Der Südturm der Martinikirche ist seit gestern wieder bekrönt. Während einer mehrstündigen Aktion wurden ihm die neu vergoldete Zierkugel und die Wetterfahne aufgesetzt. Hunderte Halberstädter verfolgten das Ereignis.

Halberstadt. "So etwas werde ich nicht noch einmal erleben", sagt Hans Blumenberg am Montagnachmittag und blickt hoch zum Turm der Bürgerkirche. Der 90-Jährige erinnert sich daran, dass er bereits 1958 unter den Neugierigen weilte, als die Kugel und die Wetterfahne auf die Turmspitze gesetzt wurden.

Einer der damals sogar mit Hand anlegte, war Friedrich Kretschmer. Er unterstützte als 16-jähriger Lehrling seinen Vater bei diesem Auftrag, an den er heute noch gern zurückdenkt. Gestern war für den Halberstädter Kupferschmiedemeister ein besonderer Tag. Nicht nur, weil er diesmal maßgeblich an dem Projekt beteiligt ist, sondern weil er seinen 67. Geburtstag feierte.

Dazu gratulierte ihm Oberbürgermeister Andreas Henke, der am Vormittag zum Aufzug der Kugel kam und gemeinsam mit seinem Stellvertreter Dr. Michael Haase die beiden Dokumentenhülsen an Matthias Kretschmer weiterreichte, der sie in der Kugel verschwinden ließ.

Die eine stammt aus dem Jahre 1958. Sie war, nachdem sie geöffnet und ihr Inhalt einer großen Öffentlichkeit präsentiert worden war, wieder verschlossen worden. Die größere Hülse hat Friedrich Kretschmer neu gefertigt. Sie enthält unter anderem die Stadtchronik 2009/2010, das IBA-Büchlein "Entdecke die Leere", eine Volksstimme-Ausgabe und das Buch "Der Flug der Hummel", das der Halberstädter Demonstrationen 1989 vielstimmig gedenkt.

"Finger weg!", musste Friedrich Kretschmer mehrfach Zuschauer ermahnen, die sich nicht nur mit der zweieinhalb Zentner schweren Kugel fotografieren, sondern sie auch anfassen wollten. 1250 hauchdünne Blätter, 23,75 Karat Turmgold (80 mal 80 mm), waren auf die Oberfläche aufgebracht worden. "Beim Berühren mit der bloßen Hand sorgt Schweiß dafür, dass die Stelle später schwarz wird und das Gold sogar abplatzt", begründet der Experte.

"Ich möchte mich bei ihnen bedanken, dass sie so viel für unsere Stadt tun", schüttelte Adelheid Hochmuth dem Kupferschmiedemeister die Hand. Sie war mit ihrem Mann und Enkel Paul (5) zum Martiniplan gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen. "Paul ist extra aus Magdeburg angereist. Er hat schon die Abnahme der Kugel erlebt und wollte heute unbedingt wieder mit dabei sein."

In der Nähe der Kirche, aber auch auf der anderen Straßenseite und am Domhang verfolgten hunderte Augenpaare dann, wie die Zierkugel langsam in die Höhe gezogen wurde. Diese Aufgabe übernahm ein 300-Tonnen-Autokran, dessen langer Arm bis über die Turmspitze reichte. Langsam senkte sich aus fast 100 Metern Höhe das "goldene Ei", bevor es auf die lange Nadel "aufgefädelt" wurde. Keine einfache Aufgabe für die Crew in luftiger Höhe. Denn dort pfiff ein eisiger Wind, der die Kugel immer wieder in eine andere Richtung drückte. Um 11.30 Uhr war es geschafft.

Aufgrund des zunehmenden Windes sollte Teil zwei der Aktion alsbald folgten. Knapp zwei Stunden später wurde die riesige Wetterfahne aus der Kirche getragen, mit Seilen am Kranhaken befestigt und vorsichtig hochgezogen. Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Zuschauer nicht mehr ganz so groß.

"Wenn man daran denkt, dass wir als Kinder damals, als die beiden Turmspitzen wieder aufgebaut und die Kugeln sowie die Wetterfahne aufgesetzt wurden, noch in den Trümmern der Stadt gespielt haben, kann man um so glücklicher sein, dieses heute mit erleben zu dürfen in einer Stadt, deren Zentrum sich so positiv verändert hat", freut sich Heinz Gevatter, als 90 Meter über ihm zuerst die Wetterfahne auf den Schaft gesetzt und später mit einem goldenen Stern bekrönt wird. "Jetzt freue ich mich auf die Geburtstagsfeier heute Abend ganz in Familie", sagt Friedrich Kretschmer und meint, dass er sich mit der Aktion selbst das schönste Geburtstagsgeschenk gemacht habe. Er weiß aber auch, dass er und Sohn Matthias noch einmal "in die Luft gehen" müssen. Denn die kleine Kugel wird nach der Sanierung des Nordturms wieder auf dessen Turmspitze gesetzt. Dies geschieht über das Baugerüst, ein Kran wird nicht benötigt. Das betreuende Fachamt der Stadtverwaltung Halberstadt geht davon aus, dass die Sanierung der Martinitürme planmäßig im Sommer 2011 abgeschlossen werden kann.

   

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