Der Osterwiecker Ortschaftsrat ist am Montagabend noch einmal an ungewöhnlicher Stelle zusammengekommen: Auf der Baustelle "Bunter Hof".

Osterwieck l Ortsbürgermeister Ulrich Simons (CDU) sah in dieser Zusammenkunft eine Epoche in der Ortspolitik zu Ende gehen. Denn der jetzige Ortschaftsrat war 2009 noch als 16-köpfiger Stadtrat gewählt worden, ehe er mit der Gebietsreform 2010 zum Ortschaftsrat abgestuft wurde. Der neue Rat, der am 25. Mai gewählt wird, umfasst daher nur noch neun Abgeordnete.

Begonnen hatte diese Epoche im Mai 1990 mit den ersten freien Wahlen seit rund sechs Jahrzehnten. Die kompletten 24 Jahre hat niemand der heutigen Abgeordneten in der Stadtpolitik bestritten. In jenem ersten Stadtrat nach der Wende war aber Dieter Görs (SPD) dabei. Ulrich Simons wurde damals vom Rat zum Stadtdirektor gewählt.

Der "Bunte Hof" ist ein Objekt, das sich wie ein roter Faden durch diese bewegten Jahre der Stadtpolitik gezogen hat. Anfangs im Stadteigentum, wurde das Fachwerkhaus später verkauft, damit hier eine Buchhändlerakademie entstehen kann. Das Vorhaben ließ sich aber nicht verwirklichen. Oft griffen die Stadtväter dem Eigentümer unter die Arme, um das Gebäude zu erhalten. Sie bekamen es nach vielen Jahren schließlich zurück, um das vom Einsturz bedrohte Haus zu sichern.

Über 200 000 Euro wurden damals aus der Altstadtsanierung bereitgestellt. An eine spätere Nutzung wagte von den Stadtvätern aber niemand zu denken. "Wir hatten damit unsere Pflicht getan, wir hätten das Haus nicht mehr angefasst. Das Geld war einfach nicht da", blickte Simons zurück.

Das heutige Nutzungskonzept mit vier Wohnungen für behinderte Schüler des Fallstein-Gymnasiums, Bibliothek und Saal wurde später durch die Einheitsgemeinde und das Fachwerkzentrum Quedlinburg entwickelt.

Claudia Hennrich, die Chefin des Fachwerkzentums, führte die Osterwiecker Abgeordneten nun über die Baustelle. Hier geht es weiter voran. Oben im Saal arbeiten jetzt die Heizungsbauer. Die Wärme kommt aus einem Wandheizungssystem, dessen Quelle als Blockheizkraftwerk gegenüber im Gymnasium steht. Hennrich berichtete, dass in zwei Tischlereien derzeit die über 50 Fenster hergestellt werden. Weitere 22 vorhandene Fenster aus der Zeit um 1890 bzw. 1960 werden restauriert. Die Fenster sollen übrigens einen anthrazitfarbenen grauen Anstrich erhalten. Eingebaut werden sie aber erst, wenn innen alles verputzt ist.

Der "Bunte Hof " wird barrierearm saniert sein. Der Zugang wird künftig nicht mehr von der Nordseite, sondern der Südseite erfolgen. Hier entsteht ein separates Treppenhaus mit Fahrstuhl. Die besondere Wendeltreppe im Innern wird zwar mit saniert, aber künftig nicht genutzt werden.

Mit dem Zimmermann Volker Baesler arbeitet auch ein Ratsmitglied im "Bunten Hof" mit. Er berichtete seinen Ratskollegen von den Baufehlern der Vorfahren. Beispielsweise darüber, dass im Eingangsbereich ein mit Stahl verstärkter Unterbau eingezogen werden musste, um die Statik zu sichern. Für solch ein großes Bauwerk sei aber der Einsatz von Stahl nur minimal.

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