Die "Bruchfrösche" treffen sich einmal monatlich in den Räumen der Bücherei in Schlanstedt, sitzen beieinander und reden platt. Dabei bereitet sich jeder auf seine Weise auf dieses Treffen vor. So sind die anderen immer gespannt, was wohl zur Sprache kommen wird.

Schlanstedt l "Harry, mak de Pulle op", mit diese Worten reicht Marlies Becker eine Flasche Sekt an Harry Hildebrandt. Schließlich habe sie Geburtstag gehabt und den müsse man begießen. Einmal im Monat kommt die Runde zusammen und unterhält sich auf Platt. "Die meisten haben die alte Sprache noch von den Großeltern gelernt", erklärt Harry Hildebrandt. Dabei sei Platt nicht gleich Platt. Jedes Dorf habe andere Worte.

Harry Hildebrandt stammt aus Eilenstedt und spricht ostfählisches Platt. Ganz anders sei es an der Küste oder im Oberharz. Trotzdem verstehe man sich, nur die sehr unterschiedlichen Schreibweisen machen eine schriftliche Verständigung nicht immer einfach.

Heinz Peine ist der Älteste in dieser Runde. Er kommt extra aus Halberstadt zu den Treffen der "Bruchfrösche" nach Schlansteft und hat immer einige Bücher dabei, aus denen er gern vorliest. Auch hat er immer einige Anekdoten parat, die er in Platt erzählt. An diesem Tag erinnert er sich an eine Begebenheit in Flandern 1943, wo er ein hübsches Mädchen in Platt angesprochen hatte. "Sie konnte mich wunderbar verstehen", schmunzelt er.

Manche der um den Tisch sitzenden "Bruchfrösche" hören lieber nur zu, andere sprechen auch gern. Zu ersteren gehört Irene Markworth, die Ortbürgermeisterin von Schlanstedt, die das Platt zwar gern hört und auch gut verstehe, beim Sprechen jedoch immer kleine Hemmungen hat. Harry Hildebrandt versichert jedoch: "Wir reden hier und verbessern uns auch, ohne zu schulmeistern."

Einig ist sich die Runde bei der Frage, warum die "alte Muttersprache" bei vielen in Vergessenheit geraten sei. "Lange galt die Einstellung, wer Platt spreche, sei doof." Daher wurde sie sehr lange nicht gepflegt und war regelrecht verpöhnt. Schon vor 1945 sei an den Schulen die alte Sprache unerwünscht gewesen. Dabei sei Unterhaltung auf Platt so angenehm. Zum Beispiel könne man getrost Worte sagen, deren Bedeutung auf Hochdeutsch einer Beleidigung gleichkäme, wie zum Beispiel "Dussel".

Otto Geppert erzählt auf Platt die Geschichte vom Osterwasser. In der Nähe von Schlanstedt gibt es bei der Teichwiese tatsächlich eine Osterquelle. Damit das Wasser seine Wirkung behalte, darf man es nur am Ostersonntag früh um 4 Uhr an dieser Quelle schöpfen. Man darf nicht sprechen, man darf sich nicht umdrehen, dann habe das Wasser heilende Wirkung und helfe bei Zahnschmerzen und Bauchweh. Er habe selbst Wasser geholt, gesteht Otto Gebhardt, und in eine Flasche gefüllt. Selbst nach über einem Jahr sei das Wasser noch frisch gewesen.

Harry Hildebrandt berichtet von Herrmann Hille, dessen Grab sich auf dem Friedhof in Schlanstedt befindet. Hille stammte aus Dingelstedt, war promovierter Germanist und hat sich in seiner Dissertation mit der Mundart des nördlichen Harzvorlandes, insbesondere des Huygebietes befasst. Er arbeitete in Braunschweig, besuchte seine Familie in Schlanstedt etwa alle zwei Wochen. Am 29. Januar 1949 sollte die Taufe seines Sohnes Heinrich-Andreas gefeiert werden. Doch der Vater kam zur Taufe nie an. An der Zonengrenze wurde er von einem sowjetischen Grenzpolizisten durch einen Bauchschuss getötet. Genauere Einzelheiten zu diesem Mord wurden erst lange nach der Grenzöffnung bekannt. Seit 1991 erzählt eine Gedenktafel vom Schicksal des Herrmann Hille. Sein Grab befindet sich etwas abseits auf einer Anhöhe auf dem Friedhof von Schlanstedt. Die "Bruchfrösche" sorgen nun dafür, dass immer etwas auf dem Grab blüht.

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