Eine Reise nach Berlin mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann abenteuerlich sein. Mike Reinecke ist auf einen Rollstuhl angewiesen und hat sie dennoch gewagt.

Langenstein l "Komm ruhig rein, das Tor ist offen, ich kann dir leider nicht entgegen kommen", ruft Mike Reinecke von der Haustür über den Hof. Der Langensteiner kann sich schlecht bewegen. Kurz nach seinem 30. Geburtstag bekam er vom Arzt die Diagnose: Multiple Sklerose. Der heute 43-Jährige lässt sich davon allerdings nicht unterkriegen. "Klar gibt es Tage, an denen ich keine Lust mehr habe, aber auch die gehen vorbei", erzählt er lächelnd. Er könne zwar keiner regelmäßigen Tätigkeit mehr nachgehen, dafür sei sein Gesundheitszustand zu unbeständig, aber er versuche trotzdem aktiv zu bleiben, ergänzt Reinecke.

Dazu gehört auch, dass der gebürtige Leipziger die Region, aber auch andere Landstriche erkundet. Als er vom Angebot der Moses-Mendelssohn-Akademie hörte, eine begleitete Reise nach Berlin zu unternehmen und dort die Spuren jüdischen Lebens zu entdecken, war er sofort entschlossen, daran teilzunehmen.

Die Leiterin der Akademie, Jutta Dick, hatte Bedenken. War aber bereit, den Versuch zu wagen: "Ich hatte die Hoffnung, dass alles klappt, ansonsten hätten wir zwischendurch abbrechen müssen", erzählt sie. Sie habe häufig mit dem Langensteiner telefoniert, um die Tour durch die Hauptstadt planen zu können. Dies habe die Reise stark erleichtert, sagt Dick.

Eine Erfahrung, die Mike Reinecke oft macht. "Es ist vieles nur ein Frage der Planung. Aber man muss auch wissen, mit dem Rollstuhl umzugehen." Im Haus und für kurze Wege brauche er den "Rolli" nicht, aber bei so langen Unternehmungen schon. "Ich bin dann einfach zu fertig", sagt er.

Dass er schnell müde wird, kann man sich bei dem kräftig gebauten Mann schlecht vorstellen. Er lacht und sagt: "Meine Nachbarn denken genauso." Das Haus, das er bewohnt, hat er vor ein paar Jahren gekauft. Den Umbau und die Sanierung übernimmt er selbst. "Mein Ziel ist es, bis Ende des Jahres das Schlafzimmer im Erdgeschoss fertigzustellen. Dann brauche ich keine Treppen mehr zu steigen. Ich muss ja auch an meine Zukunft denken", berichtet er.

Mike Reinecke hat zu DDR-Zeiten Dreher gelernt, nach der Wende umgeschult und wurde Zimmermann. "Mein Lieblingsberuf", sagt er. Außerdem hat er noch Ausbildungen zum Holzspielzeugmacher und Bauzeichner absolviert.

An Tagen, an denen es Mike Reinecke nicht so gut geht, liest er viel. Fachbücher über Holzverarbeitung und Ratgeber für Heimwerker stehen im Regal in der Küche. Aber er bevorzugt bei solchen Gelegenheiten "Dinge, die sich schnell weglesen". Romane wie "Er ist wieder da" von Timur Vermes. Einen Fernseher besitze er nicht, erzählt der 43-Jährige. Seiner Meinung nach ist fernsehen Zeitverschwendung.

Zeit hat er ohnehin nicht viel: "Die Arbeit am Haus", erklärt er. Dazu kommen die regelmäßigen Termine bei der Physiotherapie und beim Sport. Reinecke ist Bogenschütze, "das kann man im Sitzen machen, und ich bin selbst für die Leistung verantwortlich", sagt er. Des Weiteren geht der Langensteiner regelmäßig zu den Treffen einer Selbsthilfegruppe für Multiple-Sklerose-Erkrankte. Lange habe er sich dagegen gewehrt, daran teilzunehmen, aber letztlich habe er sich überzeugen lassen, dass es nicht nur ihm, sondern auch anderen helfen könne.

Hilfe von Anderen und Rücksichtnahme auf seinen gesundheitlichen Zustand, erfuhr Reinecke auch während der Reise nach Berlin. "Es hat niemand gemeckert, wenn es mal etwas länger gedauert hat", berichtet er. "Die Mitreisenden haben mir geholfen, zum Beispiel beim Einsteigen in Bahnen oder Busse." Die positive Ausstrahlung Reineckes habe mit Sicherheit dazu beigetragen, die Sympathien der Mitreisenden zu gewinnen, vermutet Dick. "Die anderen Teilnehmer haben sich gefreut, weil der Herr Reinecke so nett war", erzählt sie. Reinecke selbst ist sich nach dieser Reise sicher: "Wenn es irgendwann ein ähnliches Angebot geben sollte: Ich würde wieder mit dabei sein wollen."