Ausnahmezustand am frühen Dienstagmorgen in der Klusstraße in Halberstadt: Nach dem Bruch einer Hauptwasserleitung wird die Straße binnen kürzester Zeit mit Wasser und Schlamm geflutet. Einige Anwohner werden mittels Wasserwagen versorgt. Zwar rollen die Straßenbahnen wieder - die Klusstraße ist aber weiterhin gesperrt.

Halberstadt l Mit einem hektischen Start sind Mitarbeiter von Halberstadtwerken, Tiefbaufirmen und dem Stadt- und Landschaftspflegebetrieb Stala nach den Ostertagen überrascht worden. Als die Verantwortlichen in der Leitwarte der Stadtwerke am Dienstag um 4.50 Uhr plötzlich stadtweit einen Druckabfall im Trinkwassernetz registrieren, ist den Experten sofort klar, dass sie es mit einer großen Havarie zu tun haben. Wenig später ist dank der Fernüberwachung des Netzes auch klar, wo es "geknallt" hat: In der Klusstraße liegt nicht irgendeine Leitung, sondern die Hauptversorgungspipeline für das Stadtzentrum - eine Gussleitung mit 500 Millimeter Durchmesser.

Während bei den Stadtwerken der Notfallplan aktiviert wird und alle verfügbaren Bereitschaftskräfte mit Blaulicht in die Klusstraße eilen, schießt das Wasser dort längst gut und gern einen halben Meter hoch als Fontäne aus dem Erdreich. Rund um die Havariestelle, die sich rund 100 Meter nördlich des Bahnübergangs an der Ecke zur Praetoriusstraße befindet, sind die Schäden schon jetzt beträchtlich. Die Asphalt- decke von Fahrbahn und Radweg ist ebenso angehoben wie die Steine am Gleisbett der Straßenbahn.

Bis 6.45 Uhr, berichtet später Frank Neumann von den Halberstadtwerken, habe es gedauert, bis die Leckstelle großflächig abgeschiebert und die Auswirkungen auf das Trinkwassernetz im Stadtgebiet weitgehend behoben waren. Danach ging es vor Ort an die Reparatur. Bei der betroffenen Leitung handele es sich um eine 1912 verlegte 500 Millimeter Hauptleitung. "Über sie gelangte früher Wasser vom Hochbehälter in den Klusbergen in die Stadt. Heute wird über diese Hauptader Mischwasser aus dem Wasserwerk in den Klusbergen und von der Rappbodetalsperre ins Zentrum gepumpt", sagt Neumann.

Um jene Hauptader schnell wieder ans Netz zu bringen, legten sich neben Mitarbeitern der Stadtwerke auch Beschäftigte der Hecklinger Firma ABG voll ins Zeug. "Wir sind ohnehin gerade in Halberstadt tätig und konnten so ganz schell in die Klusstraße eilen", sagt Lutz Ilgenstein. Bernd Westendorf dirigiert derweil die Baggerschaufel vorsichtig in die morastige Baugrube, aus der mittels Tauchpumpe permanent Wasser abgepumpt wird. Eine Prognose, wann sie am Ziel sind und die defekte Leitung freigelegt und ausgetauscht haben, wagt niemand. Sicher ist nur, dass die 102 Jahre alte Leitung mindestens 1,80 Meter tief liegt und in unmittelbarer Nähe unter anderem eine Gasleitung verläuft. Die Tiefbauer müssen Zentimeterarbeit leisten und immer wieder zur Schaufel greifen.

Während nach dem Abschiebern der Leckstelle nahezu alle Kunden im Stadtgebiet gegen 7 Uhr wieder normal versorgt werden, sitzen nach Angaben von Stadtwerke-Sprecher Frank Neumann 30 Abnehmer unmittelbar hinter der Havariestelle stadteinwärts sprichwörtlich auf dem Trockenen. "Ich habe heute Morgen beim Toilettenspülen bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt mit dem Wasser", erzählt Waltraud Hellmund. Die 79-Jährige nimmt es aber gelassen: "Ich habe genug Wasser im Haus, und kochen muss ich heute auch nicht." Und für den Fall der Fälle haben die Stadtwerke gleich am Morgen einen Wasserwagen vor dem Block postiert.

Die Rohr-Reparatur selbst dauert länger, als anfangs vermutet. Bevor ABG- und Stadtwerke-Mitarbeiter im Tagesverlauf in die Tiefe graben können, muss aus Sicherheitsgründen eine Linde direkt neben der Baugrube fallen. Das Erdreich ist völlig durchnässt, die Wurzeln ragen in die Grube hinein - das Risiko, dass der Baum plötzlich kippen könnte, ist einfach zu groß.

Selbst am Nachmittag haben die Bauleute die Leckstelle noch immer nicht erreicht. Erst am Abend ist endlich klar, dass ein fünf Meter langes Rohrsegment getauscht werden muss. "Zum Glück liegen im Depot der Stadtwerke alle Längen bereit - es wird heute aber auf jeden Fall eine Nachtschicht", sagt Vorarbeiter Ilgenstein. Um auch die 30 Kunden unmittelbar hinter der Leckstelle wieder zu versorgen, soll später noch die Feuerwehr anrücken und via Schlauchleitung von Hydrant zu Hydrant einen Bypass zur Notversorgung legen.

"Wir setzen erstmal alles daran, die Hauptleitung zu flicken und die Versorgung zu normalisieren", sagt Frank Neumann. Anschließend müsse das Umfeld einschließlich der Straße repariert werden. "Wir rechnen alles in allem mit einer guten Woche." Die betroffene Gussleitung sei mit 102 Jahren zwar alt, im Vergleich zu jüngeren Pipelines im Stadtgebiet aber in einem sehr guten Zustand. Ein genereller Tausch sei deshalb vorerst nicht geplant. "Wir streben dies bei komplexen Straßensanierungen an", so Neumann.

 

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