Die politischen Wirren um die Ukraine beeinflussen die Arbeit des Hilfsvereins Notruf Ukraine. Hier wurde praktisch gedacht und ein neues Ziel für den jüngsten Hilfstransport gesucht.

Von Gerald Eggert

Halberstadt l Eigentlich sollte der Frühjahrstransport des Vereins "Notruf Ukraine - Polizisten helfen" in Richtung Ukraine aufbrechen. Doch wegen der politischen Unruhen und fehlender Zollpapiere musste kurzfristig umgeplant werden. Durch den engen Kontakt zum Rotary Club Halberstadt war man auf eine Behinderteneinrichtung in Ipolytölgyes nahe Budapest aufmerksam geworden und belud deshalb einen Lkw mit dort dringend benötigten Dingen.

Auf den Ladeflächen von Wilfried Dammanns "osteuropaerfahrener Zugmaschine" und dessen Anhänger fanden unter anderem Möbel, Küchenutensilien, Kinderkleidung und Schokolade Platz. Mit zwei begleitenden Transportern und den Vereinsmitgliedern Ulrich, Lars und Normen Scholle, Manfred Schünemann, Udo Göbel und Mario Sahlmann brach der kleine Konvoi von der Halberstädter Taubenstraße in Richtung Ungarn auf. Doch auf der A 14 in Richtung Dresden kam es zu einem unfreiwilligen Stopp. Ein Reifen des vierrädrigen Lkw-Anhängers platzte und als das Fahrzeug auf dem Randstreifen zum Stehen kam, gab ein zweiter ebenfalls den Geist auf. Da musste Hilfe von einer Werkstatt organisiert werden. Allerdings gingen so vier Stunden verloren.

Nach kurzer Nacht wurde in aller Frühe aufgebrochen. Problemlos rollten die Fahrzeuge ihrem Ziel entgegen, keine Grenze hielt sie auf. Oft verriet nur das Navigationsgerät, in welchem Land man gerade unterwegs war. Denn auf einem größeren Abschnitt des Weges wechselten sich Slowakei und Ungarn ständig ab. Fünf Kilometer vor dem Zielort stoppte ein Verkehrsschild den Konvoi vor einer Brücke. Diese war mit 7,5 Tonnen Tragkraft ausgewiesen. Für die Transporter kein Problem, doch Lkw und Anhängers brachten wesentlich mehr auf die Waage.

Man folgte Hinweisen der Einheimischen und landete auf einer Art "Schmugglerpfad". Nach gut 25 Kilometern und zwei Stunden Fahrzeit wurde endlich eine befestigte Straße erreicht, die zum Ziel führte.

Dort wurden die Halberstädter von der Heimleiterin, Mitarbeitern und Freunden sowie Bewohnern der Einrichtung schon sehnlichst erwartet. Eine Turnhalle sollte als Zwischenlager dienen. "Die Bewohner, Behinderte mit Downsyndrom, packten beim Entladen des Lkw und des Anhänger tüchtig zu", erinnert sich Mario Sahlmann, "soviel Einsatz beim Abladen hatten wir bis dahin noch nie erlebt. Nach gut zwei Stunden waren die Fahrzeuge leer geräumt und die Hilfsgüter im Gebäude übersichtlich platziert."

"Beim Abendbrot würdigte die Heimleiterin unsere Aktion", berichtet Vereinschef Ulrich Scholle, "sie sprach mit Stolz davon, dass ihre Einrichtung Hilfe aus Deutschland bekommen hat." Bei einem Rundgang verschafften sich die Besucher aus dem Vorharz ein Bild von der Einrichtung, in der 150 Menschen mit zum Teil Mehrfachbehinderung untergebracht sind. Der ungarischen Kirche als Träger fehlt es an Geld, die Gebäude zu erhalten und die Zimmer zu renovieren.

"Wir haben sehr schnell mitbekommen, dass wir mit all den Dingen, die wir mitgebracht hatten, die Lebensqualität der Bewohner entscheidend verbessern helfen. Dies auch aus dem Mund der Heimleiterin zu hören, machte uns sehr stolz und froh", sagte Vereinschef Ulrich Scholle.

Er dankte allen Beteiligten "denn was sie tun, ist nicht selbstverständlich. Alle opfern ihre Freizeit, schauen nicht auf die Uhr und nutzen Urlaubstage für die Transporte."