Halberstadts Krankenhaus hat sich bei vielen Patienten mit Ohrproblemen einen guten Ruf erarbeitet. Mit einer neuartigen Operationsmethode soll nun dieser Ruf gefestigt werden.

Halberstadt l Wer in die Berge fährt, kennt das ebenso wie Nutzer von Flugzeugen oder Taucher. Es drückt und knackt im Ohr, bis der Druckausgleich geklappt hat. Schlucken, gähnen, Nase zuhalten und pusten - all das hilft dabei. Doch manchmal auch nicht, dann sind stechende Schmerzen und Schwerhörigkeit die Folge. Manchmal nur ein paar Stunden lang, manchmal sehr viel länger.

Verantwortlich sein für die Beschwerden kann die Ohrtube, ein schmaler Verbindungskanal vom Rachen- und Nasenraum ins Ohr. Im Normalfall sorgt dieser Gang, auch Ohrtrompete genannt, für die Belüftung des Innenohres und hilft beim Druckausgleich. Nun soll Menschen, die an einer Tubenfunktionsstörung leiden, in Halberstadt auf schonendere Art als bisher geholfen werden.

Das Team um Prof. Dr. Klaus Begall hat bereits weit über 50 Betroffenen mit der neuen OP-Methode helfen können, berichtet der Chefarzt der Hals-Nasen-Ohrenklinik im Halberstädter Krankenhaus. "Wir gehen auf die 100 zu", ergänzt Oberarzt Dr. Jörg Langer, "und helfen so Patienten weit über die Harzregion hinaus".

Inzwischen hat das Team auch niedergelassene HNO-Ärzte, Haus- und Kinderärzte über die neue Methode informiert. "Wir laden etwa dreimal im Jahr die niedergelassenen Kollegen zu Weiterbildungsrunden ein. Dabei machen wir sie oft mit solchen neuen Methoden bekannt", sagt Begall. "Manchmal übertragen wir dazu auch eine OP auf Leinwand." Bei der jüngsten Weiterbildung hätten die Mediziner auf diese Weise Dr. Jörg Langer und Dr. Wolfram Pethe auf die Finger schauen können.

"Bei der neuen Methode müssen zwei Ärzte gemeinsam operieren" erklärt Begall, "aber für den Patienten ist es letztlich nicht so belastend wie das herkömmliche Verfahren. Wobei man natürlich vorher immer genau abklären muss, was die Beschwerden verursacht und ob diese Therapie überhaupt sinnvoll ist." Wobei manche Beschwerden der Patienten überhaupt erst durch das neue Verfahren gelindert werden könnten.

Die Ohrchirurgen in Halberstadt kennen die neue Methode schon länger, hätten aber erstmal beobachtet, welche Erfahrungen damit gemacht werden. "Wir wollen den Menschen hier nur Dinge anbieten, die wir für sicher und sinnvoll halten", so Begall.

In Bielefeld sei die Tubendilatation vor rund vier Jahren erstmals angewandt worden, nachdem es erste Erfahrungen in den USA damit gegeben habe. "Als wir sahen, das läuft ganz gut, haben wir im September 2013 begonnen, dieses Verfahren zu übernehmen." Mittlerweile kommen die Patienten nicht nur aus dem Harzkreis, sondern auch aus Thüringen und Niedersachsen.

Wenn chronische Mittelohrentzündungen vorliegen, ist oft eine verengte Ohrtrompete die Ursache. Hier setze das Verfahren an. Operiert werde durch die Nase, erklärt der Chefarzt. Schmale Schläuche werden bis zu einem bestimmten Punkt in die Ohrtube eingeführt. An einem der Schläuche befindet sich ein kleiner Ballon, der mit Wasser aufgepumpt wird. Dadurch wird das Gewebe im Ohr geweitet. Das wiederum sorgt dafür, dass gestautes Sekret abfließen kann und das Ohr wieder besser belüftet wird. Oft verbessert sich anschließend auch die Hörfähigkeit der Patienten.

Der Eingriff ist zwar ein minimalinvasiver, erfolgt aber dennoch unter Vollnarkose. "Wir arbeiten mit einem Druck von zehn Bar. Das ist wirklich extrem schmerzhaft, wenn man bei Bewusstsein wäre", erklärt Oberarzt Langer. Insgesamt dauere der Eingriff 20 bis 30 Minuten, wenn man auf beiden Seiten die Ohrtrompete weiten muss. Der hohe Druck wird für zwei Minuten auf das Gewebe ausgeübt, damit es sich richtig dehnt und der erhoffte Erfolg eintritt.

"Noch liegen keine Langzeiterfahrungen vor", sagt Langer, "aber es ist wie bei vielen Eingriffen - die Probleme könnten trotzdem wieder auftreten. Doch die bisherigen Erfahrungen stimmen uns optimistisch."

An der HNO-Klinik werden im Jahr rund 4700 Patienten behandelt, im gesamten Krankenhaus sind es 24 800 berichtet Klaus Begall.

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