Der Hohne-Moorstieg zu den Leistenklippen im Nationalpark Harz ist wieder begehbar. Die alte Trasse war verschlissen und musste deshalb gesperrt werden. Für die Verlegung des neuen Pfades gab es sogar Hilfe aus der Luft - per Helikopter.

Schierke l "Die Leistung der Meteorologen, die schönes Wetter vorhergesagt haben, ist wie die mancher Schiedsrichter bei der Fußball-Weltmeisterschaft." Andreas Pusch ist an diesem Donnerstag nicht glücklich über das Wetter. Zeitweise gießt es wie aus Kübeln. Die Einweihung des sanierten Hohne-Moorstiegs möchte der Leiter des Nationalparks Harz dennoch nicht absagen.

Deshalb geht es zunächst per Kleinbus vom Schierker Stern aus gut vier Kilometer weit durch den Wald. Auf 640 Meter Höhe beginnt dann ein etwa 1000 Meter langer Fußmarsch. Inzwischen nieselt es nur noch. Der Weg zum eigentlichen Ziel, dem sanierten Hohne-Moorstieg, führt buchstäblich über Stock und Stein. Über riesige Findlinge, durch Pfützen. Vorbei an Orchideen wie dem Gefleckten Knabenkraut und prächtigen alten Buchen.

Bei 810 Meter über dem Meeresspiegel wird der Ort des Geschehens erreicht. Ein Band ist über die Bohlen gespannt. Reden werden gehalten. So sagt zum Beispiel Sabine Mané: "Wir hatten hier die wohl höchst gelegene Baustelle Sachsen-Anhalts." Die Leiterin des Fachbereichs Waldbehandlung und Wildbestandsregulierung der Nationalpark-Verwaltung erinnert sich daran, wie sie im Sommer vergangenen Jahres "die Hiobsbotschaft" erhielt. Der Wanderweg müsse gesperrt werden, weil die Bohlen morsch seien und Nägel aus ihnen herausragten. Sabine Mané: "Unser Wegeplan sah aber einen langfristigen Erhalt vor." Um eine Lösung zu finden, sei den Winter über gegrübelt worden. Zumal zahllose E-Mails und Anrufe belegten, wie beliebt der Pfad hinauf zu den Leistenklippen bei den Naturfreunden ist. Es sei ihr deshalb ein Bedürfnis, den Kollegen aus den Revieren Drängetal, Ilsenburg und Scharfenstein für ihr Engagement zu danken.

Die Rettung des Vorhabens gelang im wahrsten Sinne des Wortes aus der Luft. Es sei allerdings knapp gewesen, berichtet Martin Bollmann. An einem Freitag habe das Baumaterial per Helikopter in das unwegsame Gelände transportiert werden sollen. Der Chef des gut 1700 Hektar großen Nationalpark-Reviers Hohne: "Früh war es noch neblig." So habe die ganze Aktion erst nach dem Aufklaren gegen Mittag beginnen können. Bollmann: "Wir hatten fünf Ablagestellen." Vier Stunden "nicht ganz ungefährliche Schwerstarbeit" hätten er, seine Kollegen und Mitarbeiter einer Fachfirma aus der Nähe von Göttingen leisten müssen, um den neuen Hohne-Moorstieg zu verlegen. Jede Lärchenbohle sei 1,20 Meter lang und wiege sieben Kilogramm. Etwa 20 Tonnen Material seien insgesamt benötigt worden. 1200 Planken und 440 laufende Meter Lagerholz, sechs beziehungsweise drei Meter lang. In die Bohlen habe man Antirutschfugen gefräst, sie verschraubt und mit Stahlband verbunden. Martin Bollmann: "210 Meter sind so verbaut worden." Vorher seien es 280 gewesen - auf einen Teil der Anlage sei verzichtet worden. Dafür wären jetzt viel mehr Treppenstufen drin.

Jemand, der Moor und Stieg genau kennt, ist Uwe Wegner. Der promovierte Agrarwissenschaftler war einer der Gründer des Nationalparkes Hochharz und dessen erster wissenschaftlicher Leiter. Der Halberstädter schwärmt von Wollgras, Sonnentau und diversen Seggenarten. Der Experte: "Das ist ein Gebiet von großer Dynamik." Teile davon würden manchmal zum Hochmoor, sackten dann ab und "schrumpften" so wieder zum Niedermoor.

Uwe Wegner weiß auch eine Geschichte aus der Vergangenheit, die die Zuhörer in der Gegenwart schmunzeln lässt. 1988 habe die damalige Gesellschaft für Sport und Technik (GST) republikweit eine Rallye in der heutigen Kernzone des Schutzgebietes ausgeschrieben. Frei nach dem Motto: "Die Partei, konnte alles. Wusste alles." Irgendwann sei er davon informiert worden. Jemand habe ihn aufgefordert als Verantwortlicher etwas dagegen zu unternehmen. Der Wissenschaftler: "Ein Strafverfahren gegen die SED-Kreisleitung." Er habe zum einen aber nicht gewusst, wie das gehen soll. Andererseits sei er bereits einen Tag später von den Genossen einbestellt worden. Nach seinem Verweis auf das geltende Naturschutzgesetz sei das Gespräch aber "sehr sachlich verlaufen". Der Kompromiss: Da eine Absage des Rennens nicht mehr möglich gewesen sei, hätten sich die GST-Mitglieder verpflichten müssen, am ohnehin geplanten Bau des Stiegs mitzuarbeiten.

"Das war mal was anderes", blickt Jörg Nedden sichtlich stolz auf das von ihm mit vollendete Werk. Seine Firma habe seinerzeit die Ausschreibung gewonnen. Normalerweise widme man sich Projekten zur Wiederaufforstung im Nationalpark. Baue dafür Zäune und Gatter. Hier "ohne Wasserwaage" einen Stieg zu errichten, das sei schon etwas Besonderes gewesen, so der Niedersachse.

Rund 50 000 Euro habe der neue Hohne-Moorstieg gekostet, sagt Andreas Pusch auf Volksstimme-Nachfrage. Inklusive Abriss und Entsorgung der morschen Bohlen sowie der gleich mit erneuerten Wanderhütte an der 906 Meter hohen Leistenklippe. Allerdings liege ihm die endgültige Schlussrechnung bisher nicht vor.

Dass die Freude über das Geschaffene wohl kaum lange anhalten könne, vermerkt Friedhart Knolle. Wegen des rauen Klimas sei die Lebensdauer für das Holz nur begrenzt. Der Nationalpark-Sprecher: "Maximal zwölf, 13 Jahre."

   

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