Am Tag nach dem Bombenfund ist der Alltag in Halberstadt zurückgekehrt. Der 75-Kilogramm-Sprengkörper wartet nach seiner Entschärfung und dem Abtransport auf die endgültige Vernichtung. Und das Rentner-Ehepaar, das viele Jahre auf dem Pulverfass lebte, sucht Ruhe.

Halberstadt/Magdeburg l Der erste Eindruck täuscht. Ingeborg Schmidt ist alles andere als gelassen und entspannt. Zu frisch ist noch die Aufregung, zu nah sind noch die vielen dramatischen Momente, die sie und ihr Partner Werner Sülflow wenige Stunden zuvor durchstehen mussten. "Wer findet schon eine Bombe mitten in seinem Garten", sagt die 75-Jährige kopfschüttelnd. Erst jetzt - mit gewissem Abstand - werde ihr so richtig klar, auf welchem Pulverfass sie seit ihrem Einzug in jenes Haus in der Westerhäuser Straße gelebt hat.

"Seit 1960 wohne ich hier. Damals ist das Haus neu gebaut worden." Und seither lag wenige Meter neben der Veranda in rund 1,80 Metern Tiefe die Fliegerbombe. Zwar arbeitet Werner Sülflow am Tag eins nach den hektischen Ereignissen zusammen mit einem Helfer schon wieder am neuen Sickerschacht - der müsse ja fertig werden. "Danach buddeln wir hier in diesem Garten garantiert nicht mehr", sagt der Maschinenbauschlosser.

Beim Versuch, den hohen Grundwasserpegel auf ihrem Grundstück mithilfe des rund 2,50 Meter tiefen Schachtes abzusenken und Wasser vom Keller fernzuhalten, hatte das Paar am Dienstagmorgen die tickende Zeitbombe freigelegt. Als Werner Sülflow gegen 9 Uhr den metallischen Gegenstand erreichte, schwante ihm schnell was Böses. "So tief liegt doch kein Rohr mehr." Als er vorsichtig die Erde beiseite schob und der rostige Metallzylinder mehr und mehr sichtbar wurde, hatte der 77-Jährige keinen Zweifel mehr.

Bei Ingeborg Schmidt wurden mit den Fund schlagartig Erinnerungen wach. "Vor Jahren wurde direkt vor dem Haus unter den Gleisen der Straßenbahn eine riesige Bombe gefunden. Die lag keinen halben Meter tief." Damals habe sie plötzlich ein Mann angesprochen und mit einem Satz schockiert: "Frau Schmidt, bei Ihnen im Garten liegt auch eine Bombe."

Ein Satz, den die damals alleinstehende Frau mit Entsetzen registrierte, aber mit einer gewissen Hilflosigkeit beiseite schob. "Eine Bombe, bei mir im Garten - bloß nicht." Der Mann starb später, weitere Hinweise auf das tödliche Erbe des Zweiten Weltkrieges gab es nicht. Die gelernte Floristin, die viele Jahre im nahen Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte arbeitete, vergaß den Hinweis.

Dienstagmorgen war die tragische Vergangenheit von Halberstadt mit dem großen Bombardement am 8. April 1945 augenblicklich wieder präsent.

Die Polizei zog nach dem Fund eilig Kräfte von Landes- und Bundespolizei zusammen. Während der Entschärfung der Bombe mussten rund 2800 Einwohner im Umkreis von rund 300 Metern ihre Häuser verlassen. Um 19.59 Uhr hatten Olaf Machnik, Ingo Wiedemann und Bernd Rose, drei Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, dem tödlichen Weltkriegserbe seinen Schrecken genommen.

"In den drei eingerichteten Sammelunterkünften waren gut 100 Menschen untergebracht", berichtet Manuel Slawig von der Kreisverwaltung am Tag nach dem Ausnahmezustand. Kritik habe es im Krisenstab der Kreisverwaltung an 18 Anwohnern gegeben, die der vorsorglichen Evakuierung nicht nachgekommen seien.

Wie wichtig die Evakuierung war, unterstreicht der Sprecher des technischen Polizeiamtes, Axel Vösterling, am Mittwoch noch einmal. Trotz aller Vorsicht, trotz des Fachwissens der Entschärfer, die in Dresden eine Spezialausbildung bekommen, bleibe immer ein Restrisiko.

Wie gefährlich ihr Job ist, wurde im Juni 2010 in Göttingen auf tragische Weise deutlich: Damals explodierte eine Zehn-Zentner-Fliegerbombe kurz vor der Entschärfung und riss drei Profis vom Entschärfungsteam in den Tod. Anfang dieses Jahres bezahlte in Euskirchen bei Bonn ein Baggerfahrer den Kontakt mit einem im Bauschutt versteckten Blindgänger mit seinem Leben.

Die 75-Kilogramm-Fliegerbombe, die am Dienstag in Halberstadt gefunden wurde, bereitete den Sprengmittelexperten kaum Kopfzerbrechen. Allein die Lage des Geschosses inmitten von Kalk-Gestein in knapp zwei Metern Tiefe machte Schwierigkeiten. Ein Bagger musste her, um das Geschoss samt Zünder freizulegen. Als Truppführer Olaf Machnik den Zündmechanismus entfernt hatte, hatte der gut einen Meter lange rostige Stahlkörper seine Gefährlichkeit fast verloren. "Ein Funke würde zwar immer noch genügen, aber bei entsprechendem Transport ist die Gefahr nun überschaubar", so Vösterling.

Die Bombe wurde gleich nach der Bergung verladen und ins Lager der Kampfmittelexperten abtransportiert. Dort werde der Körper nun entweder zersägt und die Sprengladung fachgerecht vernichtet oder komplett gesprengt. Generell gebe es bei Bombenfunden drei mögliche Wege: Entschärfen vor Ort und abtransportieren zur Vernichtung. Abtransport und gezielte Sprengung in einem abgelegenen Areal. Oder - wenn die ersten beiden Varianten unmöglich seien - die Sprengung vor Ort.

"Blindgänger werden über die Jahre immer gefährlicher", warnt der 49-jährige Polizeihauptkommissar Vösterling. Niemand wisse, welchen Schaden der Zünder beim Aufschlag genommen habe. Über die Jahrzehnte habe der Rost am Metall genagt, der Sprengstoff selbst bleibe weiter brandgefährlich. "Wir reden von TNT, das büßt selbst im feuchten Zustand nichts von seiner Sprengwirkung ein. Ein Gramm genügt, um die Hand abzureißen."

Niemand könne abschätzen, wie viele Bomben noch im Erdreich schlummern. "Unsere landesweit acht Truppführer des Bergungsdienstes haben fast täglich mit Funden zu tun", sagt der Hauptkommissar. 112 Blindgänger seien allein 2013 entschärft worden.