Kuchen, Häkeldeckchen, Bücher und immer ein freundliches Wort. Am Sonnabend machen die Mitarbeiter der Bahnhofsmission mit zwei Ständen in der Bahnhofshalle nicht nur Reisende aufmerksam auf ihre Arbeit. So sind sie zum Beispiel eine Art Frühwarnsystem für soziale Verschiebungen in Deutschland.

Halberstadt l Marion Schaper schneidet Käsekuchen auf, packt Apfelkuchen auf Pappteller. Gemeinsam mit Jutta Streithoff und Melitta Fakhri betreut sie die zwei Stände in der Bahnhofshalle. An einem wird Kaffee und Kuchen angeboten, am anderen finden sich Handarbeiten, Spielzeug, Mützen, Bücher. Der kleine Flohmarkt und der Kuchenbasar sollen beim Geldsammeln helfen. Wollen die Mitarbeiter der Ökumenischen Bahnhofsmission Halberstadt doch ihren Gesprächsraum renovieren.

"Der Raum wirkt ein bisschen lieblos", sagt Constantin Schnee. Der Halberstädter ist der einzige "echte" hauptamtliche Mitarbeiter der Bahnhofsmission, in Teilzeit ist er Chef der 20 Ehrenamtlichen. "Auch bei uns ist der Sparkurs in den öffentlichen Haushalten zu spüren", berichtet Schnee. Aber davon lasse man sich in der Arbeit nicht beirren. Der Gesprächsraum bietet einen geschützten Rahmen, wenn die Helfer mit einem Ratsuchenden allein sprechen wollen. "Immerhin 49 Mal haben wir im vergangenen Jahr ein Seelsorge-Gespräch geführt. Und dabei geht es wirklich um Fragen nach dem Sinn des Lebens oder um existenzielle Hilferufe", erläutert Schnee. Er ist ausgebildeter Notfallseelsorger und froh darüber, mit seiner Ausbildung auch außerhalb von Unfällen oder Unglücken helfen zu können. Um den Raum ansprechender zu gestalten, sollen ein neuer Tisch gebaut und die Wände verkleidet werden. Eine Firma, die diese Arbeiten kostenlos ausführen würde, kann aber nicht auch noch das Material bezahlen. "Wir sammeln heute Geld, damit wir Farbe, Holz und Schrauben kaufen können. Wenn wir schon um Spenden bitten, sollen die Geber auch konkret wissen, wofür."

Der Tag der Bahnhofsmisson, der am Sonnabend deutschlandweit begangen wurde, soll auf die Arbeit der Ehrenamtler aufmerksam machen. Immerhin wird in mehr als 100 Missionen in der Republik Reisenden geholfen, Schutz gewährt, zugehört, begleitet.

Die Mitarbeiter leben Dienst am Nächsten ohne zu missionieren. Zum Team gehören ganz unterschiedliche Menschen. Sie kommen aus unterschiedlichsten Berufen, gehören verschiedenen Religionen oder gar keiner an, waren selbst mal obdachlos oder Geschäftsführer einer Firma. "Diese Bandbreite ist gut, für das Team und für die Hilfesuchenden", sagt Schnee.

Vier der Mitstreiter haben eine Ausbildung für die mobile Begleitung, zwei sind in Gesprächsführung ausgebildet und elf als Blindenführer. Alle verfügen über eine Schulung als Ersthelfer.

Diese Ausbildungen finanziert der Bund, weil er von den Bahnhofsmissionen konkret profitiert. Die Arbeit wird in einer anonymisierten Statistik erfasst. "Damit dienen wir als Frühwarnsystem für soziale Verschiebungen", erklärt Schnee. So haben die Halberstädter zum Beispiel festgestellt, dass die Armut in den vergangenen fünf Jahren in der Region nicht extrem zugenommen hat, die Zahl der verwirrten Menschen hingegen schon. Schnee: "Viele kommen mit dem Tempo, der Vielfalt und Aggressivität in der Gesellschaft nicht mehr klar. Hier kommen sie zur Ruhe, finden Orientierung."