Auf großes Interesse stieß zum Jahresende ein Abendvortrag im Städtischen Museum, den Simone Bliemeister hielt. Sie widmete sich den sichtbaren baulichen Veränderungen im Stadtbild Halberstadts.

Halberstadt. Nach dem verheerenden Bombenangriff am 8. April 1945 verlor Halberstadt sein reizvolles, von mittelalterlichen Fachwerkbauten geprägtes, Aussehen. Über Jahrzehnte bot das Zentrum nur Leere.

Simone Bliemeister belegte ihre Aussagen während des einstündigen Vortrags mit eindrucksvollem, bewegendem Zahlenmaterial. Nach dem Angriff waren von 19 000 Wohnungen 8 000 total zerstört und 1 500 schwer beschädigt, von den 5 400 Wohnhäusern verschwanden 2 200, 800 erlitten schwere Beschädigungen. 900 Handwerks- und Gewerbebetriebe waren zerstört. Halberstadt war eine Trümmerwüste.

In Deutschland übernahmen die Siegermächte nach der bedingungslosen Kapitulation die Macht. Das Land wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt, Halberstadt gehörte zur sowjetischen Zone.

Chronischer Materialmangel

Bereits Anfang Mai 1945 veröffentlichte die Antifaschistische Volksfront in Halberstadt erste Grundsätze und Richtlinien zum Wiederaufbau der Stadt, in denen aber Wohnungsprobleme und Versorgung keine Rolle spielten. In der zweiten Hälfte des Jahres finden sich Ideen zum Wiederaufbau in Akten, wobei der Breite Weg favorisiert und auf den Vorteil typisierter Bauelemente hingewiesen wird. In einem Erlass der Landesverwaltung Ende Dezember 1945 erhält die Stadt das Recht, "jedes total zerstörte Grundstück innerhalb des Stadtkreises als Eigentum in Anspruch zu nehmen".

Den damit verbundenen schnellen Aufbau verhinderte jedoch der chronische Materialmangel. Und es musste enttrümmert werden. Dazu sagte Bliemeister: "Das Gesetz über die Abräumung von Grundstücken, die einen Kriegsschaden erlitten haben, vom 13. Februar 1947, schuf die rechtliche Grundlage für die Enttrümmerung und klärte die Eigentumsproblematik. Es sollte keine Grundstücksenteignung geben, doch alle geborgenen Baumaterialien gingen in Gemeindeeigentum über, wenn der Grundstückseigentümer nicht in der Lage war, sein Grundstück selbst zu enttrümmern."

Eine Bauwirtschaftsordnung folgte, in der der Wiederaufbau oder die Reparatur von Wohngebäuden nach Dringlichkeitsstufen festgelegt war. Häuser für die Besatzungsmacht standen an erster Stelle, dann Wohnhäuser, am Ende Sport- und Kulturstätten. Der Fünfjahresplan schuf die Basis für das Aufbaugesetz.

Zentrum über Jahre eine Brache

Im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes der DDR sollte die Bereitschaft der Bevölkerung freiwillige, gemeinnützige, unentgeltliche Arbeit zu leisten, geweckt werden. Wer sich an sogenannten Aufbaustunden beteiligte, erhielt eine "Einsatzkarte", in der die Leistungen dokumentiert wurden. Nach Anzahl der Stunden erhielten die Beteiligten Auszeichnungen in Form von Anstecknadeln und Urkunden.

Das Zentrum unserer Stadt blieb viele Jahre eine Brache. Die ersten Häuserzeilen wuchsen in der Walter-Rathenau-Straße, Spiegel-, Friedrich-Ebert-, Thomas-Müntzer- und Bachstraße. 1954/1955 entstand das über Jahrzehnte beliebte "Haus des Friedens", eine Tanzgaststätte, die nach der Wende zu einer traurigen Ruine verkommen ist.

Ein sichtbares Zeichen des Aufbauwillens stellten die wiederhergestellten Türme der Martinikirche dar. Anfangs prägte Ziegelbauweise die neuen Bauten, aber es gab bereits vorgefertigte Bauelemente für Decken und Dächer. 1953 wurde die Arbeiterwohnungsgenossenschaft gegründet, mit Vorteilen für die Wohnraumbereitstellung für ihre Mitglieder.

Es mangelt an Wohnungen

Simone Bliemeister machte in ihrem Referat deutlich, dass der Bedarf an benötigtem Wohnraum mit den herkömmlichen Techniken nicht gedeckt werden konnte und hob in einem Vergleich hervor, dass bis 1956 in der BRD 3,5 Millionen Wohnungen errichtet worden waren, in der DDR dagegen nur 700 000. In Halberstadt entwickelten die örtlichen Organe erstmals 1955 einen Flächennutzungsplan. Es begann die Konzentration auf die Großserienfertigung mit genormten Blöcken und Platten. Neues Ziel für die "kompakte" Stadt bestand in der Einbeziehung des Wohnungsbaus im Stadtzentrum in den 1960er und 1970er Jahren. Die neuen Wohnviertel zeigten ihr typisches Gesicht durch die industrielle Bauweise: Sie waren mehrseitig offen, boten begrünte Innenhöfe, zentrale Verkaufseinrichtungen, Kindergarten. Solch ein Projekt war in unserer Stadt ab 1963 der Lindenweg.

(Wird fortgesetzt.)