Die Moses-Mendelssohn-Akademie ist aus Halberstadts und Sachsen-Anhalts Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Die Einrichtung wurde 1995 gegründet. Auf Wunsch von Halberstädtern.

Halberstadt. Über 700 Jahre lang lebte in Halberstadt eine jüdische Gemeinde. Ihr Wirken ist noch heute im Stadtbild nachzuweisen. Große Namen wie Berend Lehmann (Finanzier der Königshöfe in Sachsen, Preußen und Hannover), Hirsch und Cohn verbinden sich mit dem jüdischen Leben in Halberstadt. Mit der Deportation jüdischer Mitbürger im April und November 1942 wird die Gemeinde ausgelöscht.

Das Erbe, der nicht zuletzt wegen der Rabbinerausbildung in Halberstadt weltweit ausstrahlenden orthodoxen Gemeinde, zu bewahren, hatten sich schon zu DDR-Zeiten einige engagierte Halberstädter auf die Fahne geschrieben. Genannt seien hier vor allem Werner Hartmann und Pfarrer Dr. Martin Gabriel. Sie nahmen Kontakt zu in Halberstadt geborenen Juden auf und sammelten, was sich zur Geschichte der Gemeinde finden ließ.

Schwierige Verhandlungen

Das Eigentum der Gemeinde war zum Teil schon 1938 "arisiert" worden, die Gebäude und Unternehmen wurden Eigentum Deutscher nichtjüdischer Abstammung. In den Grundbüchern ist dieser Vorgang meist nicht dokumentiert, zu DDR-Zeiten verwaltete die Stadt die einst jüdischen Grundstücke und Gebäude.

Mit der Wende begann dann die Rückführung jüdischen Eigentums an die Nachfahren der Enteigneten. Da aber die jüdische Gemeinde eine juristische Person war, fiel deren Grundbesitz an die Jewish Claims Conference. Das ist ein Zusammenschluss jüdischer Organisationen, die seit 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust-Überlebender vertritt. An diese Organisation wandte sich die Stadt Halberstadt mit der Bitte, diese Grundstücke an die Stadt zu übertragen. Doch die Claims Conference verkauft nur und überträgt nicht. Damit drohten die Pläne zu scheitern, das Areal der Gemeinde zu nutzen, um an deren Geschichte zu erinnern. Der Verein zur Bewahrung des jüdischen Erbes wusste nicht weiter.

In dieser Situation wandte man sich an Raphael Nussbaum, dessen Familie in der Region viele Grundstücke besaß. Für die lief ebenfalls das Restitutionsverfahren. Nussbaum schaltete sich in die Verhandlungen mit der Claims Conference ein, nach seinem Tod führte Manfred Wolff das Vermächtnis Nussbaums weiter und kaufte die Grundstücke von der Claims Conference.

Das geschah 1996. Doch bereits im März 1995 nahm die Moses-Mendelssohn-Akademie ihre Arbeit auf. Über Nussbaum und Wolff war die Stadt 1994 in Kontakt mit Professor Dr. Julius Schoeps getreten und hatte ihn um Unterstützung bei dem Anliegen gebeten, die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde zu bewahren. Die Stadt hatte mehrere Partner um Konzepte gebeten, das von Schoeps überzeugte am meisten.

Im Januar 1995 kam auf Einladung des späteren Oberbürgermeisters Hans-Georg Busch eine Gesprächsrunde zusammen, die aus Vertretern der Stadt, des Vereins zur Bewahrung des jüdischen Erbes, politischen Mandatsträgern, Architekt Prof. Berthold Burkhardt, Prof. Julius H. Schoeps und Manfred Wolff bestand. In der Sache waren sich alle einig, unklar war nur, wie man das Anliegen finanzieren kann. Wolff sicherte Unterstützung zu und Schoeps meinte: "Wir fangen einfach an! Wir drucken Briefpapier und beginnen mit der Arbeit", erinnert sich Jutta Dick. Sie leitet die Akademie seit deren Gründung. "Über soviel Wagemut waren der Kämmerer und der spätere Oberbürgermeister erschrocken. Aber dann sicherten sie zu, dass sich die Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten einsetzen werde", erzählt Jutta Dick. Zeitgleich habe man Gespräche mit dem Kultusministerium des Landes geführt, das Interesse an einer Akademiegründung zeigte und eine Förderung in Aussicht stellte.

Am 1. März 1995 nahm die Akademie ihre Arbeit auf – die Stadt hatte ein Büro und Telefonanschluss zur Verfügung gestellt. Als Name wählte man den von Moses Mendelssohn – nicht nur, weil der große jüdische Aufklärer in Kontakt zum Halberstädter Gleim stand, sondern auch, weil das Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Geschichte in Potsdam die inhaltliche Arbeit der Akademie stützt.

Akademie nimmt ihre Arbeit auf

Nach dem gelungenen Kauf der Grundstücke der ehemaligen Barocksynagoge, der Klaussynagoge, des Kantor- und des Mikwenhauses im Juli 1996 wurden diese Grundstücke in das Eigentum der Akademie überführt. Die besteht in der Rechtsform einer Stiftung bürgerlichen Rechts. "Da im Grundbuch keine Person stehen konnte und sollte, wurde die Stiftung gegründet", erinnert sich Jutta Dick. Die Stiftungssatzung wurde 1996 genehmigt und 1997 begannen die Restaurierungsarbeiten an den Gebäuden. Die Stadt stellte dafür Mittel aus dem Modellstadtprogramm zur Verfügung. Die inhaltliche Arbeit der MMA finanziert zu diesem Zeitpunkt noch Manfred Wolff, der damit das Vermächtnis Raphael Nussbaums erfüllen wollte.

1998 flossen erstmals Landesmittel für die Projekte der Akademie, für die Finanzierung der Fixkosten – zwei Personalstellen und die Betriebskosten – floss 2003 erstmals vertraglich gesichert Geld vom Land. Inzwischen war die Akademiearbeit weit gediehen, 2001 wurde das Berend-Lehmann-Museum eröffnet, internationale Begegnungsprojekte initiiert, Schüler forschen zur jüdischen Geschichte, Vorträge, Seminare, Führungen runden das Angebot ab.