Schulden, Sucht, Mobbing oder psychische Probleme - Kinder und Jugendliche können aus verschiedenen Gründen aus der Bahn geworfen werden. Bei der Kompetenzagentur Harz wird deshalb versucht, frühzeitig gegenzusteuern.

Halberstadt l Kathrin K. bittet darum, ihren Nachnamen nicht zu veröffentlichen. Ansonsten spricht sie freimütig über ihre Geschichte.

Aufgewachsen bei Adoptiveltern, habe sie eine glückliche Kindheit verlebt, sagt die Quedlinburgerin. Und: "Bis zum 15. Lebensjahr war alles okay." Sie habe später einen Abschluss in der Gastronomie erworben. "Auf Arbeit bin ich dann gemobbt worden", sagt die Harzerin. Durch eine schwere Krankheit und diverse familiäre Schicksalsschläge sei für sie, inzwischen 23, "alles zusammengekommen". Gut zwei Jahre später steht die zierliche junge Frau vor einem Neuanfang. Im Juni beginnt ihre berufliche Rehabilitation. Sie wolle Verkäuferin werden, heißt das Ziel. "Zwischendurch wäre ich manchmal schon in ein Loch gefallen, aber die Kompetenzagentur hat mir sehr geholfen."

"Es gibt noch viele andere Fälle", beschreibt Dirk Michelmann die aktuelle Situation. Schulden, Sucht, Mobbing, zu frühe Mutter- oder Vaterschaft, psychische Probleme - die Ursachen dafür, dass ein Leben aus den geordneten Bahnen gerät, sind vielfältig. Als Kommunale Beschäftigungsagentur (KoBa) negiere man diese Erscheinungen nicht, betont der Leiter. Ganz im Gegenteil.

"Wir müssen gucken, dass wir niemanden verschenken."

Dirk Michelmann, KoBa-Leiter

"Es geht zielorientiert zur Sache, aber ohne das Korsett des Sozialgesetzbuches II", sagt der Wernigeröder. Denn, so Michelmann weiter: "Wir müssen gucken, das wir niemanden verschenken." Er hoffe, dass diese Hilfe zur Rückkehr ins Leben für Betroffene dauerhaft fortbestehen kann. "Dafür müssen wir eine langfristige Struktur hinbekommen", erklärt der KoBa-Chef.

Seit 2007 war die Kompetenzagentur in Wernigerode und Umgebung aktiv. Zum 1. September 2011 wurde deren Betätigungsfeld auf den gesamten Harzkreis erweitert. Mittlerweile gehört auch das Schulverweigerungsprojekt "Die 2. Chance" dazu. Aktuell sind darin 21 Förder- und Sekundarschulen eingebunden.

Projektleiterin Doreen Köhler und ihre zehn Mitarbeiter haben dort seither 118 Kinder und Jugendliche betreut. Davon konnte exakt die Hälfte reintegriert werden. Bei gut 42 Prozent gelang es, ihnen eine Betreuung durch das Jugendamt oder einen Schulsozialarbeiter beziehungsweise die Aufnahme in ein Berufsvorbereitendes Jahr zu vermitteln. In knapp acht Prozent der Fälle musste das Engagement vorfristig beendet werden. "Entweder, weil die Betroffenen selbst keine Unterstützung wollten, oder deren Eltern den Kontakt mit uns verweigert haben", begründet Doreen Köhler. Momentan kümmern sich die Kollegen um 41 Schüler. Seit Januar 2014 werden Schulverweigerer bereits ab sechs Jahren betreut.

Bis Ende 2013 hat die Kompetenzagentur Harz insgesamt 586 junge Menschen bis 25 Jahre intensiv gefördert. Drei Viertel von ihnen konnten so beruflich, schulisch oder sozial wieder durchstarten. Ebenfalls mit Jahresgebeginn wurde das Alter auf 27 angehoben. Aktuell sind es 169 Jugendliche, denen der Schritt von der Schulbank zu einer beruflichen Ausbildung ermöglicht werden soll.

"Die frühzeitige Unterstützung ist nötig, um junge Leute aufzufangen, bevor es zu spät ist", sagt Dirk Michelmann. Er wünsche sich, "dass irgendwann nur noch Kinder heranwachsen, die diese Hilfe nicht mehr benötigen." Der KoBa-Chef weiß allerdings selbst: Das bleibt ein Traum.