlig unklar", sagt der langjährige Museumsleiter.

Dass sich just Ballenstedter um das Modell kümmern, ist keineswegs Zufall. Die Selkemühle liegt zwar einige Kilometer von Ballenstedt entfernt im Selketal, gehört aber zur städtischen Gemarkung. Nicht zuletzt deshalb stand das Ausflugslokal in der Vergangenheit bei vielen Ballenstedtern hoch im Kurs.

Unter den regelmäßigen Gästen war auch Eberhard Nier. So blieb es dem 71-Jährigen im vorigen Herbst nicht verborgen, dass zunächst die Betreiber verschwanden und wenig später Metalldiebe das Haus sprichwörtlich ausweideten. Wissend um den Modellschatz, der zuletzt in einem DDR-typischen Zeitungspavillon ausgestellt war, knüpfte Nier zusammen mit Museumsfreund und CDU-Stadtrat Ulrich Pels eilends Kontakt zum Eigentümer der Selkemühle. "Und damit wir nicht selbst als vermeintliche Diebe verhaftet werden, haben wir die Aktion vorsorglich mit der Polizei abgestimmt", plaudert Nier aus dem Nähkästchen.

Mit der spontanen Rettungsaktion zum Jahresende, die Nier und Pels erst jetzt öffentlich gemacht haben, hat das Duo offensichtlich weit mehr gerettet, als nur ein metallenes Burgmodell. Armin Boeckmann berichtet von insgesamt drei derartigen Nachbauten, die einst im Garten der Selkemühle ausgestellt worden seien. Und Boeckmann muss es wissen. Er vertritt nach eigenen Worten die Grundstückseigentümerin. "Neben dem Modell der Burg Anhalt wurden damals auch Nachbauten der Burg Falkenstein und der Heinrichsburg im Selkemühlen-Garten präsentiert", erzählt Boeckmann von seinen Recherchen. Während die zinkblechernen Miniaturausgaben von Burg Falkenstein und Heinrichsburg zu DDR-Zeiten eingeschmolzen worden seien, habe die Mini-Burg Anhalt die Jahrzehnte der allgegenwärtigen Materialknappheit überdauert.

Gleichwohl hat der Zahn der Zeit nach schätzungsweise acht, neun Jahrzehnten schwer am Modell genagt. Vermutlich in den 1920er oder 1930er Jahren von einem Ballenstedter Klempnermeister namens Rokohl gefertigt, sind heute viele Lötstellen gerissen. Obendrein wurde das Zinkblech irgendwann mit Farbe verziert, die heute mehr als unansehnlich ist. "Ganz sicher eine Aufgabe für einen versierten Metallrestaurator", ist Nier überzeugt. "Bevor ein Fachmann der feinsten Klempnerarbeit neuen Glanz verleiht, gilt es die Eigentumsfrage und die Zukunft des Modells zu klären", gibt Kommunalpolitiker Pels zu bedenken. "Die Burg steht hier im Museum erst mal sicher, es ist aber die Entscheidung von Herrn Boeckmann, was damit wird."

Armin Boeckmann zeigt sich mit Blick auf die Zukunft des Burgmodells gesprächsbereit: "Wir haben die historische Rehgruppe, die ursprünglich auch zur Selkemühle gehörte, bereits leihweise dem Kunstgußverein Mägdesprung überlassen. Ähnliches wäre für die Burg Anhalt denkbar - wir müssen nur darüber reden." Boeckmann, der Teile des Mühlenanwesens inzwischen wieder vermietet hat, findet klare Worte: "Wir sind offen für alles - uns ist nur wichtig, dass es für die Selkemühle insgesamt eine Zukunft gibt."

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